Umwelt

Klimawandel? Heute sind die Hexen fein raus

Dürre, Kälte, Hitze – im Mittelalter wurden Hexen für Klimakatastrophen verantwortlich gemacht. Heute wird statt des Aberglaubens die Wissenschaft herangezogen: Wie weit sind die Menschen selbst schuld am Klimawandel? Das Dresdner Hygiene-Museum widmet sich dem brisanten Thema mit einer Ausstellung.

Es dürfte die wohl makaberste Klimastatistik aller Zeiten sein. Normalerweise starben im 16. und 17. Jahrhundert zwischen 100 und 120 Frauen pro Jahr auf dem Scheiterhaufen, weil sie mit dem Teufel im Bunde gestanden haben sollen. Es gab allerdings auch Spitzen, in denen bis zu 550 qualvolle Todesfälle angeblicher Hexen aktenkundig wurden.

Das war stets in den Jahren der Fall, in denen der damalige Klimawandel den Menschen besonders hart zusetzte, Hungersnöte übers Land brachte. Es war die Ära der "Kleinen Eiszeit", als die Sonne etwas weniger strahlte und dieses Wenige auch noch durch Staubwolken nach ungewöhnlich häufigen Vulkan-Explosionen weltweit gebremst wurde. Doch die Zusammenhänge waren damals unbekannt.

Ein mittelalterliches Thema in der Politik

Am schlimmsten war es wohl im Jahre 1626, als Ende Mai im Schwabenland noch einmal alle Seen zufroren. Die "Hexen", von denen in jenem eisigen Sommer besonders viele durch Folter überführt wurden, machte man nicht nur für die Kälte verantwortlich, sondern beschuldigte sie auch, in der besagten Nacht zusätzlich noch Fett von Kindern auf die Pflanzen geträufelt zu haben, um diese zu vernichten.

Mensch und Vieh durchliefen Hungersnöte in den Monaten danach. Es war die Zeit, als man in weiten Teilen Mitteleuropas das Getränk wechselte, man vom Wein auf Bier umstieg, weil die Reben in der Kälte nicht mehr genug hergaben oder gleich zugrunde gingen. Und die Scheiterhaufen loderten wie nie zuvor oder danach.


Das Hygiene-Museum in Dresden widmet sich in seiner neuen Ausstellung der Kulturgeschichte des Klimas und des Wetters. Dem Thema also, das im vergangenen Jahr von Januar bis Dezember die politische Agenda bestimmte wie kein anderes und das seither dabei ist, einen der wichtigsten Pfeiler der modernen Zivilisation anzutasten: Die Energieversorgung.

Erst waren es die Hexen, jetzt das Kohlendioxid

Vorerst noch weitgehend im Kopf; wenn es so weitergeht, aber schon bald auch ganz handfest, umwälzend. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte wird der gesamten Menschheit durch Setzung von Wissenschaftlern und nicht durch gesellschaftliche Entwicklungen ein neues Maß aller Dinge vorgegeben: Kohlendioxid - die Hinterlassenschaft aller industriellen Prozesse. Es soll nach und nach verschwinden, es steht nun für die Erbsünde des technischen Fortschritts.

Da kann es nur hilfreich für unsere Sinne und Emotionen sein, wenn uns die Ausstellung dazu bringt, aus unserer klimatisch so aufgeheizten Epoche zurückzuschauen und festzustellen, dass das Klima und das Wetter schon immer die Macht hatten, gesellschaftliche Zäsuren zu schlagen, auch den Kampf zwischen Gut und Böse um die Weltherrschaft aufscheinen zu lassen und hinter dem atmosphärischen Geschehen höhere, strafende Mächte zu wähnen. Auch wenn sie uns dabei auf so grausame Bewandtnisse wie die Hexenverfolgung hinweisen muss, schön aufgelistet in einem anschaulichen Diagramm.

Die Macher haben ihrer Sammlung eine eindeutige Aussage zugrunde gelegt: Es findet eine Klimaerwärmung statt, und sie ist vom Menschen verursacht, weil der durch zu hohen Ausstoß von Kohlendioxid aus Schornsteinen und Auspuffen aus der Atmosphäre ein Treibhaus geschaffen habe - die Lesart also, die heute den Diskurs weitgehend bestimmt.

"Klimaleugner" müssen draußen bleiben

Sie haben das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und andere Institute mit ins Boot geholt, die hierzulande alle zu den lautesten Warnern vor der Erderwärmung zählen. Sie haben darauf verzichtet, auch andere seriöse, aber leisere Wissenschaftler einzubeziehen; etwa die der nicht ganz unbedeutenden Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

Ganz nebenbei haben sie auch darauf verzichtet, die bemerkenswerteste Wette in dieser neuen Weltenfrage zu dokumentieren, auf die sich zwei der bekanntesten deutschen Mitarbeiter des UN-Weltklimarates kürzlich immerhin einließen: Mojib Latif, Max-Planck-Meteorologe und Universitätsprofessor für Meereskunde und bekannt doch als Prophet katastrophaler Erwärmungen, hat jüngst tatsächlich behauptet, es werde in den nächsten ein bis eineinhalb Jahrzehnten global überhaupt nicht mehr wärmer werden, und in Europa sogar leicht abkühlen.

