James-Bond-Darsteller

Daniel Craig liebt den "Baader Meinhof Komplex"

| Lesedauer: 15 Minuten
Alan Posener

In seinem neuen Film "Defiance" spielt der James-Bond-Darsteller Daniel Craig einen jüdischen Widerstandskämpfer, der den Partisanenkampf gegen die Nazis in den Wäldern Osteuropas organisiert. WELT OLINE sprach mit Craig über das politische Kino, seine Lieblingsrolle und seinen Lieblingsfilm.

Die Sorge, dass man in ihm nur noch James Bond sehen könnte, braucht Daniel Craig sich eigentlich nicht zu machen. Beim Interview im Münchner Hotel "Bayerischer Hof" erinnert der 41-jährige Brite so gar nicht an den Geheimagenten Ihrer Majestät, ist weder besonders einschüchternd noch verwegen und sieht überhaupt viel schmächtiger aus, als man es erwarten würde. Nur in seine stahlblauen Augen sollte man nicht zu lange sehen. Ihr Blick ist tatsächlich beunruhigend.

Morgenpost Online: Herr Craig, Sie haben gerade Mittag gegessen. War's denn gut?

Daniel Craig: Es war gut genug.

Morgenpost Online: Ich komme gerade aus dem Film. Am Ende war ich völlig aufgelöst.

Craig: Das klingt gut. Oder haben Sie aus Verzweiflung geweint?

Morgenpost Online: Nein. Aber ich habe mich gefragt: Weinen Sie im Kino?

Craig: Bei meinen eigenen Filmen ist es natürlich schwierig. Ich meine, ich sehe sie zehn, 15, 20 Mal. Bei anderen Filmen bin ich oft völlig weg. Ein schlechter Film ist ja gerade einer, aus dem du ständig herausgerissen wirst aus der Handlung, wo du merkst, dass die Übergänge nicht stimmen, weil du ja die Technik kennst. Aber große Filme bewegen einen.

Morgenpost Online: Was sind Ihre aktuellen Lieblingsfilme?

Craig: Das sage ich jetzt nicht, weil Constantin auch meinen neuen Film vertreibt: "Der Baader Meinhof Komplex" gehört zu meinen Lieblingsfilmen dieses Jahres.

Morgenpost Online: Wirklich?

Craig: Wirklich. Ich habe ihn sehr genossen. Ich liebe die Geschichte, und darauf haben wir lange warten müssen. Erst jetzt hat sich die politische Landschaft so geändert, dass man diesen Film machen konnte. Constantin wollte ihn ja schon vor zehn, 15 Jahren machen, aber niemand wollte ihn haben. Außerdem mag ich "Milk" mit Sean Penn, "Man On Wire", das ist ein fantastischer Dokumentarfilm, ach ja, und "W." ist großartig.

Morgenpost Online: O ja.

Craig: Ich liebe diesen Film. Ich meine, er ist irgendwie unsinnig, aber trotzdem ein toller Oliver Stone.

Morgenpost Online: Hierzulande kam er nicht ins Kino.

Craig: Schade. Der Film ist zwar ohne Struktur, aber die Schauspieler sind großartig. Mir hat er enormen Spaß gemacht.

Morgenpost Online: Außer "Man On Wire" sind das alles politische Filme. Ist das Zufall, oder sind Sie wegen "Defiance" politisch gestimmt?

Craig: Kann sein. Keine Ahnung. Es wäre schön zu glauben, dass die Filmindustrie wieder eine politische Stimme gefunden hat. Es wurde ja Zeit. Sie ist seit einiger Zeit ein wenig ruhig gewesen, und sie braucht diese Stimme. Gute Filme sind in der Regel politisch. Schauen Sie sich den "Paten" an. Der Film handelt von der Mafia, aber zugleich auch von der Politik, von der Politik der Zeit. Ein inspirierender Film. Was aber nicht heißt, dass ich nicht in der Lage wäre, einen großen Popcornfilm zu genießen. Es gibt keinen größeren Fan solcher Blockbuster als mich.

