Literatur

"Der Mauerfall war auch für Schweden wichtig"

Der Krimiautor Arne Dahl hat jetzt einen Zweitwohnsitz in "Kreuzkölln". Im Interview mit Morgenpost Online spricht der Schwede über Berlin als Inspiration, gesellschaftliche Veränderung und den Umgang mit den Attentaten von Norwegen.

Foto: Sara Arnald

Arne Dahl und seine Frau Sara kommen mit Fahrrädern zum Interview. Sie ist Fotografin, er Krimiautor. „Wir haben eigentlich Urlaub“, sagen die beiden. Dahl spricht so, wie seine Bücher geschrieben sind: Jedes Wort ist sorgfältig gewählt. Zwischen den Sätzen blitzt manchmal der subtile Humor hervor, den man aus seinen Kriminalromanen kennt. Wir überlegen, wo unser Gespräch beginnen soll. In Berlin, wo die beiden oft sind, oder in Norwegen, wo die Bombe in Oslo und der Massenmord an Kindern die Welt erschüttert haben. Dahls jüngstes Buch endet in Berlin. Also fangen wir hier an.

Morgenpost Online: Herr Dahl, was macht ein schwedischer Krimiautor in Berlin?

Arne Dahl: Oh, ich schreibe gerade an meinem neuen Buch. Und wir besichtigen Berlin. Seit wir vor eineinhalb Jahren eine kleine Wohnung in „Kreuzkölln“ gekauft haben, sind wir ein paar Mal im Jahr für einige Wochen hier. Die Gegend gefällt uns gut, es ist ein Viertel im Umbruch, mit vielen unterschiedlichen Menschen. Wir haben die Weserstraße und die vielen Kneipen und Clubs für uns entdeckt, auch wenn ich nicht mehr so jung bin wie die meisten Leute dort (er lacht). Aber verliebt hatte ich mich in Berlin schon viel früher.

Morgenpost Online: Verliebt?

Dahl: 1998 kam ich ein Jahr zu einem Graduiertenstipendium an die FU. Aber in Wirklichkeit habe ich die meiste Zeit damit verbracht, Kriminalromane zu schreiben.

Morgenpost Online: „Opferzahl“, Ihr zuletzt in Deutschland erschienener Krimi, endet in Berlin. Hjelm und Holm, die Ermittler, verfolgen einen Verbrecher zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals. Inspiriert Berlin Sie zum Schreiben?

Dahl: Ja. Als ich das Mahnmal zum ersten Mal sah, war ich in doppelter Hinsicht beeindruckt. Zum einen von seiner enormen historischen Bedeutung. Und dann dachte ich, dass es sich sehr gut eignet für eine Action-Szene ...

Morgenpost Online: Was fasziniert Sie an Berlin?

Dahl: Hier begegnet man überall Geschichte und Kultur, alles steht im europäischen Kontext. Stockholm ist eine schöne Stadt, aber eben einfach nur Schweden. Sicher, unsere Historie reicht weiter zurück als die preußische. Aber im Schweden des 20. Jahrhunderts ist nicht viel passiert. In Berlin hat mit dem Fall der Mauer das neue Europa seinen Anfang genommen. Das war wichtig, auch für Schweden.

Morgenpost Online: Was bedeutete der Fall der Mauer für Schweden?

Dahl: Er steht symbolisch dafür, was mit unserer Welt geschehen ist in den letzten Jahrzehnten. Auch Schweden ist seit dem Mauerfall anders geworden. Es ist Teil der EU. Seit den 90er-Jahren sind viele Menschen aus den Krisenregionen der Welt und auch aus Osteuropa zugezogen. Auf einmal hatte auch Stockholm Viertel, in denen vor allem Menschen aus anderen Ländern lebten.

Morgenpost Online: Das war auch die Zeit, in der Sie begonnen haben, Kriminalromane zu schreiben.

