Klimawandel

Die schöne neue, außerdem noch grüne Welt

In der Klimapolitik erlebt die Welt einen ihrer großen historischen Momente. Mit einem Schlag sind wir alle Ökos geworden, und die Skeptiker verwandeln sich in gestrige Kauze. Wie konnte das nur so weit kommen?

Foto: KPA

Der Klimawandel ist da, und er verändert die Politik, vor allem aber die Kultur in rasender Geschwindigkeit. Vieles, was bisher galt, gilt nun nicht mehr. Konservative halten Umweltschutz nicht länger für Teufelszeug. Angela Merkel überholt die Grünen links und will nicht nur die Bundesrepublik, sondern gleich ganz Europa zum Klimaretter aufrüsten. In Amerika hat Al Gore die grüne Seele seiner Landsleute wachgeküsst, und selbst George W. Bush ruft die Nation inzwischen zum Energiesparen auf. Selbst China verabschiedet sich vom Ruf des rücksichtslosen Klimakillers. Ministerpräsident Wen Jiabao kündigte diese Woche stärkeres Engagement gegen Umweltzerstörung an.

Was an der neuen Umweltbewegung aber am meisten verblüfft, sind die Geschwindigkeit und Radikalität, mit der sie den Widerstand beiseite fegt. Der jahrzehntelange Expertenstreit, ob es eine vom Menschen verursachte Erderwärmung überhaupt gibt, ist wie weggepustet. Die Sache ist klar entschieden. Spiel, Satz, Sieg für die Umweltschützer.

Es gab gar nichts aus dem guten alten Protest-Arsenal

Wie konnte das geschehen? Vor allem: Wie kam dieser Überraschungssieg zustande, obwohl die hauptberuflichen Erregungsbeamten von Greenpeace und Attac eigentlich gar nichts getan haben? Es gab keine Massenmärsche, keine Schornsteinbesetzungen und keine Schlauchbootaktionen. Ja, es gab noch nicht einmal ein anständiges Logo. Keinen Autoaufkleber wie bei der Anti-Atomkraft-Bewegung, keine bunten Pace-Fahnen wie bei Attac-Aufmärschen, keine Promi-Unterschriften-Aktionen, keine Petitionen, keine Straßenschlachten. Es gab dieses Mal einfach gar nichts aus dem schönen alten Protest-Arsenal. Trotzdem hat es geklappt. Oder vielleicht gerade deswegen?

Wer also hat den Wetterumschwung für das Klimathema geschafft, wenn nicht die Kampagnen-Profis der Betroffenheitsgesellschaft? Es gibt zwei Hauptverantwortliche: die Uno und das Wetter. Die Klimaberichte des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern und der Vereinten Nationen haben den offiziellen, unangreifbaren wissenschaftlichen Beweis der Erderwärmung geliefert. Die Uno besaß, was den vielen privaten Organisationen fehlte: eine über jeden Zweifel erhabene Absenderadresse. Weil die Autoren der Studie auf alarmistische Töne verzichteten, spielten sie den Image-Vorteil der Uno voll aus. Gleichzeitig lieferten einige Wirbelstürme wie „Katrina“ und das ungewöhnliche warme Sommer- wie Winterwetter den anschaulichen Beleg der Uno-Thesen.

In Europa hat der ausgefallene Winter die Menschen in diesem Jahr nachhaltiger beeindruckt als jede Überschwemmungsmeldung aus Bangladesch. Den Aussagen der Experten, wonach Wetter kein Klima ist, will keiner mehr so recht trauen. Der gefühlte Klimawandel ist jetzt schon da.

Was noch fehlte, war eine überzeugende soziologische Theorie des Klimawandels. Die hat jetzt der Münchner Soziologe Ulrich Beck geliefert. Er schrieb das Buch zur drohenden Katastrophe. Es heißt „Weltrisikogesellschaft“, erscheint übernächste Woche und untersucht die Melange aus zögerlichem Herangehen der Politik und ansteigendem Apokalypsegefühl. Nach Becks Auffassung haben klassische Institutionen an „Definitionsmacht“ verloren, nach der Umweltkonferenz in Rio 1992 wurde viel geredet und wenig getan. Endloser Expertenstreit um die Erderwärmung führte zu Relevanzverlust der Wissenschaft in der Meinungsbildung.

Das war Beck zufolge auch nicht anders zu erwarten. Globale Risiken wie der Klimawandel sind „antizipierte Katastrophen“, die sich den „Methoden einer wissenschaftlichen Berechnung“ weitgehend entziehen. Es „regiert das Nichtwissen“, selbst über das, was es überhaupt zu wissen gibt. Je offensichtlicher es wird, dass sich globale Risiken einer Berechnung entziehen, desto mehr Einfluss gewinnt die Risikoperzeption. Kulturelle Wahrnehmungen und Wertungen werden zur entscheidenden Größe und ersetzen das vermeintliche Tatsachenwissen der Experten.