Morgenpost Online: Sie machen gelegentlich selbst welche.

Craig: Gelegentlich, ja.

Morgenpost Online: Ihr neuer Film ist sehr politisch und sehr jüdisch.

Craig: Ja.

Morgenpost Online: Der ganze Symbolismus des Films ist jüdisch. Sie spielen eine Moses-Gestalt, die ihr Volk zum Gelobten Land führt. Haben Sie selbst persönliche Bezüge zum Judentum?

Craig: Eigentlich nicht. Es war kein bewusster Entschluss von mir, jetzt einen jüdischen Widerstandskämpfer zu spielen. Natürlich gibt es wegen meiner Rolle in "München" eine Beziehung zum Thema. Aber die Wahrheit ist einfach: Hier war diese Geschichte, von der ich nie etwas gehört hatte, obwohl ich die Ereignisse jener Zeit ziemlich gut kenne. Eine jüdische Geschichte, ja, aber ich habe sie nicht gemacht, weil sie jüdisch ist, sondern weil ich sie ungeheuer inspirierend fand. Die Komplexität der Charaktere, ihre moralische Zwiespältigkeit, faszinierte mich. Es geht auch um die Frage, was eigentlich Heldentum bedeutet. Es ist die Nachwelt, die Helden schafft. Echte Helden sind eher Helden wider Willen, weil ihre Erinnerung eine andere ist. Sie sagen: Ich tat es für den Mann, der neben mir im Graben lag. Um meinen Kumpel zu schützen. Sie sagen nicht: Ich tat es für den großen Plan. Und davon findet sich einiges in dieser Geschichte. Diese Leute, die Bielski-Brüder, waren Schmuggler, Diebe, sie schlugen sich am Rande des Gesetzes durch. Aber diese Energie passte in die Zeit, sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das klingt krass, aber es stimmt. Damals konnten sie führen. Aber nie wieder. Nach dem Krieg lebten sie völlig normale Leben. Und das alles hat mich einfach gepackt.

Morgenpost Online: Sagen wir, ich glaube Ihnen ...

Craig: Das müssen Sie nicht. Aber ich habe Ihnen versprochen, keinen Bullshit zu erzählen. Es sei denn, es muss sein.

Morgenpost Online: Okay, aber mal ehrlich: Wer will außerhalb von Tel Aviv und New York einen Film über kämpfende Juden sehen?

Craig: Das ist eine legitime Frage.

Morgenpost Online: Man wird aber in den Film gehen. Nicht wegen Jamie Bell, nicht wegen Liev Schreiber, obwohl sie beide großartig spielen, sondern wegen Ihnen.

Craig: Ich hoffe, auch wegen Edward Zwick. Er ist ein Regisseur alter Schule, ein klassischer Hollywood-Regisseur, und er liebt persönliche Geschichten. Das ist seine Schwäche. Das meine ich im guten Sinne. Er macht große Filme, aber er liebt kleine Geschichten. Er liebt die Emotionen. Als ich das Skript las, dachte ich: Ed ist der Richtige hierfür, weil er den wichtigen Teil der Geschichte, nämlich die Beziehung zwischen den drei Brüdern, in diesen epischen Hintergrund so einbetten wird, dass so etwas wie eine Abenteuergeschichte für Jungen herauskommt. Und anders geht es nicht. Denn wie Sie sagten, diesen Film können Sie nicht verkaufen als Film über den jüdischen Widerstand. Das wär's nicht gewesen. Das interessiert mich nicht. Also, es interessiert mich schon, aber nicht so wie das, was sie persönlich erreichen, als Menschen. Das ist die interessantere Geschichte. Auch für ein Massenpublikum. Idealerweise. Ich hätte das nicht gemacht, wenn ich nicht geglaubt hätte, wir können diese Geschichte vielen Leuten erzählen.

Morgenpost Online: Sie wissen dennoch, dass Sie auf Messers Schneide laufen. Draußen sagten ein paar Kolleginnen von der bunten Presse: Er ist nicht einmal Jude, warum macht er das?

Craig: Ich bin auch kein Geheimagent. Ich bin Schauspieler.