Dahl: Ja, ich suchte einen Weg, diese Veränderungen aufzugreifen. Schweden hing lange der Idee an, eine offene Gesellschaft zu sein, in der für alle Platz ist. Das „Volksheim“, die sozialistische Utopie der 30er-Jahre, hat uns bis in die Gegenwart beeinflusst. Das hat sich dann in sehr kurzer Zeit gravierend geändert, vielleicht mehr noch als in anderen westlichen Ländern. Plötzlich waren auch wir mit den negativen Seiten konfrontiert, etwa mit der russischen Mafia. Und mit den Ängsten vor allem, was fremd ist. Ich habe dieses Thema in meinem ersten Kriminalroman thematisiert, in „Misterioso“. Hinterher sind dann gar nicht die Russen die Bösen. Es ist nicht immer alles so einfach, wie es scheint.

Morgenpost Online: Sind Krimis geeignet, gesellschaftliche Veränderungen zu beschreiben?

Dahl: Ich habe ja zunächst literarische Bücher geschrieben. Sie haben keine große Auflage und sind, wenn man so will, ein bisschen egozentrisch. Im Grunde haben sie vor allem mich selbst zum Thema. Als ich Vater wurde, sah ich die Welt mit anderen Augen. Plötzlich waren die politischen Weltereignisse ganz nah. Schweden lag nach dem Zerfall der Sowjetunion mitten in Europa. Ich suchte einen Weg, all das literarisch umzusetzen. Außerdem wollte ich gern einfach mehr Leser haben und die Menschen mit spannenden Büchern unterhalten. So habe ich Arne Dahl erfunden, mein Alter Ego.

Morgenpost Online: Lesen Sie selbst gern Krimis?

Arne Dahl: Einer meiner Lieblingsschriftsteller ist immer noch James Ellroy, vor allem seine frühen Werke. Oder Dennis Lehane und der australische Autor Peter Temple. Ich habe schon als Junge gern spannende Bücher gelesen. Ich erinnere mich an Nächte, in denen ich einfach nicht aufhören konnte.

Morgenpost Online: Werden Ihre neuen Bücher jetzt in Berlin spielen? Die Reihe um das Stockholmer „A-Team“, die Ermittler Hjelm und Holm, ist auf Schwedisch ja abgeschlossen.

Dahl: Nein. Das zwölfte Buch spielt zwar teilweise in Berlin, aber der eigentliche Schauplatz ist Schweden. Es ist Teil der zweiten Arne-Dahl-Reihe, diesmal sollen es vier Folgen werden. Hjelm und Holm kommen dann aber auch wieder vor, sie werden sozusagen wiedergeboren.

Morgenpost Online: Wie finden Sie Ihre Charaktere?

Dahl: Ich lese viel, auch Zeitungen und Nachrichten. Mich interessiert, wie Verbrecher zu dem wurden, was sie sind. Die Umstände, ihre Motive und Methoden. Manchmal ist das sehr einfach zu verstehen. Manchmal ist es sehr schwierig.

Morgenpost Online: Wie geht man als Kriminalschriftsteller mit Ereignissen wie in Oslo um?

Dahl: Als die Bombe in Oslo explodiert war, erfuhren wir das schon kurz danach über Twitter. In den Tagen danach verfolgten wir alles am Computer. Es war einfach erschütternd, als die Zahl der Toten immer mehr anstieg. Dass jemand aus ideologischen Gründen einen Massenmord an Kindern verübt, ist ein furchtbarer Gedanke. Ich bin ja kein Kriminalitätsexperte, sondern nur Fachmann im Erzählen und Erfinden. Was in Oslo geschehen ist, ist aber schrecklicher als alles, was man erfinden kann. Ab und zu werfen mir Leser vor, meine Schilderungen seien zu grausam. Aber ich denke, wenn man heutzutage über Kriminalität schreibt, muss man auch die Wirklichkeit sehen. Die Realität ist grausamer als jede Fiktion.

Morgenpost Online: Es gab in Oslo schnell ein Bekennerschreiben und eine scheinbar einleuchtende Erklärung – islamistischer Terror. Dann aber stellte sich heraus, dass der Täter Norweger ist. In Ihrem Buch „Opferzahl“ beginnt die Handlung ähnlich: Ein Bombenanschlag in der Stockholmer U-Bahn, sofort gibt es ein Bekennerschreiben, muslimische „Heilige Reiter“ erklären sich verantwortlich. Dann aber führt die Spur mitten in die schwedische Gesellschaft.

