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Warum die "Bravo" zerstörerisch für a-ha war

Nach 28 Jahren geht die Band a-ha auf ihre letzte Tournee. Im Interview der Morgenpost Online beklagt sich Sänger Morten Harket über das Image als Teenie-Band.

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Ja, er sieht noch sehr gut aus. Braun und gesund wie nur reiche Menschen aussehen können, akkurat zerrissene Jeans, dezent farbiges Hemd und diese zusammengekniffenen Augen, die in einem alles Glück der Welt entgegenzuschmunzeln scheinen. Morten Harket, seit über 25 Jahren Sänger bei A-ha, war in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem stets der Mädchenschwarm. Dass er und seine Band aber auch großartige Musik geschrieben haben, die man am liebsten mit schmerzverzerrtem Gesicht und dramatisch dirigierenden Handbewegungen begleitet, fasst jetzt das Best-of-Album „25“ zusammen: große Gefühle, große Gesten, weite Worte, schreiende Möwen. Im Winter geht die Band auf die allerletzte Abschiedstour. Dann löst sie sich auf.

Morgenpost Online: Herr Harket, wissen Sie was? Ich wurde in dem Jahr geboren, in dem A-ha gegründet wurde.

Morten Harket: Ach herrje, wann war denn das überhaupt?

Morgenpost Online: 1982.

Harket: Oh, ja, stimmt.

Morgenpost Online: Ist 28 ein gutes Alter, um die Karriere zu beenden?

Harket: Nein. Aber es ist eine recht lange Karriere und hier schließt sich jetzt der Kreis.

Morgenpost Online: Wie muss man sich das Ende vorstellen? Sitzt da die Band am Tisch zusammen und redet, und dann sagt man: So, das war es jetzt aber?

Harket: Die Entscheidung hat damit zu tun, welche Resonanz man bei der Suche nach der eigenen Energie bekommt. Gibt es noch eine Chance, im nächsten Jahr ein neues Album aufzunehmen? Und plötzlich spürt man, dass das so nicht funktioniert. Niemand von uns wollte die Dinge einfach nur so laufen lassen.

Morgenpost Online: Das erste Mal, dass ich A-ha wahrgenommen habe, war in der „Bravo“.

Harket: An die Zeitschrift kann ich mich noch sehr gut erinnern. Die Art der Aufmerksamkeit in der „Bravo“ war zerstörerisch.

Morgenpost Online: Gab es damals diese viel beschriebene Konkurrenz zu Duran Duran?

Harket: Wir haben die Jungs von Duran Duran nie kennengelernt.

Morgenpost Online: Und was machte die „Bravo“ so zerstörerisch?

Harket: Die ganze Aufmerksamkeit, die wir bekamen, war plötzlich von der Vorstellung geprägt, was Teenager interessieren würde. Da ging es immer nur um die Glasur, die Oberfläche. Das macht dich einfach krank. Solche Medien bestimmen, wer und wie die Jugendlichen sind, aber das ist so falsch, denn die Jugend hat so viele verschiedene Aspekte. Es gibt tief gehende existenzielle Fragen, die ernst zu nehmen sind. Es sind dramatische Jahre, voller romantischer Sehnsüchte, die im Innersten zu explodieren drohen. Magazine für Jugendliche sollten ihre Leser repräsentieren, aber stattdessen verhalten sie sich sehr respektlos ihnen gegenüber. Ich habe kein Problem, wenn Leute an meinem Aussehen und meinem Styling interessiert sind, das ist in Ordnung, aber es ist verdammt noch mal nicht alles.

Morgenpost Online: Hatten Sie manchmal das Gefühl gehabt, Sie müssten den ganzen Schmerz der Teenager auf Ihren Schultern tragen?

Harket: Nein, denn jeder Mensch benutzt so etwas wie Musik, um sein Leben zu meistern, auch unsere Musik wurde für Lebensprozesse genutzt. Gute Musik funktioniert so. Da wird die Hinwendung zu einem bestimmten Star enorm und man bezieht seine Musik auf sich selbst und die eigenen Probleme. Natürlich wird es dann sehr intim.

