Museumsrundgang

Beim Google Art Project fehlt, was bisher störte

Nach unseren Straßen hat Google auch unsere Museen ins Visier genommen. Doch dieser Kunstgenuss hat seine Schwächen.

Der erste Eindruck beim Einloggen: Hier kommst du näher an die Kunst ran, als ein Museum es erlauben würde. Am Portal des Google Art Project schmückt sich jede Sammlung mit dem Ausschnitt eines ihrer Publikumsmagneten in einer Nahsicht, bei der im Saal der Alarm losginge.

Doch treten wir einen Schritt zurück und überfliegen die Namen der 17 vertretenen Institutionen. Da fallen zuerst die Abwesenden auf; die nobelsten Kunstsammlungen sind über Mausklick nicht zugänglich: weder die Vatikanischen Museen, noch das Kunsthistorische Museum in Wien, weder der Louvre, noch der Prado Madrid. Kapitulierte hier Google vor dem behördlichen Dickicht, das diese ersten Museen abschirmt?

Zumindest bei den französischen Schatzmeistern dürfte die Abneigung mitgespielt haben, sich auf eine amerikanische Privatinitiative einzulassen. Die Grande Nation hält fest am Anspruch auf das Diskursmonopol über ihre Kulturgüter. In der zweiten Liga jedoch sind die wichtigsten Marktführer des Städtetourismus zur Stelle.

An der Spitze steht New York mit drei Museen. Es folgt das breite Mittelfeld der Metropolen, die mit zwei Museen vertreten sind: Madrid, London, Amsterdam und Berlin. Aus Florenz, Versailles, Prag, Sankt Petersburg und Moskau sind je eine Sammlung angeschlossen.

Der Stand der Erschließung einzelner Sammlungen ist sehr unterschiedlich. Die amerikanischen Häuser, zu denen, neben dem Metropolitan Museum, dem Museum of Modern Art und der Frick Collection in New York, auch das Smithsonian in Washington gehört, stehen die Kamerafahrten im Vordergrund. Besonders attraktiv die gediegenen Salonsuiten von Frick mit dem entzückenden Fragonard-Kabinett.

Wenn zwischen mir und der "Verfolgung" nur nicht jene störende Flügeltür offenstünde und der "Gekrönte Liebhaber" nicht so ungünstig über Eck stehen bliebe! Der Google Rollwagen hat es wohl versäumt, diesen Winkel betrachterfreundlich abzuscannen.

In Aufbauphase sind auch Schloss Versailles und die Madrider Sammlungen Reina Sofia und Thyssen Bornemisza. Da hätte man besser mehr investiert in die Aufnahme einzelner Werke. Der Reiz des Durchsurfens im leer stehenden Palacio Cristal erschöpft sich bald.

Vorbildlich wurde in den englischen Museen gearbeitet: Tate Britain und die National Gallery legen weniger Wert auf oberflächliche Spielchen. Zwar sind erst wenige Räume virtuell betretbar, doch deren Werke sind, ohne Rücksicht auf celebrity, flächendeckend dokumentiert.

Gut erschlossen sind auch die russischen Sammlungen der Heremitage und des Tretyakow, dessen Ikonensammlung breit erfasst wurde. Einen Mittelweg haben das Rijksmuseum und das Van Gogh Museum in Amsterdam, die Uffizien in Florenz, sowie die Alte Nationalgalerie und die Gemäldegalerie in Berlin eingeschlagen. Neben Kamerafahrten durch ihre Häuser wurde die Erfassung der Einzelwerke vorgenommen. Man begann mit den berühmteren Werken.

Jedes Massenmedium hat die Tendenz, ausgetretene Pfade zu betonieren; aber sachkundig geleitet, böte das Google Art Project auch die Chance, einem konventionellen Kunstkanon entgegenzuwirken, indem Entdeckungen auch weniger bekannter Künstlerinnen und Künstler ermöglicht werden. Das Prager Museum Kampa muss besonders erwähnt werden als jener virtuelle Ort im Google Art Project, der mit tschechischer Kunst der Moderne und der Gegenwart Einblick in eine Kunstlandschaft jenseits des allzu Bekannten bietet.

Machen wir einen Elchtest aus professioneller Warte und loggen uns im Nationalmuseum Berlin ein. Nein, wir wählen jetzt nicht Manet und nicht Menzel, weder Cézanne noch Friedrich, sondern wir wählen Carl Rottmann. Mit einem Klick auf "artist information" sind wir mit Google Earth verbunden.

Die Eckdaten eines kurzen Künstlerlebens sind mit denselben Herzpfeilen markiert, die erscheinen, wenn wir über Google ein Restaurant oder eine Adresse suchen. Rottmanns Vita kann jetzt mit dem Routenplaner berechnet werden von Heidelberg, wo er am 11. Januar 1797 geboren wurde, nach München, wo er am 7. Juli 1850 starb.

Vom Landschaftsmaler hängt "Das Schlachtfeld von Marathon" im Raum 3.07. Der einschlägige Text, kunsthistorisch auf der Höhe der Forschung, stammt von der Kuratorin des Museums, Angelika Wesenberg. Wir erfahren, dass das Gemälde eine Kopie des Wandbildes darstellt, das Rottmann 1848 im Münchner Hofgarten gemalt hatte.