Dahl: Ja, aber man muss sagen, das war Zufall, wenn auch ein beängstigender. Ich bin sicher, dass der Attentäter meine Bücher nicht gelesen hat. Und mit meinem Buch wollte ich ausdrücken: Die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen. Was mir Sorgen bereitet, ist, dass in Oslo zum ersten Mal jemand etwas in die Tat umgesetzt hat, über das Rechtsextreme bisher nur geredet und geschrieben haben – Terror. Die Anleitungen zum Bombenbau und solch ideologischer Wahnsinn finden sich ja für jeden zugänglich im Internet. Es gab schon immer kriegsverherrlichende Männer, die im Internet ihren Hass auf die offene Gesellschaft in Schweden und Norwegen auslebten. Nur hat das bisher niemand so in die Tat umgesetzt, so brutal und grausam. Ich befürchte, dass dieser Attentäter zu einem perversen Held werden könnte, wenn wir nicht aufpassen.

Morgenpost Online: Kann man Menschen wie diesen Attentäter begreifen?

Dahl: Ich habe mir natürlich das Pamphlet des Attentäters im Internet angeschaut. Auch das Tagebuch, in dem er detailliert beschreibt, wie er seine Taten plante. Das Erschreckende ist: Einerseits ist er unglaublich planvoll und intelligent vorgegangen – und gleichzeitig ist das alles total krank. Dieser Mensch befindet sich in einer Art persönlichem Krieg, in dem er der Held ist. Seine Feinde sind Muslime, die seiner Meinung nach Europa überschwemmen. Und er hasst die Sozialdemokraten, die das aus seiner Sicht unterstützen.

Morgenpost Online: Ist dieser Hass typisch für Skandinavien?

Dahl: In Deutschland gibt es auch Rechtsextremisten, aber mein Eindruck ist, dass der Hass auf die Regierung bei uns noch extremer ist. Norwegen und Schweden haben ja eine ähnliche politische Geschichte in der jüngeren Zeit und dieselben gesellschaftlichen Werte. Der Attentäter wollte mit dem Massenmord offenbar die Sozialdemokraten der Zukunft ausrotten. So etwas gab es bisher einfach noch nie.

Morgenpost Online: Hat man den Mann nicht ernst genug genommen?

Dahl: Vielleicht. Mich erschrecken schon seit längerer Zeit die hasserfüllten Kommentare zu manchen Zeitungsartikeln im Internet. Einige Zeitungen zensieren diese Kommentare nicht. Auch dort findet sich dieser Hass auf alles Fremde, auf Sozialdemokraten, die Regierungen. Bei den letzten Wahlen sind in Schweden zum ersten Mal die Rechtspopulisten ins Parlament eingezogen. Sie bezeichnen sich zwar als nicht rassistisch, aber ihre Anhänger sind es auf jeden Fall. Wir haben Menschen wie den Attentäter von Oslo lange als Außenseiter abgetan, als Geistesgestörte. Möglicherweise war das ein Fehler.

Morgenpost Online: Kann Literatur, können Kriminalromane die Gesellschaft verändern?

Dahl: Ich lebe zumindest in dem Traum, dass es nicht allein Unterhaltung ist, was ich mache. Ich möchte sozusagen Samen säen für eine Gesellschaft, in den wir leben wollen. Man muss darüber reden, was Demokratie bedeutet. Und was der Preis ist, den wir dafür bezahlen müssen.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich, dass Schweden in Deutschland einerseits als heile Welt gilt, dass die schwedischen Krimis so beliebt sind – und das, obwohl sie diese Idealwelt ja permanent in Frage stellen?

Dahl: Das ist eine schwierige Frage, auch wenn sie oft gestellt wird. Ich glaube, es gibt eine Faszination – auf der einen Seite dieses Bild Schwedens als Paradies, die Natur und die soziale Gesellschaft. Und dann gibt es da wohl eine Art masochistische Freude, genau dieses Paradies zu zerstören. Man sieht: Es gibt Schlangen im Paradies. Aber Kriminalromane enthalten ja auch immer das Versprechen, dass die Geschichte am Ende gut ausgeht. Dass das Paradies zumindest ein bisschen wieder hergestellt ist, wenn das Ver-brechen aufgeklärt und der Täter gefasst ist.