Liebesfilm

Was tun, wenn Mr. Right plötzlich vor einem steht?

Silvio Soldinis "Was will ich mehr" erzählt mit wunderbaren Details die Geschichte einer Frau, die einem anderen begegnet.

Der italienische Originaltitel schreibt den Satz in einem Wort zusammen, als wäre es ein Stoßseufzer und keine Frage: Waswillichmehr. Es sind die, die eigentlich glücklich und zufrieden sind, die das besonders gut verstehen: Ich hab doch alles, was will ich denn noch mehr? Eben wie Anna, dargestellt von der wunderbar spröden und schwierigen Alba Rohrwacher: Als Angestellte geht sie einer soliden Arbeit nach und scheint einigermaßen erfolgreich; zuhause hat sie einen netten Kerl (Giuseppe Battiston) zum Freund, der sich als Heimwerker bewährt und sichtlich in der Zweisamkeit mit ihr aufgeht. Als ihre Schwester ihr erstes Kind zur Welt bringt, ergibt sich mit fast zwingender Logik, dass es nun auch für Anna Zeit wäre. Ihr Freund Alessio ist auch sofort einverstanden. Was also will sie denn noch mehr?

Silvio Soldini, der als Regisseur von „Brot und Tulpen“ beim deutschen Arthouse-Kinopublikum Kultstatus genießt, versteht sich auf die Darstellung von Normalität. Die Szenen, mit denen uns zu Beginn das „eigentlich“ glückliche Leben von Anna gezeigt wird, übertreiben nicht, sondern halten sich an ein ausgewogenes Maß der Alltäglichkeit. Dieses ganz normale Leben nämlich wird zur verlorenen, schönen Zeit erst durch das, was danach passiert. Erst dann wird die Normalität zur Ursache: Es hat ihr etwas gefehlt. Sie wollte mehr.

Was passiert, ist Annas Begegnung mit Domenico (Pierfrancesco Favino). Er arbeitet für einen Cateringservice und richtet bei Anna eine Betriebsfeier aus. Zwei an sich belanglose Sätze über belegte Schnittchen reichen, um die Luft zwischen ihnen in Schwingung zu versetzen. Aber es braucht eine zweite Begegnung, um daraus den sprichwörtlichen „coup de foudre“ werden zu lassen. Auf einmal weiß Anna, worin das „mehr“ besteht, dass sie will, und Domenico, selbst verheiratet mit zwei Kindern, ist nur zu willig, es ihr zu geben.

Mit derselben Genauigkeit, mit der Soldini das matte Glück der Normalität schilderte, setzt er nun auch das gefährdete Glück der Leidenschaft in Szene. Dem wilden Sex im Motel geht der kurze peinliche Moment voraus, in dem Domenico bei der Bezahlung zögert, weil sein knappes Familienbudget solche Eskapaden eigentlich nicht erlaubt. Und wenn er hinterher im eigenen Bad heimlich seinen Taucheranzug befeuchtet, um seiner Frau keinen Verdachtsmoment zu liefern, gibt es da dieses ungute Gefühl, zu solchen Manövern gezwungen zu sein. Zuhause bei Anna wartet indessen Alessio mit einer Geduld, die verrät, dass hier einer versucht, durch entschlossene Blindheit der großen Kränkung zu entgehen.

Soll Anna den Schritt tun und Alessio verlassen? Wäre Domenico glücklicher, wenn er Frau und Töchter aufgäbe? Nie weiß es der Zuschauer besser. Aber Soldini beschenkt ihn dafür mit dem Glück, einmal die Vielfalt der Details eingefangen zu sehen, die den Stoff des Lebens ausmachen. Was will ich mehr? Mehr Filme wie diesen.