Stefan Rahmstorf vom PIK hält dagegen. Auf die Anekdote einzugehen hätte man dem einfallsreichen Hygiene-Museum eigentlich zutrauen können. Doch diese Debatte spielt dort keine Rolle, Klimazweifler oder gar "Klimaleugner" müssen draußen bleiben. Die vom Menschen gemachte Erwärmung ist gesetzt.

Zum Sündenausgleich eine Baum pflanzen

Und doch widmet die Ausstellung einem Zusammenhang Raum, den die Zweifler gern ausmachen, die das Ganze lediglich als Hysterie und Hetze gegen die Industriegesellschaft ansehen: Wetter und Klima, so merken die kritisch an, funktionierten im heutigen Diskurs unterschwellig als Instrument einer höheren Macht, die uns für einen gesellschaftlichen Frevel zur Rechenschaft zieht. Das zumindest, so lernen wir in der Ausstellung, scheint eine Konstante zu sein in der Geschichte des menschlichen Bewusstseins - oder doch zumindest des Unterbewusstseins. "Die Natur schlägt zurück".

Der Satz, durch den heute mit wissenschaftlichem Anspruch eine Klimakatastrophe prophezeit wird - liegt nicht auch er in der Logik eines Herrn, der über seine Schöpfung, die Natur, zu uns spricht und uns durch sie zur Rechenschaft zieht, weil wir uns gegen sie versündigt haben?

Und erstaunen uns nicht, geradezu frappant, auch alle anderen Zutaten für eine quasi neue Religion, selbst wenn die Klimalehre auf profanen und nachprüfbaren Computermodellen zu basieren beansprucht: die Erbsünde der industriellen Revolution; die geforderte Buße durch Verzicht auf Wachstum und falschen Wohlstand; das prophezeite Jüngste Gericht und das Fegefeuer in einer verglühenden Erde; die große Schar Gläubiger (Wissender?) und das Ketzerische, das Klimaleugnern anhaftet. Auch kleinere Details passen: Etwa die Ablasszahlung für die Anpflanzung von ein paar Bäumen, mit der man sich beim Sündenfall einer Flugreise wieder eine klimaneutrale Seele erkaufen kann.

Goethe mochte das Klima

So weit, diese Parallelität allzu deutlich aufzubauen oder gar bis in solche Feinheiten nachzuvollziehen, gehen die Ausstellungsmacher nicht, da seien die Partner des PIK und die anderen Klimaforscher im Beirat davor, die die Geschichte ihrer Disziplin plakativ darstellen. Und doch geht die Ambition des Hygiene-Museums weit über die heutige Übung hinaus, Wetter und Klima vornehmlich als Problem der Naturwissenschaften zu sehen, wie es in einem Essay des Kataloges heißt.

Sie beansprucht, "dass die Frage, wie wir mit und in der Atmosphäre leben, nicht zuletzt eine kulturelle ist". Sie gehe "der Geschichte und den Geschichten eines Verhältnisses nach, die die westliche Welt zu dem aufgebaut hat, was sie als Wetter und Klima bezeichnet". Und gestattet sich dabei auch flotte Einwürfe aus anderen Kulturkreisen, die uns zu denken geben könnten: "Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen (Chinesisches Sprichwort)", entnehmen wir da zum Beispiel dem Katalog.

Wie müssen wir die Naturkatastrophen werten? Richten sie heute größeren Schaden an als früher? Durch unsere Schuld? "Unsere Fähigkeit, von der Atmosphäre in einer Weise zu sprechen, die uns nicht immer schon als ihre Adressaten sieht, scheint bemerkenswert unterentwickelt", schreibt Petra Lutz im Katalog, "nicht nur nach einem Gegenüber suchen wir, sondern auch nach einem auf den Menschen bezogenen Sinn meteorologischer Ereignisse."

Klimakultur, ein sehenswerter Ansatz. Bei dem intellektuellen Anspruch an das Thema rund um Donner, Blitz und Sonnenschein hätte sich die Ausstellung ja vielleicht auch eines Goethe-Wortes besinnen können: "Vom Klima kann man nicht Gutes genug sagen", meinte der Dichter einmal. Auch wenn er damit nur seine Freude über die Sonne über Italien ausdrücken wollte. Aber immerhin.

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Das Wetter, der Mensch und sein Klima, 11. Juli bis 19. April, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr