Palast Orchester

Max Raabe ist auch mit Krawatte ein "Chaot"

Seit Jahren führt Max Raabe erfolgreich sein Publikum auf musikalische Zeitreise. Mit Morgenpost Online sprach der Sänger über sein Erfolgsgeheimnis und modische Marotten.

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Natürlich nimmt Max Raabe sein Publikum auch in seinem neuen Programm „Küssen kann man nicht alleine“ wieder mit auf eine Zeitreise in die stilvolle Vergangenheit. Damals, als Jeans noch verpönt waren, die Gesellschaft den fein aufblitzenden Humor der Zwischentöne schätzte und die Herren den Damen nicht nur beim Abgang von der Bühne galant den Vortritt zu lassen wussten. In pure Nostalgie verfällt der 48-jährige Schelllack-Bariton dabei indes nicht, denn gerade das Dutzend Lieder seines aktuellen Albums hat der Sänger gemeinsam mit der erfolgreichen Pop-Frau Annette Humpe kreiert. Vor seinem heutigen „Heimspiel“ mit dem Palastorchester in der Berliner Waldbühne traf Christoph Forsthoff den Mann, der bis heute ohne Handy auskommt.

Morgenpost Online: Wie erwirbt man sich auf einem westfälischen Bauernhof eine aristokratische Ausstrahlung wie die Ihrige?

Max Raabe: Sie hätten uns mal sonntags in die Kirche gehen sehen sollen! Nur weil man auf einem Bauernhof aufwächst, heißt das ja nicht, dass alle die ganze Zeit in der Nase bohren und sich nicht zu benehmen wissen – das ist ja ein komisches Vorurteil…

Morgenpost Online: …was ich keineswegs bedienen wollte – ich habe großen Respekt vor Landwirten.

Max Raabe: Meine Eltern haben immer auf Selbstverständlichkeiten geachtet: Dass man aufsteht, wenn man Leute begrüßt, dass man die Tür aufhält, dass man guckt, ob man irgendwo mit anfassen kann und erst anfängt zu essen, wenn alle etwas haben und auch den Tisch erst wieder verlässt, wenn alle aufgegessen haben. Oder auch, dass während des Essens keine Musik oder kein Fernseher lief. Und meine Onkels und Opas sind sonntags immer mit Krawatte und Anzug und Weste zum Mittag oder zum Nachmittagstee erschienen.

Morgenpost Online: Mal andersherum gefragt, was ist der Vorteil eines Einstecktuches?

Max Raabe: Natürlich ist es nichts weiter als eine eitle, überflüssige Attitüde – eine der komischen modischen Schrullen, die sich jeder irgendwie leistet. Man kann gut darauf verzichten. Der Vorteil ist: Wenn Ihnen jetzt ein Missgeschick passierte, dann könnte ich Ihnen mit einem Handgriff sofort ein Taschentuch reichen …

Morgenpost Online: …das nicht aus der Hosentasche kommt…

Max Raabe: …und wo man die fürchterlichste Vorgeschichte vermuten könnte. Sondern es ist an einer sichtbaren, sauberen Stelle da, wo es sofort zur Verfügung steht, wenn der Frau, mit der man abends weggeht ein Missgeschick passiert, wenn ihre Tusche verrutscht oder gar Tränen fließen – der Rührung, wohlgemerkt. Dann kann ich ihr dieses Taschentuch reichen und sie nimmt es dann mit nach Hause. Und bei passender Gelegenheit bekomme ich es – wenn sie wirklich eine Dame ist – dann gewaschen und gebügelt zurück.

Morgenpost Online: Angesichts Ihres offenbar schon früh ausgeprägten Sinns für Stil und Benimm erstaunt es ja, dass Sie seinerzeit kurz vor dem Abitur von der Schule geflogen sind.

Max Raabe: Obwohl man eine Krawatte trägt, kann man ja ein ziemlicher Chaot sein (lacht). Ich hatte miserable Zensuren in Mathe und in Griechisch und konnte mir aussuchen, wo ich eine Nachprüfung mache – doch da ich nicht fleißig genug war und stattdessen lieber durch die Welt gereist bin, wurde ich dann des Instituts verwiesen. Die Quittung dafür ist, dass ich heute singen und im Unterhaltungsgeschäft arbeiten muss. Hätte ich mal aufgepasst!

Morgenpost Online: Was macht denn das Erfolgsgeheimnis des Palastorchesters und Max Raabes aus?

Max Raabe: Man darf sich nicht verrückt machen lassen und muss seinem eigenen Geschmack vertrauen. Als wir anfingen, haben wir nur Sachen gemacht, die wir in dem Moment auch machen wollten: Wir haben ja nicht Musik aus den 20er Jahren genommen und dann einen duften Pop-Beat darunter gelegt, damit das richtig abgeht. Nein, wir haben das ganz reduziert und sehr orthodox auf die Bühne gebracht. Aus irgendeinem Gefühl heraus habe ich schon damals geahnt, dass man diese Musik genau wie das Vorbild aufführen muss, weil sie dann ihre größte Stärke hat.

Morgenpost Online: 25 Jahre mit dem Palastorchester auf der Bühne sind eine lange Zeit – doch Sie selbst sagen, Sie würden sich immer noch wie ein 17-Jähriger fühlen. Klingt nach der Attitüde eines Berufsjugendlichen.

Max Raabe: Auch als 17-Jähriger habe ich mich nie wie ein 17-Jähriger gefühlt – ich war nie ein typischer Jugendlicher und werde wahrscheinlich nie ein typischer alter Sack sein, sondern laufe, natürlich mit den äußeren Verfallserscheinungen, immer noch mit derselben Haltung durch die Welt wie mit 17.

Morgenpost Online: Ihr Auftreten wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten – und doch mögen Sie das Wort Nostalgie nicht.

Max Raabe: Das Wort Nostalgie an sich ist ja sehr schön, nur wird es gern verwendet mit dem Beigeschmack „Früher war alles besser“ und „Die gute alte Zeit“ – und dann finde ich es unpassend für das, was ich mache. Denn es war weiß Gott nicht alles besser, und es ist auch nicht die gute alte Zeit. Das will ich eben alles nicht damit verstanden wissen. Mir geht es um die Zeitlosigkeit dieser Musik und den zeitlosen Humor der Texte.

Morgenpost Online: In einem Interview haben Sie gesagt, Sie träumen von Orten, an denen es keine Musik gäbe.

Max Raabe: Ich mag es einfach nicht, wenn permanent überall Musik gespielt wird.

Morgenpost Online: Resultiert diese Dauerberieselung aus einer Angst vor der Stille?

Max Raabe: Ja, es herrscht offenbar bei vielen Menschen eine komplette Verzweiflung, sobald mal nicht irgendwie irgendetwas zu hören ist. Anscheinend liegen dann sofort die Nerven blank, wenn Menschen mal mit sich und einer bestimmten Ruhe konfrontiert werden. Dabei tut man sich doch keinen Gefallen damit, die ganze Zeit immer alles mit Musik zu verstrahlen. Man kann doch ganz anders Musik hören, wenn man vorher keine Musik gehört hat!

Morgenpost Online: Ihr Album heißt „Küssen kann man nicht alleine“ - da bleibt nur noch eine Frage: Wen küsst denn nun eigentlich Max Raabe?

Max Raabe: Da müssen Sie sich keine Gedanken machen – ich bin in den besten Händen.

WALDBÜHNE, heute, 20 Uhr, Karten unter 61101313.