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Woody Allen wird 75 und ein bisschen weise

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Hanns-Georg Rodek

Vor 20 Jahren war er abgeschrieben. Doch Woody Allen überstand die Krise, obwohl Komiker ein schnelleres Verfallsdatum haben als dramatische Schauspieler.

In seiner regelmäßigen Kolumne „Shouts and Murmurs“ in dem Magazin „The New Yorker“ erzählte Woody Allen vergangenes Jahr die Geschichte von Abe Moscowitz, „der von einem Herzanfall gefällt und als Hummer wiedergeboren wurde“. Moscowitz findet sich in dem Aquarium eines Fischlokals der Upper East Side, umgeben von anderen Krabben, unter denen er seinen alten Gin-Rommé-Freund Moe Silverman erkennt. Die beiden Krustentiere beginnen eine Diskussion über die Geheimnisse der menschlichen Existenz, Religion und die Eskapaden des Universums.

Das hätte, in seiner skurrilen Sinnsuche, auch ein Allen-Text aus den Siebzigerjahren sein können, als sich zuerst die New Yorker in Woodys Figuren verliebten, weil sie sich darin so gezeichnet sahen, wie sie gern gewesen wären, und dann der Rest der Welt, der fernab sehnsuchtsvoll den Rhythmus und das Lebensgefühl der Weltstadt aufnahm.

Das ist mehr als drei Jahrzehnte her – und Woody Allen gibt es immer noch, in gewissem Sinn sogar mehr denn je. Er dreht weiterhin zuverlässig einen Film pro Jahr, er tritt damit auf den roten Teppich eines großen Festivals, und zu seinem allerneusten hat er wahrscheinlich mehr Interviews gegeben als in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Karriere zusammengenommen.

Ein paar Vergleiche lassen die Singularität des Phänomens an dessen 75. Geburtstag erkennen. Truffaut und Fellini in diesem Alter – bereits tot. Bergman – zog sich mit 65 vom Kino zurück. Welles – machte Werbespots für billigen kalifornischen Wein. Dazu kommt, dass Komiker ein schnelleres Verfallsdatum haben als dramatische Schauspieler. Chaplin, Keaton, Lloyd, Lewis – in Allens Alter waren sie lediglich Erinnerungen, keine Präsenzen mehr. Und was tut eigentlich Jim Carrey?

Was Woody Allen an seinem Ehrentag tut, kann blind beschrieben werden, da es jedes Jahr am Geburtstag so ist: Er steckt in der Nachbearbeitung seines nächsten Films, „Midnight in Paris“ mit Rachel McAdams, Marion Cotillard und Carla Bruni (jawohl, Madame Sarkozy).

Ist man so unhöflich, die Alter seiner Darstellerinnen zu addieren und durch drei zu teilen, ergibt sich die Zahl 36. Eines der Geheimnisse der andauernden Allenschen Präsenz ist planvolle Verjüngung. Man kann getrost auch jenen ungeplanten Moment im Jahre 1992 dazuzählen, als seine langjährige Ehefrau und Hauptdarstellerin Mia Farrow auf dem Kaminsims der gemeinsamen Wohnung Polaroids einer nackten Frau entdeckte, der 21-jährigen Soon-Yi Previn, Farrows Adoptivtochter aus einer vorigen Ehe.

Es war der Beginn einer Reihe von Trennungen: von Mia Farrow, den Kindern, deren Sorgerecht die Mutter erhielt – und von seiner Filmvergangenheit. Woody, das war über 20 Jahre nicht nur ein Frontmann gewesen, sondern ein Team: Cutterin, Ausstatter, Kameramann, Standfotograf – all das Konstanten, wie die wiederkehrenden Gesichter von Diane Keaton, Mia Farrow, Tony Roberts und Dianne Wiest. Sie alle wurden im Laufe der Neunziger von Allen pensioniert, aus persönlichen Gründen, da sie gegen Gagenkürzungen protestierten – oder weil sie nicht mehr in das neue Woody-Zelebritäten-Universum passten.

Allen hatte sich schon immer gern mit Gaststars geschmückt, von Meryl Streep („Manhattan“) über Susan Sontag („Zelig“) bis zu Michael Caine („Hannah und ihre Schwestern“). Mit „Celebrity“, das die Auswüchse der Ruhm-Unkultur persiflierte, begann er eben jenes Prinzip für sich selbst zu nützen. „Celebrity“ vereinte Winona Ryder (noch heiß) mit Kenneth Branagh (hoch angesagt), Charlize Theron (bald sehr heiß) und Leonardo DiCaprio („Titanic“-heiß!).

Man kann Allen-Filme seitdem als Gradmesser für Angesagtheit benutzen: Wer bei Woody auftaucht, ist vielgefragt: Sean Penn, Uma Thurman, Hugh Grant, Christina Ricci, Will Ferrell, Scarlett Johansson, Hugh Jackman, Colin Farrell, Ewan McGregor, Penélope Cruz, Javier Bardem, Naomi Watts. Der Deal, selbst für Stars aus der ersten Reihe, war nie ein finanzieller, Woody zahlte nur zehntausend Dollar pro Woche, einen Bruchteil der üblichen Gagen. Es geht um Renommee-Austausch: Die Jungen dürfen mit dem meistverehrten aktiven Filmemacher arbeiten, und der profitiert von ihrer Zugkraft.

Die Formel nützte sich aber schnell ab, weil Allens Filme („Schmalspurganoven“, „Im Bann des Jade Skorpions“, „Melinda & Melinda“) immer substanzloser wurden, süße Soufflés, kaum gegessen, schon vergessen. Es bedurfte einer weiteren Zäsur: Als die US-Studios ihm kein Geld (zu Allenschen Maximalbedingungen) mehr gaben, ging er nach Europa, das ihn mit offenen Armen aufnahm. Mit „Match Point“, unter dessen freundlicher Oberfläche das Gemeine der Menschen und die Ungerechtigkeit des Zufalls lauern, gelang ihm einer seiner besten Filme, und mit „Vicky Cristina Barcelona“ einer seiner erfolgreichsten.

Sein Barcelona-Ausflug zeigt auch die Grenzen der Selbstneuerfindung des Mr. Allen. Die Gesichter sind frisch, die Kleider modisch, die Sitten locker – aber der Film hinkt haargenau einen Schritt hinter dem Lebensgefühl hinterher; wen es nach Zeitgeist pur verlangt, der sehe ab Weihnachten Tom Tykwers „Drei“. Und dramaturgisch wirken die neuen Woodys wie guten alte Boulevardkomödien, die ein paar neue Haken schlagen.

Wie seine Krabbenkomödie. Abe sieht den Anlagebetrüger Bernie Madoff das Lokal betreten, und als der Moscowitz und Silverman zum Verzehr auswählt („Erst betrügt er mich um meine Ersparnisse, nun vertilgt er mich noch in Buttersoße!“) stürzen die Krabben ihr Bassin um und kneifen ihn, bis Madoff unter dem Beifall der Gäste das Weite sucht.