Britpop

Oasis sind endlich tot. Es lebe Beady Eye!

Der größte Bruderstreit der Popgeschichte führte zur Gründung von Beady Eye. Begegnung mit der Band, die einmal Oasis war.

Liam Gallagher kommt zu früh. Von Kopf bis Fuß in Garderobe seines Modelabels Pretty Green gekleidet, schlendert er durch die Empfangshalle des Hotels "Landmark London", als gehörte sie ihm. Mit leicht nach außen gedrehten Beinen geht er federnden Schrittes umher, bewegt dabei ständig den Kopf und macht insgesamt den Eindruck einer menschlichen Marionette, so als führten Gliedmaßen, Oberkörper und Schädel jeweils ein Eigenleben, als seien sie nur dafür miteinander verbunden, um die Welt mit ihrer Herrlichkeit zu beglücken.

Seit sein Bruder Noel Gallagher die gemeinsame Band Oasis am 28. August 2009 im Streit verließ (wüste Beschimpfungen, Türenschlagen, eine zerbrochene Gitarre), ist Liam der Kopf der aus den Oasis-Resten geformten Nachfolgeband Beady Eye. Wobei die Band Wert darauf legt, keinen Kopf zu haben.

Ein volldemokratischer Verbund

Deshalb muss zum Gespräch auch die komplette Mannschaft anrücken. Der Manager sagt, bei einem volldemokratischen Verbund wie Beady Eye sei das auch gar nicht anders denkbar. Also sitzt man beim Interview vier Leuten gegenüber – obwohl, wenn man genau hinsieht, sind es eigentlich nur drei. Der Schlagzeuger Chris Sharrock fehlt. Wo ist Chris Sharrock? Keiner scheint ihn zu vermissen.

Vor das Gespräch hat die Band die Hürde einer Selbstverpflichtung gelegt. Man muss versichern, keine Fragen zu Liams Bruder Noel Gallagher zu stellen und keine zu Oasis. Denn Beady Eye sind eine andere Band, eine komplett neue – als sei es ein rätselhafter Zufall, dass sie aus vier Fünfteln der alten Band besteht, über die man jetzt nicht sprechen darf. Zur Bekräftigung des Sachverhalts gibt es ein neues Album. Es trägt den schönen Titel "Different Gear, Still Speeding" und klingt, man kann es nicht anders sagen, nach Oasis.

Schon die Erwähnung führt zu einer Runde misstrauischer Blicke. Gitarrist Gem Archer sagt: "Es war ja nicht so, dass Andy seine Reggae-Sammlung mit ins Studio brachte und dann vorschlug, Dancehall zu machen." Bassist Andy Bell sagt: "Es gibt natürlich eine Kontinuität. Wir sind wir." Aber: "Wir sind anders, verdammt", sagt Liam Gallagher und guckt ein wenig herausfordernd unter seiner scharf geschnittenen Ponykante hervor. Könnte man sagen, dass die neue Platte ein wenig leichter klingt? Nicht so überladen? Gem Archer überlegt. "Klarer, ich würde sagen: klarer", schlägt er vor. "Nicht so massiv", sagt Bell. "Aber trotzdem mit einem richtigen Punch", sagt Gallagher und boxt zur Bekräftigung mit den Fäusten in die Luft.

Liam Gallagher ist für jeden Gesprächspartner eine Herausforderung. Nicht nur, dass er nuschelt und sehr schnell spricht, er pflegt auch einen ausgeprägten Manchester-Akzent und verwendet Worte und Redewendungen, deren wahre Bedeutung wohl nur er selbst und seine Vertrauten kennen.

Andy Bell verteilt Kaugummis

Bekanntlich hatte Liam Gallagher außer seiner Großartigkeit, der Großartigkeit von Oasis sowie dem unendlichen Hass auf seinen Bruder bislang kaum Themen. Über beide kann und will er nicht sprechen, weshalb nur Beady Eye bleibt, zu denen es losgelöst von Oasis und Noel wenig zu sagen gibt. Auch Archer und Bell wissen nicht weiter, das Interview steckt fest. Vier ratlose Männer sitzen im Kreis und schauen sich an.

Beginnen wir noch einmal von vorne: Wie war das damals, als die Band, über die nicht gesprochen werden darf, plötzlich nicht mehr existierte? "Noch in der selben Nacht haben wir beschlossen, weiterzumachen", sagt Bell. "An der Hotelbar", präzisiert Archer. "Ich lass mir doch nicht von meinem Scheißbruder das Musikmachen verbieten, Vollidiot", schimpft Gallagher dazwischen. "Nur über meine beschissene Leiche!" Kurz sieht es so aus, als käme Liam Gallagher in Fahrt, dann erinnert er sich aber an die selbst auferlegte Beschränkung und sackt im Sessel in sich zusammen. Andy Bell verteilt Kaugummis.

Und jetzt? "Wird getourt." Ja, darauf freue man sich, auf die Bühne gehen, den Leuten eine gute Zeit bereiten, auf dass sie für eine Stunde oder zwei ihren Alltag vergessen. "Die Welt retten kann man nicht", sagt Gallagher. "Nee, kann man nicht. Doofe Hippies, die denken, dass man die Welt retten kann", sagt Archer und blickt auf der Suche nach Zustimmung in die Runde.

Ungerührt kauen Bell und Gallagher ihre Kaugummis. Archer, der kein Kaugummi hat, schweigt. Der Journalist nimmt einen Schluck Kaffee. Niemand sagt etwas. Kauen und schweigen. Der Journalist steht auf und verlässt den Raum. Die Band bleibt sitzen. Der Schlagzeuger wird an diesem Tag nicht mehr gesehen.

Beady Eye: "Different Gear, Still Speeding" (Beady Eye Rec.)