Morgenpost Online: Werden A-ha unterschätzt?

Harket: Ja, aber nicht von unserem Publikum, sondern in den Medien generell.

Morgenpost Online: Warum ist das wohl so?

Harket: Weil es uns um Inhalte ging. Den Medien geht es um Stimulation. Das ist die Kurzfassung.

Morgenpost Online: Sie sagten mal, Erfolg könne zum Problem werden.

Harket: Ja, der Erfolg ist immer laut. Er führt zur eindimensionalen Fokussierung.

Morgenpost Online: Man muss die Ohren davor verschließen?

Harket: Man darf sich dadurch nicht seine Vorstellungskraft und den Ausblick verschleiern lassen. Erfolg ist eine gewaltige Energie, die blindlings auf dich zukommt. Er greift dich aus allen Winkeln an.

Morgenpost Online: Ihr Album „Memorial Beach“ war ja nicht so erfolgreich, wie geht man als Band denn damit um?

Harket: Man macht, was man eben macht. Wir legen unsere Musik nicht darauf aus, in den Charts aufzutauchen, und wenn man das nicht tut, trägt man eben die Konsequenzen. Es ist ein Album, bei dem wir erschöpft waren, danach haben wir aufgehört gemeinsam Musik zu machen. Obwohl wir eine großartige Tour hatten mit mehr Zuschauern als jemals zuvor.

Morgenpost Online: In Rio brachen Sie 1991 den absoluten Zuschauerrekord.

Harket: Es waren etwa 195.000 Leute dort, aber wir haben woanders riesige Plätze bespielt.

Morgenpost Online: Glauben Sie, Ihre Art zu singen hat andere Sänger beeinflusst?

Harket: Ja, natürlich. Das ist der natürliche Prozess. Es gibt eine Menge Sänger, die nun andere Musiker beeinflussen und in ihrer Entwicklung mir zugehört haben.

Morgenpost Online: Wer waren denn Ihre Vorbilder?

Harket: Als ich 12 Jahre alt war, habe ich Jonny Cash gehört und habe versucht tief zu singen, später habe ich versucht zu singen wie Freddy Mercury. Das ist eben das Auskundschaften, man schaut, was so möglich ist.

Morgenpost Online: Es gibt einige Sänger in letzter Zeit, die ähnlich hoch singen wie Sie.

Harket: Ich bin normalerweise ein Bariton, aber bei A-ha singe ich meist Tenor, also außerhalb meiner natürlichen Stimmlage. Man singt aber nicht hoch, weil man hoch singen will, sondern als Antwort auf die Musik. Man versucht die Identität eines Songs zu erfassen und spürt dann die passende Tonlage.

Morgenpost Online: Wie kommt man eigentlich auf die Idee, Möwengeschrei in einem Lied zu verarbeiten?

Harket: Es ist ein Sound. Er hat einen emotionalen Effekt. Man baut ihn eben ein und wenn er funktioniert, bleibt er.

Morgenpost Online: Meinen Sie dieses ganze Drama in Ihrer Musik immer ernst?

Harket: Wenn man versucht etwas abzubilden, muss man immer auch damit spielen, es aber gleichzeitig ernst nehmen. Wenn du keinen Humor hast, ist das gefährlich. An jedem Punkt deines Lebens. Sich über etwas lustig zu machen, bedeutet nicht, dass man es nicht respektiert. Unsere Ernsthaftigkeit hatte immer mit einem respektvollen Umgang zu tun. Aber wenn man die Dinge zu ernst nimmt, kann man sie auch nicht angemessen übermitteln.

Morgenpost Online: Was ist Ihre liebste Musik gerade?

Harket: Oh, ich höre keine Musik.

Morgenpost Online: Nie? Nicht im Auto? Nicht beim Sport?

Harket: Nein. Nie.

Morgenpost Online: Das ist komisch.

Harket: Nicht wirklich. Musik ist meine Arbeit und meine Leidenschaft zugleich. Ich kann mich nicht immer damit beschäftigen. Ich möchte andere Dinge hören, Stille oder Geräusche.