Zuerst eine Information für alle Menschenrechtler mit Kabelanschluss, für all jene, die immer noch meinen, Fernsehen sei Unterhaltung: Ja, Big Brother ist immer noch genauso wie im Jahr 2000. Menschenfreundlich ist es immer noch nicht - im Gegenteil. Die RTL-2-Sendung ist so zynisch, dass es beinahe weh tut.

Die Rahmenbedingungen sind dabei nicht das Schlimmste. Zwölf Menschen werden rund um die Uhr beobachtet, jedoch sind sie freiwillig dort, sie gieren nach der Öffentlichkeit, nach Schlagzeilen und genau die werden sie auch bekommen. Die Zeiten haben sich ohnehin gewandelt, zehn Jahre nach der deutschen Big-Brother-Premiere auf RTL sind die Möglichkeiten für die Warholschen 15 Minuten Ruhm ins scheinbar Unendliche gewachsen. Wer heute gesehen werden will, schafft sich eine Plattform. Ruhm ist ein beinah hinfälliger Begriff geworden in Zeiten, da jedermann seinen Alltagswahn im Internet ausbreiten kann und via Twitter, Facebook oder Youtube allen seinen privaten Senf ins Gesicht schmieren kann.

Diese Zeiten beinhalten Freiheit und Fluch zugleich, denn die öffentlichen Äußerungen sind natürlich nicht per se dumm oder uninteressant, sie sind immer so schlau wie ihr Produzent. Und der Rezipient ist mehr denn je in die Verantwortung gezwungen. Stundenlang hirnlose Sabbelfilmchen und Youporn schauen oder den schlauen Blog des Bekannten lesen, neue Musik entdecken oder vor Live-Streams dahindösen – wir haben die Wahl, wir haben die Qual. Es war noch nie so leicht zu produzieren und auf der Stelle zu veröffentlichen, es war noch nie so leicht bekannt zu werden – brauchen wir 2010 überhaupt noch ein Trash-Format wie Big Brother, um unsere Lust auf Voyeurismus zu befriedigen?

Die Antwort ist das nächste zustimmende Nicken an alle Kopfschüttler: Sie haben Recht, niemand braucht Big Brother. Und das nicht etwa, weil die Show so skandalös ist, sondern weil sie so unfassbar billig produziert ist. Es passierte – nichts. Die Kandidaten zogen in ihre Gefängnisse ein: eines ist eine Luxusbude, das andere eine Müllhalde. Da die Macher irgendwie ihre Schlagzeilen provozieren müssen, zogen die Frauen in den üblriechenden Container und die Männer in die Prachtbehausung.

Wir sehen förmlich die Produzenten der Show, wie sie sich für diese Idee selbst feiern, sich imaginär die Hände reiben und wahrscheinlich denken: „Krasse Idee: Frauen, die erstmal zum Putzen verdammt sind, Prinzesschen auf Stöckelschuhen, die einen halben Herzinfarkt bekommen. Trash-Barbies mit Meister Propper: Yeah, das ärgert alle Feministinnen, die Yellow Press wird’s fressen und die Sofaheinis wird das aufheizen. Back to Mittelalter! Frauen putzen, Männer liegen rum. Hammeridee! Let’s do it.“

Die Zusammenstellung der Kandidaten ist ebenso durchschaubar: Die Frauen sind größtenteils vollbusige Weibsbilder, eine Erotikdarstellerin ist dabei, es gibt denselben Frauentyp gleich zweimal in blond, zweimal in dunkelhaarig – Spiegelpuppen unter sich. Es gibt die Sozialpädagogikstudentin und eine resolute Mutterfigur.

Bei den Männern sollen ein schwules Pärchen, ein Obdachloser, ein junger Möchtegern-Casanova und ein Tätowierer für Skandälchen sorgen. Zudem will man die Geschlechter natürlich nicht dauerhaft voneinander trennen, daher bekam das Frauenhaus als Appetizer schon mal den amtierenden Mister Hamburg zum Spielen und ein trauriges weibliches Möchtegern-Model zog in die gute Männerstube.

Über die Moderation der Show, ihre Pannen, die Begeisterung von „Expertin“ Erika Berger und vor allem über die Auftritte von Scooter oder Ex-Big-Brother-Insasse Jürgen konnte man nur weinen, oder vor sich hingrinsen. Die Show lebt wie jede Sendung von ihrer Quote – von der medialen Aufmerksamkeit. Wäre das daher nicht der skandalöse Streich schlechthin: Big Brother läuft und keiner schaut hin?