Politshows

Von Jauch bis Will - die ARD talkt und talkt

Jauch, Plasberg, Maischberger, Will und Beckmann - Ab Herbst fährt die ARD gleich fünf Talkshows in ihrem Programm auf. Droht dem Zuschauer der Polit-Overkill?

Das Erste Deutsche Fernsehen ist stolz auf sich. Dank seiner groß angelegten Programmreform wird es ab Anfang September nicht drei, nicht vier, nein fünf politische Talkshows anbieten können. Sonntags startet Günther Jauch seine neue Gesprächsrunde nach dem "Tatort", Frank Plasberg hetzt seine Einspielfilmchen montags auf die geladenen Gäste. Sandra Maischberger behält als Einzige ihren Sendeplatz am Dienstagabend, Anne Will muss sich künftig mit dem Mittwoch anfreunden, und donnerstags lädt Reinhold Beckmann mit verständnisvoller Miene zum Kamingespräch am edlen Holztisch.

Wer bei soviel Plauderei noch durchblicken soll? Thomas Baumann zum Beispiel. Der 50-Jährige ist seit fünf Jahren ARD-Chefredakteur. Dem ranghöchsten Journalisten beim mächtigen Senderverbund ist die verantwortungsvolle Aufgabe zugefallen, im Bereich Polit-Talkshows künftig für geordnetes Chaos zu sorgen, also zu verhindern, dass altbekannte Talkshowgäste wie Heiner Geißler oder Hans-Olaf Henkel für Zuschauer wenig attraktive Dauerabonnements abschließen oder sich Themen überschneiden.

Im Februar kursierte gar die Meldung, dass eine speziell angelegte Datenbank "Koordinator" Baumann bei seiner Mammutaufgabe unterstützen solle. In ihr könnten alle Redaktionen dann ihre präferierten oder bereits angefragten Gäste eintragen. Von diesem Wunderwerk der Technik hat seither allerdings keiner mehr etwas gehört. Und auch Baumann gab schon damals seinen Redaktionsvertretern laut "Spiegel" zu verstehen, dass er nicht permanent den Schiedsrichter spielen wolle, sondern nur selten eingreifen werde. Er weiß, dass es schon einmal unangenehm werden kann, wenn die ungebremsten Egos von fünf Top-Moderatoren aufeinanderprallen.

Brancheninsider gehen schon deshalb davon aus, dass es wohl auch in Zukunft kaum möglich sein dürfte, die hinter den jeweiligen Talkshows stehenden Redaktionen untereinander zu versöhnen, sollte es planungsmäßig einmal Hart auf Hart kommen. Trotzdem: Man werde "künftig sehr kritisch zu prüfen haben, ob ein Thema es rechtfertigt, in verschiedenen Sendungen aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt zu werden", sagte Baumann in der "Welt" Anfang der Woche.

Berufsbedingt begeistert

Jetzt, zwei Wochen vor Anpfiff der Talkshow-Saison, redet man bei der ARD allerdings am liebsten über erfreuliche Dinge und bemüht Superlative. Dafür ist Volker Herres zuständig, stolzer Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens: "Jede dieser Sendungen hat ihre ganz besondere Farbe und setzt eigene Akzente", schwärmt er. Damit solle gewährleistet werden, dass keine Konkurrenz entsteht, sondern "mehr Vielfalt für den Zuschauer". Die Antwort auf die Frage, was genau damit gemeint ist, bleibt man allerdings schuldig. Dafür fallen anregende Phrasen wie "intensive Gespräche", "anspruchsvolle Diskussion", "neue Perspektiven und Einsichten" - also all das, was viele Talkshows oft nur bedingt vorweisen konnten. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann ist von Berufs wegen ebenfalls begeistert und weist darauf hin, dass auch bei "Anne Will" ab September Gespräche stattfinden werden, die "auch in die Tiefe gehen". Bei "Beckmann" könne man bereit jetzt sehen, dass er seinen "Gästen erheblich mehr Zeit" lasse als die anderen Talkshow-Moderatoren.

Auch, was die Akquise jüngerer Zuschauer angeht, sieht man sich bei der ARD auf dem richtigen Weg. Man arbeite verstärkt daran, diese künftig stärker anzusprechen. Das ist auch bitter nötig: Der im April veröffentlichte sogenannte "TV-Saisoncheck" des Medienmagazins Kress ergab, dass sämtliche Talk-Formate von ARD und ZDF bei den Unter-50-Jährigen unterhalb des jeweiligen Senderdurchschnitts laufen. Es drohe eine weitere Überalterung.

Zum Schluss stellt sich die Frage, ob sich zu den fünf Plauderrunden bald noch weitere hinzugesellen. "Ich bin sicher, wir sind am oberen Rand angelangt", beruhigt Baumann. Selbst Sabine Christiansen, die viele Jahre eine Gesprächsrunde am Sonntagabend moderierte, musste in der "Berliner Zeitung" zugeben, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mittlerweile wohl einfach zuviel geredet wird: "Das ist schade, weil es sich damit etwas abnutzt."