Morgenpost Online: Könnte man den Film in einem muslimischen Land zeigen?

Craig: Fraglich. Und es ist nicht meine Aufgabe, eine solche Situation zu erzwingen. Es ist nicht meine Aufgabe, diesen Film zu politisieren oder zu sagen, der Film habe eine bestimmte politische Botschaft. Meine Aufgabe besteht darin, das darzustellen, was ich vom Charakter verstanden habe. Ich bin kein Politiker. Ich bin Schauspieler. Ein Schauspieler spielt. Andere müssen urteilen. Ich beurteile nicht die Charaktere, die ich spiele, weil das meine Arbeit und das Ergebnis meiner Arbeit negativ beeinflussen würde. Ich spiele Charaktere, weil sie mich interessieren. Ich stelle sie hin. Ich erzähle eine Geschichte so, wie ich sie erzählen will. Sie hat also schon Haltung. Wenn Leute den Film nicht mögen, dann ist das legitim. Ich habe nie einen Film gemacht, um zu gefallen.

Morgenpost Online: Damit haben Sie meine nächste Frage im Grunde beantwortet. Ich stelle sie trotzdem. Die letzte politische Frage, dann ...

Craig: ... dann können wir über meine Lieblingsfarbe reden. Das wäre toll.

Morgenpost Online: Dazu kommen wir noch.

Craig: Danke.

Morgenpost Online: Sehen Sie: In Osteuropa waren die Juden eben, wie es irgendwo im Film heißt, nur gut im Sterben. Juden sind keine Soldaten, sagen die russischen Partisanen. Und hier erheben sie sich und gewinnen eine Ahnung von ihrer Identität durch den Kampf. Die Parallele zur Schaffung des Staates Israel liegt doch auf der Hand.

Craig: Stimmt. Aber - und auch wenn es sich anhört, als ob ich ausweichen will, was nicht der Fall ist - die Leute, um die es hier geht, konnten sich einen unabhängigen jüdischen Staat nicht vorstellen. Ihnen ging es einzig und allein ums Überleben. Und das ist mir bei dieser Erzählung das Wichtige. Es gibt viele Dinge, für die es zu kämpfen lohnt. Und ich verweigere dem Staat Israel nicht das Recht, seine Grenzen zu verteidigen. Das müssen wir alle. Aber wann hört das Kämpfen auf? Und wofür kämpft man? Und wenn man für den Frieden kämpft, und das ist das Einzige, wofür es sich wirklich lohnt zu kämpfen: Wie lebt man diesen Frieden? Darum geht es für die Menschheit als nächsten Schritt, und das ist wichtiger als etwa ein Vergleich dieses Films mit dem heutigen Staat Israel oder als die Idee, dass die Juden im Zweiten Weltkrieg nicht gekämpft hätten. Sie haben gekämpft. Darum ist diese Geschichte erzählenswert. Moderne Parallelen sollen andere ziehen. Das hat nichts mir zu tun.

Morgenpost Online: Okay, jetzt also zu Ihrer Lieblingsfarbe. Tuvia Bielski, den Sie in diesem Film spielen, ist ein sehr widerspruchsvoller Charakter. Er sieht zu, wie ein gefangener deutscher Soldat von der Gruppe gelyncht wird. Er erschießt ein Mitglied der Gruppe, das seine Autorität infrage stellt. Und er sagt: "Man jagt uns wie Tiere, aber wir dürfen nicht zu Tieren werden."

