"Berliner Lektionen"

Wenn Anne Will zur Befragten wird

Seit Sonntag läuft die letzte Saison der "Berliner Lektionen". Mit dabei: Anne Will. Unter dem Titel "Die Kunst des Fragestellens" tauschte sich die ARD-Talkmeisterin mit drei Kollegen über die Kommunikationsrituale des öffentlichen Lebens aus. Und wurde dabei zum Gesprächsrowdy.

Foto: NDR/Wolfgang Borrs / NDR/Wolfgang Borrs/NDR Presse und Information

Wer ohne Vorkenntnisse ins Renaissance-Theater gekommen ist, könnte meinen, hier würde „Anne Will“ in einem hübscheren Rahmen aufgezeichnet. Wie zu jedem Beginn ihres Talks gießt die Moderatorin allen auf der Bühne frisches Wasser ein, schaut sich umsichtig um, ob sie auch gut sitzen. Das nimmt der eigentliche Diskussionsleiter der Lektionen kurz und mit hochgezogener Braue hin. Schnell holt sich Freitag-Herausgeber Jakob Augstein die Moderationshoheit zurück und eröffnet den Dialog: „Die Sonntagsmatinee der Berliner Lektionen erfüllt heute die Funktion des Kirchganges. Sie bietet Einkehr und Erkenntnis. Deshalb stellen wir an ihr Ende keine Deklamation oder Proklamation, sondern eine Frage.“

Die Erste wird prompt an die leicht verdatterte Anne Will gerichtet, die sich noch an ihre neue Rolle als Befragte gewöhnen muss. Augstein will ihr in die intimsten Fragekärtchen schauen, in die, die sonst niemand sehen darf. Direkt fordert er Anne Will auf, zu erklären, wie denn gute Fragen gestellt und eine gute Talkshow gemacht werden müssten. Ein wenig zögerlich gibt Will preis, dass ihre Runde immer aus den gleichen Komponenten bestehe: „Ja“, „Nein“, „Ja, aber“, „Nein, aber“ und einer fünften Position. „Jeder der so eine Talkshow macht, arbeitet darin mit den üblichen Methoden, “, bekennt die Moderatorin ehrlich, „viel mehr ist da nicht drin.“ Eine Frage müsse für sie knackig sein, eine Idee transportieren, eine Richtung haben und vor allem einfach sein. Das nimmt Augstein als Vorlage: „Und Herr Brodbeck, macht Frau Will ihre Sache gut?“ Der Kreativitätsforscher weicht auf einen Heidegger-Exkurs aus, um dann doch noch zu antworten, dass „Anne gerade das gut macht, dass sie die Frage immer an `jemanden' richtet.“. Dann erklärt er, dass Fragestellungen im Parlament ins Leere laufen müssten, weil sie eben an keine Person gerichtet wären.

Der aufgeworfene Diskurs

Die nächste Frage des sokratischen Augstein geht an Rüdiger Safranski: „Im Hebräischen steht Frage auch gleichzeitig für Unterwelt. Sind Fragen für Sie die Hölle?“ Der Co-Moderator des „Philosophischen Quartetts“ winkt ab, es werde in der Philosophie viel zu viel Aufheben um die Frage an sich gemacht. In seinem Talk versuche er ein „resultatives Paket zu schnüren“, aber offene Fragen, die über das Thema hinausgehen und tiefer gehende Erkenntnis liefern könnten, wären in dem Format gar nicht denkbar.

Das sieht Anne Will anders. Sie glaubt daran, dass auch in Talkshows Sternstunden des Erkenntnisgewinns möglich sind. „Ist eine Talk-Show gut gemacht, dann kann sie einen Diskurs aufwerfen.“ Dass sie sich selbst meint weiß in diesem Augenblick jeder - der gebührende Respekt wird ihr aber trotzdem nicht gezollt. „Das wäre jetzt auch mal einen Applaus wert.“, ärgert sich Will. Das Publikum klatscht milde. Für Augstein ist das aber ein deutlich zu hoher Anspruch an den Talk, Anne Will platzt ihm dazwischen: „Aber es passiert.“ In ihrer Show hätte sie sich jetzt selbst ermahnen müssen.

Rüdiger Safranski, schon nervös mit dem Fuß scharrend, schaltet sich mit einer rhetorischen Frage ein, um Augstein zu unterstützen: „Wann macht ein Gespräch richtig Spaß?“, holt er aus. Anne Will gibt unerwartet wieder den Gesprächsrowdy, unterbricht ihn mit: „Wem Ihnen, oder was?“ Safranski lächelt kurz, antwortet dann aber unbeirrt seiner eigenen Frage: „Nein, es soll allen Spaß machen. Und das macht es, wenn es nicht benutzt wird, um das Bewirtschaften der eigenen Meinung voranzutreiben. Ein richtig schönes Gespräch entsteht, wenn man von sich selbst überrascht wird.“ Dafür spendet ihm das Publikum freiwillig Beifall.