„Wir erleben eine Invasion der Kultur in die Politik“, schreibt Beck. Die unterschiedliche Risikoneigung innerhalb des Westens nähert sich an. Die internationalen Umweltorganisationen haben die Definitionsmacht über den Klimaschutz erlangt, da sie durch ihren globalen Ansatz und ihr kulturelles „Rotkreuzbewusstsein“ mit einem nahezu grenzenlosen Vertrauen belohnt worden seien: „Das Weltrettertum kennt keine Opposition.“

Der Stern-Bericht ist eine "großartige inszenatorische Leistung"

Ärgerlich für die Politik: Sie kann ihren Legitimationsverlust nur wettmachen, wenn sie anfängt, ebenfalls kosmopolitisch auf globale Risiken zu reagieren, da der nationale Rahmen keine Sicherheit bringen kann. Die alten Institutionen hecheln den Bedürfnissen der Weltbevölkerung hinterher, die ihnen das Vertrauen entzieht. Dies ist Becks originärer Ansatz, mit dem er, im Gegensatz zur klassischen Soziologie, nicht nur die Stärkung der Machtinstitutionen – wie es immer passiert, wenn das Volk nervös wird – sieht, sondern auch ihren möglichen Machtverlust sowie das Aufkommen eines „kosmopolitischen Moments“ beschreibt.

Nur scheinbar im Widerspruch steht dazu die außergewöhnliche Bedeutung des Nicholas-Stern-Berichts. Beck sieht in ihm eine „großartige inszenatorische Leistung“. Inszenierung heißt nicht Fälschung. Doch ist das Risiko per definitionem als vorausgesehene Katastrophe unbekannten Ausmaßes eben „inszeniert“.

In der Studie wird befürchtet, dass der Klimawandel zum „größten und weitreichendsten Marktversagen aller Zeiten führen kann“. Um die Folgen der globalen Erwärmung zumindest abzuschwächen, müsste demnach jährlich ein Prozent des Bruttosozialproduktes investiert werden. Dem würde ein bis zu 20-prozentiger Verlust der globalen Wirtschaftsleistung im Fall des Nichthandelns gegenüberstehen. Es ist das „ökonomische Moment“, das Beck als ausschlaggebend für die Wirkung des Berichts ansieht. Die Berechnungen Sterns sind dabei durchaus angreifbar, doch werden die Kritiker leiser werden und verstummen, je mehr sich der Klimaschutz zum gewinnbringenden Geschäft entwickelt: „In einem grünen Kapitalismus transnational konstruierter ökologischer Zwangsmärkte steht die Ökologie der Ökonomie nicht länger im Wege.“ Auf das Geschäft mit der Umwelt setzen tatsächlich einige Großunternehmen, allen voran der amerikanische Mischkonzern General Electric. Sicherheitspolitiker streben eine geringere Auslandsabhängigkeit in der Energieversorgung an. US-Evangelisten möchten es sich nicht mit Gott verderben und prangern den sträflichen Umgang mit der Natur an. Klimaschutz wird zur neuen Heilslehre.

Mindestens ebenso bedeutend wie die Politik im Irak ist für die Amerikaner der Klimaschutz, was schon zwei gute Gründe liefert, warum sie ihren Präsidenten nicht mehr so recht mögen. „Eine der bewundernswertesten Charakteristiken Amerikas ist sein Glaube an die Pflicht zur moralischen Führung“, kommentiert der einer linken Ökosentimentalität eher unverdächtige „Economist“. Da Amerika in dieser Disziplin derzeit nicht gerade glänze, biete die Erderwärmung die Möglichkeit, altes Terrain zurückzugewinnen. Denn auch wenn der „toxische Texaner“ dem Thema ausweichen sollte, werde sein Nachfolger sich dessen annehmen.

Die Leugner der Erderwärmung machen sich nun lächerlich

Die klare Nennung eines Datums – noch 13 Jahre – im „Stern-Report“ hat die unaufgeregte Laisser-faire-Haltung beendet, diese „Irgendwie ist schon immer alles gut gegangen“-Einstellung will man sich nicht leisten. Zu warten, bis das Gegenteil bewiesen ist, könnte tödlich sein. Leugnern der Erderwärmung droht, sich lächerlich zu machen. „Klima-Skeptiker beginnen sich anzuhören wie diese Leute vor vielen Jahren, die immer geleugnet haben, dass Rauchen ernsthafte Gesundheitsprobleme mit sich bringt“, sagt der liberale Ökonom Richard Posner. VW-Chef Martin Winterkorn („Sollen wir künftig alle Trabi fahren?“), der sich gegen strengere CO2-Grenzwerte in Europa stemmt, wirkt wie ein Relikt, ein Mann der selbstbewussten 90er.

Gerettet ist mit diesem Stimmungswandel jedoch noch gar nichts. Im geradezu einzigartigen „großpolitischen Realexperiment von historischer Reichweite“ (Beck) haben China und Indien die Rolle des Sündenbocks übertragen bekommen. Solange dort die Schlote ungefiltert qualmen, bleibt unser Brandenburg bei der Braunkohle. Die Strukturkonservativen wollen so von der – global betrachtet – windschiefen Verteilung der humanitären und wirtschaftlichen Lasten ablenken. Eine Abwehrschlacht, um den Kampf der Kulturen mit vielen armen Ländern in Asien und Afrika hinauszuzögern. Denn sie sind es, die die Hauptlast des Klimawandels tragen.