Französischer Sommerfilm

"Habt ihr mal eine Doppelpenetration gemacht?"

"Kleine wahre Lügen" ist ein Film über Liebe, Betrug und Sehnsüchte der Franzosen – ein wunderbarer Sommerfilm über geschlechtsreife Großstädter.

Marie bekommt Besuch von einem Mann. Sie hat eine kleine Wohnung und sie essen zusammen und danach gehen sie miteinander ins Bett. Sie möchte sich einen Film anschauen, sagt sie, auf der Matratze liegend. Als der Mann es sich neben ihr bequem machen möchte, macht sie ihm klar, dass sie allein Fernsehen schauen möchte. Der Mann verabschiedet sich höflich, ein wenig traurig, aber ohne dass ein böses Wort fällt, und Marie (Marion Cotillard) macht es sich erleichtert bequem.

Éric (Gilles Lellouche) geht mit einem Freund in ein Café und trifft sich mit einer aufreizenden Blondine. Ihre erste Frage ist: „Habt ihr schon mal eine Doppelpenetration gemacht?“, und die beiden Männer sind verlegen. Als sie auf Toilette geht, nutzen sie, albern wie zwei Schuljungs, die Chance zur Flucht.

Vincent (Benoît Magimel) ist Masseur und knetet seinem alten Freund Max (François Cluzet) den Rücken. Beide sind verheiratet, spielen gemeinsam Fußball und kennen sich seit Ewigkeiten. Vincent möchte mit Max etwas besprechen und sie treffen sich beim Abendessen. Im Restaurant eröffnet Vincent ihm, dass er seine Hände mag und sich in ihn verliebt habe. Natürlich sei er nicht schwul, Gott bewahre. Max ist entsetzt und gerät in Panik. Die beiden versprechen sich, dass sie nie jemanden von diesem Treffen erzählen werden.

Das kennt man ja, die französische Filmnation kümmert sich wie keine andere mit imposanter Hartnäckigkeit darum, dass Pärchen Liebe und Sex umfassend und detailliert beleuchten. Und doch sticht „Kleine wahre Lügen“ auf wunderbare Weise hervor. In seiner Mixtur zwischen Abgebrühtheit und ironischer Haltung, Romantik und Verzweiflung ist er ein Film, der das Leben im Jetzt und Hier widerspiegelt. Falls jemand je später wissen will, wie genau das Liebesleben der urbanen, gutsituierten, von materiellen Sorgen weitgehend befreiten Mittdreißiger in einer westlichen Industrienation am Beginn der Zehnerjahre ausgesehen hat, hier wäre sein Film.

Auf an die Atlantikküste

Er beginnt nachts in einer Diskothek. Ludo (Jean Dujardin) nimmt Kokain, knutscht eine Frau, scherzt mit Freunden, nimmt seinen Helm und fährt mit dem Moped los. Dann kommt ein weißer Lieferwagen von der Seite, und es knallt. Und wie im Polanski-Film „Bitter Moon” ist das Leben, das man vorher noch so ausschweifend gelebt hatte, von eben auf gleich vorüber. Bei Polanski landet Peter Coyote im Rollstuhl, hier befindet sich der Mann auf einer Intensivstation und sieht blau und lila und schrecklich verbeult aus.

Seine Freunde kommen ihn besuchen. Und es ist immer das Gleiche, obwohl es dem Zurückgebliebenen im Krankenhaus wie eine unfassbare Ungerechtigkeit erscheint, das Leben draußen geht einfach weiter, ohne ihn. Seine Freunde entscheiden sich, nach einigen moralischen Taktierereien, in den geplanten Sommerurlaub im Haus an der Atlantikküste aufzubrechen, so wie sie es schon seit Jahren tun.

Das anfangs ein wenig unübersichtliche Arsenal der sieben halbjungen Menschen reist mit einigen Kindern in das Ferienhaus von Max. Was folgt, ist ein perfekter Sommerfilm, 154 Minuten lang und erstaunlich kurzweilig. Sie joggen am endlosen Strand, fahren Boot, trinken Wein, rauchen ungestüm, essen Austern, streiten und versöhnen sich und verquatschen die Nächte. Zwei Klischees sind lächerlich, 100 Klischees sind ergreifend, hat Umberto Eco mal gesagt, und das trifft auf den Film zu.

Natürlich sind die Figuren überzeichnet: Max ist ein unglaublicher Pedant, Marie bleibt auf rührende Weise bindungsunfähig und Éric ist ein Zocker und Lebemann. So sind sie am Anfang, so sind sie am Ende. Dann gibt es noch Isabelle (Pascale Arbillot), die still leidende Gattin des eigentlich nichtschwulen Vincent, und den hübschen Antoine (Laurent Laffite), der beharrlich versucht, seine Ex-Freundin wiederzugewinnen und ständig seine Strategie wechselt: In der einen Sekunde beschließt er, „ich werde mich jetzt rar machen“, in der nächsten Sekunde schreibt er ihr eine SMS. Und währenddessen gerät Ludo immer mehr ins Vergessen.

Der erfolgreichste Film 2010

„Kleine wahre Lügen“ gleicht einem kleinen Hammer, der beharrlich an Herz und Seele des Zuschauers klopft und irgendwann die weiche Stelle trifft. Fünf Millionen Menschen schauten sich ihn 2010 in Frankreich an, und er war dort der erfolgreichste inländische Film 2010. Überraschend ist das nicht, ist er doch im wahrsten Sinne ein Heimatfilm und zeigt das Land von seiner wunderschönen und seine Einwohner, in ihrem unstillbaren Verlangen endlos und charmant über Liebe, Betrug und Sehnsüchte zu reden, von ihrer typischen Seite.