Tourette-Film

Roadmovie-Verhinderungskomödie mit Sozialauftrag

"Ein Tick anders" erzählt nach "Vincent will Meer" wieder vom filmisch gut verwertbaren neurologischen Leiden Tourette. Er wählt jedoch einen anderen Ansatz.

Wenn nicht alles täuscht, war es mal wieder Til Schweiger, der es wagte, eine amerikanische Erfindung nach Deutschland zu importieren: die Behinderten-Komödie. In „Wo ist Fred?“ spielte der spätere Keinohrhase einen ziemlichen Vollhorst, der sich als Rollstuhlfahrer ausgab. Über das Werk muss man eigentlich nur wissen, dass es als Hollywood-Ausschlussware in Deutschland gelandet war.

Keiner in den USA wollte das Skript des Autorenduos Cinco Paul und Ken Daurio („Santa Clause 2“) verfilmen. Und so probierten Schweiger und einige andere sehr populäre deutsche Schauspieler aus, ob man hierzulande über einen haarsträubend zurückgebliebenen Abklatsch der Erzeugnisse der Farrelly-Brüder lachen kann. Man konnte nicht wirklich. Seitdem gab es lange Zeit keine Behinderten-Komödie mehr in Deutschland.

Neuer deutscher Tourette-Film

Und nun das: Das Tourette-Syndrom, eine handfeste Behinderung, wird offenbar zur neuen Mode im deutschen Kino. Zu diesem Schluss könnte man beinahe kommen. Nachdem das Roadmovie „Vincent will Meer“, in dem Florian David Fitz ein Opfer des überhaupt nicht komischen neurologischen Leidens spielte, überraschend über eine Millionen Zuschauer anzog und auch noch den Deutschen Filmpreis gewann, gibt es jetzt schon wieder einen deutschen Tourette-Film. Allerdings, das sei zur Ehrenrettung gesagt, war „Ein Tick anders“ schon in der Mache, als der Erfolg von „Vincent“ noch lange nicht abzusehen war.

Und in der Tat tickt Andi Rogenhagens Film völlig anders als das vermeintliche Vorbild. Die Hauptfigur, die junge Eva, wird nicht in eine Fachklinik abgeschoben, sondern kann ihre Ticks im gesicherten Zuhause innerhalb ihrer verständnisvoll-kauzigen Familie ausleben. Der Konflikt zwischen den Leistungsanforderungen der vermeintlich normalen Welt in Gestalt des Vaters und dem Trotz des kranken Kindes, der als Katalysator in „Vincent“ fungiert, spielt hier keine Rolle.

Roadmovie-Verhinderungskomödie

Ganz im Gegenteil: Mit seinem dezent an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnernden verspielten Inszenierungsstil macht Regisseur und Drehbuchautor Rogenhagen von Anfang an klar, dass man es hier nicht mit einem naturalistischen Drama zu tun hat. Die Behinderung wird zwar durchaus ernst genommen und von der Entdeckung Jasna Fritzi Bauer mit einiger Virtuosität gespielt, dient aber letztendlich nur als Grundlage für eine Geschichte, die man in Ermangelung eines besseren Wortes Roadmovie-Verhinderungskomödie nennen könnte.

Eva ist nämlich durchaus zufrieden mit ihrem Leben auf dem Lande, bei ihrer übervorsorglichen Mutter (Victoria Trauttmansdorff), der milde durchgeknallten Oma (Renate Delfs) und dem Alt-Punk-Onkel Bernie (Stefan Kurt). Probleme bekommt das junge Mädchen nur in der Konfrontation mit der Außenwelt. Dann nämlich sagt Eva genau das, was man Fremden gegenüber bloß nicht aussprechen sollte: Schimpfwörter, Beleidigungen, oft auch die Wahrheit.

"Vorstadtkrokodile" lassen grüßen

Veränderungen sind Gift für Eva. Deshalb reagiert sie auch panisch, als ihr Vater (Waldemar Kobus) verkündet, dass die Familie wegen seines neuen Jobs nach Berlin umziehen werde. Das Mädchen tut im folgenden alles dafür, um ja nicht das Zuhause verlassen zu müssen. Wozu unter anderem ein bizarr misslungenes Casting, ein Bewerbungsgespräch mit einer absurd behindertenfeindlichen Führungskraft (Nora Tschirner in einem Kurzauftritt) und ein krude geplanter Banküberfall gehören.

Vor allem Letzterer führt dazu, dass der Film irgendwann ein wenig von seiner anfänglichen Originalität einbüßt und zu einem Jugend-Abenteuer à la „Vorstadtkrokodile“ wird – freilich ohne die gleichaltrigen Freunde, die den vormals ausgeschlossenen Behinderten erfolgreich integrieren.

Lachen mit den Behinderten

Eva, das ist sozusagen die einsame Prinzessin mit dem Tick, die anstelle von Fröschen Salamander küsst. Man sieht es auch an dem eigentümlich königshaften Rauschebart, den der Vater trägt: Bei Rogenhagens Film handelt es sich im Grunde um ein Märchen. Allerdings um ein gewissermaßen umgedrehtes. Im Märchen, im Epos und auch im Road Movie müssen die Helden normalerweise in die Ferne, um sich zu verändern und siegreich zurückkehren zu können. „Ein Tick anders“ verweigert sich auf fast schon dreiste Weise diesem Muster.

Was natürlich eine gewisse Berechtigung hat. Behinderung wird hier nicht als Devianz-Verhalten betrachtet, das es mit allen Mitteln der Fürsorge und Toleranz zu korrigieren oder erträglicher zu machen gilt. Es ist eher so, dass „Ein Tick anders“ all jene der Lächerlichkeit preisgibt, die das versuchen. Vor diesem Hintergrund lacht man eben nicht über die Behinderung, sondern mit der Behinderten.

Eva darf so bleiben, wie sie ist. Und vor allem, wo sie ist. Im Wald und auf dem Lande. Das ist auf verwirrende Weise gleichzeitig alternativ und konservativ. Unfreiwillig wird aus dem Jugend-Märchen so auch ein Film für grüne Wutbürger.