Waldbühnen-Konzert

Beethoven mit Barenboim in Berlin grandios

Mit Beethovens Musik die Grenzen von Staaten, Religion und alten Feindschaften überwinden – das hat das West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung des Stardirigenten Daniel Barnboim am Sonntagabend in der Berliner Waldbühne eindrucksvoll gezeigt.

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Während in ihren Heimatländern im Nahen Osten, Israel einerseits, Ägypten, Syrien und die palästinensischen Autonomiegebiete andererseits, die Menschen einander mit Waffen bedrohenden, griff das West-Eastern Divan Orchestra vereint wieder zu seinen Instrumenten und spielte sich mit ihrer Musik in die Herzen der Menschen. So geschehen auch am Sonntagabend in der ausverkauften Berliner Waldbühne mit Beethovens achter und neunter Sinfonie.

Voller Bewunderung, Bewegtheit und tiefer Anteilnahme ließ sich das Publikum von Dirigent Daniel Barenboim und seinem Versöhnungsorchester mitnehmen auf Beethovens Reise in eine Welt, in der alle Menschen Brüder werden.

„Ich möchte, dass das Publikum beeindruckt ist von den Gesichtern auf der Bühne. Es sind quasi die gleichen Gesichter, die im Fernsehen Opfer der Gewalt sind“, sagte Stardirigent und Humanist Barenboim kurz vor Konzertbeginn, um dann hinzuzufügen: „Das Erstaunen darüber darf eine Minute dauern, und dann soll das Publikum allein die Musik genießen!“ Doch der Rat, die Augen dafür zu schließen, war gutgemeint, aber schwer zu beherzigen. Nicht nur, dass die jungen, im Durchschnitt 27 Jahre alten Geiger, Flötistinnen und Cellisten den Kosmos des zerrissenen Nahen Osten widerspiegeln, die Gesichter strahlen mit ihren frischen Zügen umrahmt von prächtigen Haaren jugendliche Lebenskraft aus, wie man sie schlicht gern betrachtet.

Noch lieber hätte man eine Dosis mehr davon bei der Musik gespürt. Denn obwohl die Schillerschen „Ode an die Freude“-Verse wie „Wem der große Wurf gelungen, Eines Freundes Freund zu sein“ scheinbar gemacht für dieses Vielvölker-Orchester waren, stellte sich ein mitreißender Elan bei den Musikern nicht ein. Da mochte Daniel Barenboim, hauptberuflich Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, auf seinem Podest packend die Arme schwenken wie er wollte, sein West-Eastern Divan Orchestra kam mit der Energie nicht hinterher. Sofaklassik, statt vom Hocker gerissen zu werden. Vielleicht sind die jungen Talente nach den zahlreichen und spektakulären Auftritten wie zum Beispiel in der entmilitarisierten Zone in Korea oder in Beijings Verbotener Stadt einfach erschöpft. Erst im dritten, langsamen, ergreifenden Satz der Neunten, übrigens eine Lieblingsstelle des Dirigenten, sprang der Funke von der Bühne auf das Rund der Waldbühne über.

So lag es im Finalsatz mit Schillers „Ode an die Freude“ am hervorragenden Staatsopernchor und den Gesangsolisten, darunter Mezzosopranistin Waltraud Meier, Sopranistin Anna Samuil und Bass Renè Pape, um Beethovens letzter Sinfonie (Uraufführung 1824) doch noch zu Gefühl und Spektakel zu verhelfen.

Die Waldbühne schreit schließlich nach großem Kino.

Vielleicht waren es doch die Nachrichten aus der Heimat, die ihren Schatten auf die Bühne warfen? Daniel Barenboim machte keinen Hehl daraus, dass die Fernsehbilder alle jungen Musiker aufwühlen.

Das Publikum war vielleicht gerade wegen der aktuellen Situation dem Orchester, in dem ganz bewusst immer ein israelischer Geiger neben einem arabischen Kollegen spielt, aufrichtig zugetan. So bewunderte Bundespräsident Christian Wulff, der von seiner Frau Bettina begleitet wurde, im Gespräch mit Morgenpost Online die Haltung der jungen Musiker zueinander. Der einzige Weg, der im Nahen Osten zu einer zukunftsfähigen Lösung führe, so Wulff, müsse von Respekt und Verständnis erfüllt sein, so wie es das Orchester vorleben würde.

Daniel Barenboim, der mit seinem inzwischen verstorbenen Freund Edward Said das Ensemble gründete und nach der Gedichtesammlung Goethes benannte, wurde just dafür von einer Künstlervereinigung für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Er sei dankbar dafür, sagte er am Sonntagabend am Rande des Konzerts. Aber äußern werde er sich nicht dazu. Denn falls er den Preis bekommt, würde ihm schon das Richtige einfallen, und wenn er ihn nicht bekommt, wäre es nur richtig, vorher geschwiegen zu haben. Eine Nachricht verkündete er dann doch noch: Nobelpreis hin oder her, das West-Eastern Divan Orchestra soll ab sofort jeden Sommer in der Waldbühne gastieren.

Nach dem letzten Akkord gab es Riesenapplaus und bewegte Gesichter überall.