Ex-Beatle

John Lennon liebte das "aggressive" New York

Er mochte die Stadt wegen ihrer Unfreundlichkeit und Aggressivität: Deshalb verbrachte John Lennon seine letzten Jahre in New York. Diesen Lebensabschnitt thematisiert jetzt eine Ausstellung, natürlich in New York. Es gibt viele Nachlassstücke zu bestaunen. Leider ist der Mord an Lennon ständig präsent.

„Ich mag New Yorker, weil sie keine Zeit für die Nettigkeiten des Lebens haben. Darin sind sie mir ähnlich“, rühmte John Lennon 1974 die Bürger seiner Wahlheimatstadt, „sie haben eine natürliche Agressivität, sie halten nichts davon, Zeit zu vergeuden.“

Er habe sich an jeder Straßenecke in New York verliebt, schwärmte er ein anderes Mal. New York war für den Mann mit einem der bekanntesten Gesichter des Erdballs und Yoko Ono, der meistgehassten Ehefrau des Rock'n'Roll, von August 1971 an die nahezu ideale Annäherung an den Western-Mythos reformierter Revolverhelden: Hingehen, wo einen niemand kennt, ein neues Leben beginnen. Der eine ohne Revolver. Lennon ohne die Belästigungen seines Ruhms. Über Jahre auch ohne Musik, nichts Weltbewegenderes tuend als Brot zu backen und mit seinem Sohn Sean zu spielen.

Er irrte nicht im Vertrauen auf seine Mitbürger. New York in den siebziger Jahren war eine raue, gefährliche, schmutzige, von Drogen und einem Fastbankrott beinahe ruinierte Metropole. Aber es war kein New Yorker, der John Lennon am 8. December 1980 um 22.50 Uhr in der 72. Strasse vor dem Eingang des Dakota-Gebäudes mit vier Kugeln in den Rücken tötete.

Mark David Chapman (25), ein feister Fan mit Elvis-Pilotenbrille aus Texas, wartete seelenruhig auf die Polizei. Er wurde als Totschläger zu 20 Jahren bis lebenslang verurteilt; fünfmal bis heute wurden Chapmans Gesuche abgelehnt, auf Bewährung freigelassen zu werden.

„Ich kann einfach durch diese Tür hinausgehen ins nächste Restaurant“ hatte John Lennon , gerade vierzig Jahre alt, am 6. Dezember einen BBC-Reporter belehrt: „Können Sie sich vorstellen, wie großartig das ist?“

Von dem Täter ist nie die Rede in der Ausstellung „John Lennon: The New York City Years“ in der Rock'n'Roll Hall of Fame Annex New York. Von dem Mord ständig. Lennons blutverschmierte Brille, von der Witwe im Februar 1981 an einem Fenster ihres Appartments im Dakota-Building fotografiert, starrt den Betrachter von einem Poster an.

Die Objektkünstlerin Yoko Ono hat es im Jahr 2000 zum 60.Geburtstag und 20. Todestag veröffentlicht und im Januar 2009 mit neuen Zahlen aktualisiert: „Mehr als 932.000 Menschen sind in den USA durch Schusswaffen getötet worden, seit John Lennon am 8. Dezember 1980 erschossen wurde.“ Eine Tafel neben dem Poster vermerkt, dass dieses verblutete Totenheer sechszehn Mal die Zahl aller in Vietnam getöteten amerikanischen Soldaten übertrifft. Kommentare erübrigen sich.

Manche Erfahrungen sind sonderbar in dieser Ausstellung von Memorabilien und Nachlassstücken. Sie springt makaber hin und her zwischen Eros und Thanatos, versöhnt Liverpooler Arbeiterhumor, New Yorker Rotzigkeit und Weltfriedensstiftung. Von Yoko Ono offenkundig gewünscht ist der morbide Zug. Er gipfelt in dem Exponat „Bag of Clothes, December 8, 1980“.

Die fleckig braune Papiertüte mit dem Aufdruck „Patient's Pelongings“, hinter Glas und in Plastikfolien eingeschweisst, erhielt Lennons Ehefrau vom amtlichen Leichenbeschauer Anfang 1981 zurück Sie notiert dazu: „John war der König der Welt. John, der alles hatte, was ein Mann je ersehnen könnte – dieser Mann kam am Ende zu mir in einer brauen Papiertüte zurück.“ Kein Zufall dürfte auch sein, dass keine zwei Meter davon ein Songtext hinter Glas liegt, geschrieben am 5. Juli 1980 in Bermuda: „Grow Old With Me.“

Der Mord verfolgt einen zu den arglosesten Exponaten; er verfälscht für Momente die Wahrnehmung. Bei dem weißen Touristen--Shirt mit dem Schriftzug „New York City“ etwa, das sich Lennon 1973 zu eigen machte, indem er die Ärmel abschnitt. Es ist fleckig. Blut? Dreck. Wer immer das Hemd ungewaschen ließ, weiß, was Autionshäuser schätzen.

Die Fotos des schmächtigen Wahl-New-Yorkers im Muscle-Shirt sind berühmt. Wie schmal, in Gesicht wie Schultern, John Lennon war, zu Anfang der Beatles fast pummelig, erschließen seine Kleider. Die Army-Jacke, die er auf einem Konzert 1972 trug (der Film läuft in Endlosschleife), ein Bademantel mit „Elvis“-Aufschrift; die Nickelbrille „Eyeglasses, c. 1971, Standard issue British National Health Service“.

Lennon trug sie bei seinem Exkurs als Schauspielersoldat in „Wie ich den Krieg gewann“ (1966). Für den Star mögen diese Jahre hysterischer Verehrung und unfassbar fruchtbarer musikalischer Arbeit mit den Beatles die Erinnerung gewesen sein an einen Krieg, aus dem er 1970 desertierte und ihn so zu gewinnen glaubte. Uns übrige macht die Nickelbrille mit den starken Gläsern dankbar lächeln.

Natürlich drängt sich New York vor. Dokumentiert ist in Briefen und Fotos Lennons Kampf um Bleiberecht in den USA, nachdem ihm die Nixon-Regierung wegen einer Marihuana-Bagatelle in England die Einwanderungsbehörde auf den Hals geschickt hatte. „Ihr Visum ist am 29. Februar 1972 abgelaufen“, wurde John Lennon vom US-Justizministerium informiert, seine Ausweisung sei für den 6. März anberaumt.

Ein Bittbrief des New Yorker Bürgermeisters John Lindsay vom 27. April, der Lennons künstlerische Verdienste um die Stadt und seine pazifistische Haltung rühmt, liegt gleich daneben. Der Kampf gegen Washington und das FBI, die den unwillkommenen Ausländer zeitweise observierte, währte Jahre. Fotos zeigen John Lennon mit seiner Green Card, datiert 27. Juli 1976. Er sieht glücklich aus.

Handgeschriebene Songtexte mit Streichungen beweisen, dass Lennon, der begabte Zeichner und Dichter, keinen kalligraphischen Ehrgeiz besaß. „Beautiful Boy“, „(Just Like) Starting Over“, „Woman“ liegen in Vitrinen wie Einkaufszettel. Lennons Songtexte, so scheint es, wurden geboren wie Menschen, verschmiert und ohne Pathos.

Was immer man von John Lennons Schaffen in seinen New Yorker Jahren hält, von seiner ungeheuren Zeitverschwendung und den wüsten, agitatorischen, comicartigen, sentimentalen, grandiosen Songs: New York hat ihn und sie gefärbt, als der Liverpooler Weltstar auszog, in New York das wahre Leben zu lernen.