Der Künstler war vom Bayerischen Königshaus 1834-1835 eigens zum Naturstudium nach Griechenland geschickt worden. Otto, der Sohn von Ludwig I, war König von Griechenland geworden. Mit einem minderjährigen Prinzen, erzogen im engen Geist des Absolutismus, krönten die europäischen Großmächte die Befreiung des griechischen Volks vom Osmanischen Reich.

Mit Ach und Krach hielt sich der Bayer 20 Jahre lang auf dem Thron in Athen, bevor er ins Bamberger Exil verjagt wurde. Dass die Europäer nichts aus dieser Geschichte gelernt haben, beweist ihre aktuelle Haltung zu den Vorgängen in Ägypten und Tunesien, wo despotische Stellvertreter koloniale Interessen aufrecht erhalten sollen.

Das Gespenstische solcher Politik wird im Gemälde unwillkürlich sichtbar, malt Rottmann doch jenes Schlachtfeld, wo die Athener einen Zugriff der Perser abwehrten, als eine sturmgepeitschte Gegend ohne Menschen. Bisher galten Museen als Tankstellen der Realpräsenz. Hier konnte man Originale entdecken oder wiedersehen, über die man gelesen und gehört hatte.

Kunstsystem erschüttert?

Erschüttert jetzt das Google Art Project die Rolle des Museums im Kunstsystem? Schleift das Kamerateam, das für Google schon die Stadträume der Erde Straße um Straße aufgezeichnet hat, die letzten Hemmschwellen der Musentempel? Stehen wir vor einer neuen Dimension von Öffentlichkeit, einer Kulturrevolution? Spätestens beim Klick in den Museumsshop des Rijksmuseums wird klar, was fehlt: Geräusche und Gerüche.

Wo geht's hier zur Cafeteria? Wo ist das Publikum, das meine Beobachtungen durch Gedränge und Lärm mitbestimmt? Man vermisst jetzt alles, von dem man glaubte, es störe den Kunstgenuss. Meine reale Anwesenheit im Museum liefert das, was kein noch so scharfer Zoom am Bildschirm bietet: jene kribbelnde Furcht, meine Aufmerksamkeit könnte durch eine vorlaute Reisegruppe gestört werden. Der Kunstgenuss steigert sich mit der Einsicht in seine Flüchtigkeit.

Hier aber, bei Google Art, ist der sinnliche Kontakt mit den Kunstwerken jenseits reiner Sichtbarkeit gekappt. Es fehlt das Raumgefühl, das zwischen mir und den Werken Atmosphäre schafft. Wer einige Zeit im Labyrinth am Bildschirm herumzappt, sieht sich in der Rolle des Tantalos.

Der war für seinen Frevel, die Hellsicht der Götter prüfen zu wollen, in den Tartaros gesperrt worden. Hier hatte er Hunger und Durst zu leiden, während er in einem Teich unter Fruchtbäumen stand. Alles um ihn wich zurück, wenn immer er danach greifen wollte. Tantalos war verdammt, auf ewig nur ansehen zu können, was er begehrte.

Privatisierter Blick

Das Google Art Projekt privatisiert den Blick durch reproduzierte Offenlegung, es weckt das Bewusstsein des Ausschlusses bei voller Sinneswahrnehmung. All das, was man gratis zu sehen bekommt, bleibt unverfügbar. Mit der technischen Reproduzierbarkeit der Bilder vervielfältigt sich auch deren Kontrolle durch die Eigner:

Seien es Stiftungen, Sammler, Künstler und ihre Witwen, Agenturen der fotografischen Zirkulation - sie alle wollen vom Vertrieb profitieren. Und das kann teuer werden. Die Veröffentlichung vieler wissenschaftlicher Arbeiten scheitert an den Auflagen der Bildrechte.

Doch wie steht es dagegen mit den Rechten an den vervielfältigten Texten bei Google? Wenn's hochkommt, wird das Copyright eines Verlags genannt: Tod des Autors im globalisierenden Englisch. So wie die Orchidee sich vom Saft des Wirtsbaums ernährt, saugt Google den Bienenfleiß anonymer Kunsthistorik in seiner Suchmaschine auf.

Da gibt es die Rubrik "Google Scholar": eine Bibliografie der Künstlerinnen und Künstler. Was unseren eher unbekannten Carl Rottmann betrifft, wird das im Netz abrufbare Wissen überwuchert von Titeln über den Mathematiker Karl Rottmann, zu dem die Suchmaschine viele Seiten ausspuckt.

Es fehlt die Filterung der Ergebnisse von professioneller Hand. Im guten alten Thieme Becker erfahren wir sehr viel mehr über den spätromantischen Landschaftsmaler. Allerdings beschränkt sich der Zugang zu den 37 Bänden vom "Allgemeinen Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart" auf die Öffnungszeiten einer Kunstbibliothek. Google schafft keine neuen Erkenntnisse, es kann nur reproduzieren, was schon bekannt ist. Beschleunigt wird die Zugänglichkeit von Wissen in verdünnter Form unter Vernachlässigung der Angabe schriftlicher Quellen.

Das Google Art Projekt rühmt sich seiner gestochen scharfen Reproduktionen. Vor unseren Augen vergrößert sich die Textur der Gemälde vom einzelnen Pinselstrich, über das Craquelée, zum Malgrund der Leinwand. Ihre Geheimnisse geben die Werke dabei nicht preis. Goethe hatte tatsächlich recht: Man sieht nur, was man weiß.