Craig: Genau das hat mich angezogen. Es gibt eine schreckliche Geschichte - ich weiß nicht, ob sie wahr ist. Es war am Tag ihrer Befreiung. Irgendjemand stellte Tuvias Autorität infrage, und er hat ihn erschossen. Was für eine Tragödie. Und es wäre großartig gewesen, das im Film zu zeigen, aber die Erzählung bricht vorher ab. Schreckliche Dinge sind passiert. Und die Mittel, mit denen sie diese Gruppe zusammenhielten, sind absolut fragwürdig. Und ich hoffe, dass der Film diese Fragen stellt. Aber unterm Strich steht: 1200 Menschen überlebten. Das bleibt. Ich hätte aber den Film nicht machen können, wenn wir nicht solche Fragen wenigstens ansatzweise untersucht hätten. Wir sind da, um die Leute zu unterhalten. Aber ich hoffe dennoch, dass die Zuschauer die Charaktere und sich selbst hinterfragen. Das Klischee ist: Was würde ich in einer solchen Situation tun? Keine Ahnung. Ich kann das hier mit Ihnen oder am Set intellektuell durchgehen, aber ich habe absolut keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich wahrscheinlich Fehler machen würde. Große Fehler. Und das mussten wir zeigen. Wenn Tuvia den Mann nicht tötet, der seine Autorität infrage stellt, wird er vermutlich selbst getötet, im Schlaf ermordet. Und die Leute, die den Deutschen lynchen, sind ja nicht die Kämpfer, sondern die Frauen und die Alten, und Tuvia lässt sie gewähren, weil er sonst wohl die Kontrolle über die Gruppe verlieren würde. Ich hätte die Rolle nicht angerührt, wenn es nicht möglich gewesen wäre, auch in die dunklen Seiten dieses Charakters einzutauchen. Solche Entscheidungen treffen zu müssen würde ich nicht meinem schlimmsten Feind wünschen. Aber genau da liegt das Interessante.

Morgenpost Online: Was ist eigentlich die größere Herausforderung: einen komplexen Charakter wie Tuvia Bielski zu spielen oder eine eher eindimensionale Gestalt wie James Bond glaubwürdig zu machen?

Craig: Ich weiß es nicht. Oder besser: Ich weiß es, aber ich weiß nicht, ob ich so darüber nachdenke. Es geht wieder darum: Man kann nicht an eine Arbeit herangehen, indem man sich fragt, was andere Leute darüber denken werden. Das darf man nicht an sich heranlassen. Es ist natürlich da. Allein schon wirtschaftlich gesehen. Dieser Film war relativ billig, er kostete fast nichts im Verhältnis zu dem, was er eigentlich hätte kosten müssen, während es einem bei einem Bond-Film manchmal vorkommt, als ob es keine Grenzen gäbe. Was wiederum bedeutet, dass du dafür verantwortlich bist, dieses Geld wieder einzuspielen, sonst gibt es keinen weiteren Film, jedenfalls nicht mit dir. So einfach ist das. Mit einem Film wie "Defiance" geht es eher darum: Ich hätte es gern, dass der Film Geld macht, weil das bedeuten würde, dass Leute ihn gesehen haben. Den habe ich aus Liebe gemacht. Bond auch, aber auf eine andere Weise. Das ist eine komplizierte Frage. Ich versuche, sie nicht zu sehr durchzudenken. Ich mache meine Arbeit, und das ist Spielen. Um es gut zu machen, muss ich vom ephemeren Filmgeschäft Abstand gewinnen, vom ganzen Druck - nun ja, ich sage Druck, doch eigentlich ist es ein ziemlich guter Gig, und so viel Druck gibt's gar nicht.

Morgenpost Online: Wirklich?

Craig: Wirklich.

Morgenpost Online: Sie wachen nicht nachts schweißgebadet auf und sagen sich: Ich werde wie Sean Connery enden und den achten Bond-Film machen?

Craig: Sean scheint es doch ganz gut zu gehen. Gut, ich bin durch den Prozess durchgegangen, wo ich mich fragte, werde ich nur noch als James Bond gesehen. Aber diese Sorge verdränge ich. Denn ehrlich gesagt: Sagen zu können, ich bin James Bond, ist ein ziemlich guter Deal. Man kann an sehr viel schlechteren Orten sein.

Morgenpost Online: Letzte Frage: Wenn Sie nur noch einen Film drehen könnten, welche Rolle würden Sie gern spielen?

Craig: Bond im letzten Bond-Film.

Morgenpost Online: Ich hatte gehofft, Sie würden Hamlet sagen.

Craig : Dafür bin ich zu alt. Es ist zu spät. Vorbei.