Charlie Chaplin

Eine Hitler-Kopie, so berühmt wie Jesus Christus

Ein Stummfilmfestival in Berlin zeigt "Complete Chaplin". Dass dabei nicht für Drogen oder Glücksspiele geworben wird, besorgt die "Association Chaplin".

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Vor einigen Jahren glaubte die Staatliche Lotterie in Israel, einen einzigartigen Glücksgriff getan zu haben. Sie hatte den idealen Werbeträger gefunden. Sie ließ eine Reihe von Werbespots drehen, in denen ein Doppelgänger von Charlie Chaplin berühmte Szenen aus dessen Filmen nachstellte, am Ende ein Lotterielos fand und glücklich dem Horizont entgegenlief.

Die Rechnung ging jedoch nicht auf, denn die Lotterie hatte den kleinen Vagabunden um sein geistiges Eigentum betrogen. Die Familie Chaplins hat eherne Regeln. Zu ihnen gehört, dass mit ihm nicht für Glücksspiel, Alkohol, Tabak und Medikamente geworben werden darf. Der Prozess, den sie anstrengte, zog sich über acht Jahre hin – die Gegenpartei hatte einen langen Atem, immerhin stand der israelische Staat hinter ihr. Die Rechteinhaber gewannen in höchster Instanz.

Von Sittenwächtern ins Exil getrieben

Gleichwohl kann man die Lotterie verstehen. Wer sonst verkörpert so ideal die Bereitschaft des kleinen Mannes, sein Glück gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu suchen? Wie viele große Mythen des Kinos gründet auch der Chaplins in der Erfahrung der Armut. Seine Figur bleibt lebendig, weil sie Solidarität als Schadenfreude auslöst. Weder Humphrey Bogart, James Dean noch Marilyn Monroe besitzen einen solch nachhaltigen Wiedererkennungswert. Er sei so berühmt wie Jesus Christus, argumentierten die israelischen Anwälte, deshalb gehöre er doch zum Allgemeingut.

Diesen Irrtum zu korrigieren, ist die Aufgabe der Pariser „Association Chaplin“. Sie schützt die Rechte an sämtlichen Filmen, die er nach 1918 drehte (als er sein eigener Produzent wurde) sowie am Namen und Abbild des 1977 verstorbenen Filmemachers. Als Chaplin Anfang der 1950er Jahre von amerikanischen Sittenwächtern und Kommunistenjägern ins europäische Exil getrieben wurde, eröffnete er sein Büro nicht in der Schweiz, wo er sich mit seiner Familie niederließ, sondern in Frankreich, dem Geburtsland der Autorenrechte.

Damals hätte sich niemand vorstellen können, dass heute noch so großes Interesse an seinem Werk herrschen würde. Schließlich sind die meisten seiner Filme stumm, nur einer von ihnen ist in Farbe, und 3-D fügt seiner Kunst nichts hinzu. Aber gerade das vermeintlich Rückständige bewahrt sie davor, zu veralten: Die Filme sprechen ein visuelles Esperanto. Noch immer rufen sie – um mit André Gide zu sprechen – das einträchtige Gelächter von normalen Zuschauern und Intellektuellen hervor.

Die Association bekommt heute mehr Anfragen für Buchprojekte, Filmreihen und Merchandising-Produkte als je zuvor. Die von Serge Toubiana mustergültig kuratierte DVD-Edition, in deren Bonusmaterial Regisseure wie Bernardo Bertolucci, Claude Chabrol, Abbas Kiarostami und die Brüder Dardenne Chaplins Filme kommentieren und ihm dabei ohne herablassende Nostalgie als Zeitgenossen begegnen, hat sich seit Beginn des neuen Jahrtausends als verlässlicher Longseller erwiesen. Gerade bringt Criterion sie auf Blu-ray heraus. Besonders ist das Interesse an Aufführungen der Filme mit Live-Musik gestiegen. Rund 100 Orchester, vor allem aus den USA, fragen jährlich um Partituren an.

Nur bestmögliche Kopien werden gezeigt

An die Vorführung der Filme stellt die Association hohe Ansprüche. Unter anderem hat die Familie verfügt, dass die stummen nur mit der von Chaplin komponierten Musik aufgeführt werden darf. Sie besteht darauf, dass sie in den bestmöglichen Kopien gezeigt werden.

Für das Berliner Kino Babylon , das eine komplette Retrospektive präsentiert, wird dies eine Bewährungsprobe sein. Allzu sehr ist die Aufführungspraxis des Kinos in Verruf geraten, das gern DVDs zeigt, die nur für den Heimgebrauch und nicht die große Leinwand geeignet sind. Zum Start der Filmreihe kommt Geraldine Chaplin , die sich zwar vor einigen Jahren von der Stiftung hat auszahlen lassen (da es bei Abstimmungen unter den Familienmitgliedern regelmäßig Pattsituationen gab), die ihr aber weiter freundschaftlich verbunden ist.

Kate Guyonvarch, die Leiterin der Stiftung, kommt ebenfalls nach Berlin. Sie bewältigt die mannigfachen Aufgaben mit nur zwei Mitarbeitern, ihrer Assistentin Claire Byrski und Charlie Sistovaris, dem Sohn von Chaplins Tochter Josephine, der für die Website verantwortlich ist.

Die Büros in der Nachbarschaft der Kirche St. Eustache sind nicht geräumig. Allerorten stapeln sich Plakate und DVDs. In einer Vitrine im Konferenzraum drängen sich Merchandising-Produkte aus aller Welt- Kaffeetassen, Emaille-Schilder, Comichefte und Keksdosen und vieles mehr, von denen die ältesten noch aus den 1910er Jahren stammen.

Es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Etliche Stiftungen, die das Erbe von Künstlern bewahren – etwa von Salvador Dali oder Hergé, dem Schöpfer von „Tim und Struppi“ –, stehen in dem Ruf, diktatorisch über das Bild bestimmen zu wollen, dass sich die Nachwelt von ihnen macht. Die Association Chaplin kann eine tolerantere Politik betreiben.

"Wir sind nicht besonders furchterregend"

„Im Allgemeinen bringt man uns großen Respekt entgegen“, berichtet Kate Guyonvarch. „Ich glaube nicht, dass Jemand Chaplins Namen auf üble, ehrverletzende Weise missbrauchen würde. Dazu achtet man ihn zu sehr. Wir haben nicht den Ruf, besonders furchterregend zu sein.“ Wenn in einer Folge der „Simpsons“ nach einer Imitation des Brötchentanzes aus „Goldrausch“ ein Anwalt auftaucht, der zornig ruft: „Ich vertrete die Erben Chaplins! Sie verletzen unser Urheberrecht!“, ist das nur eine amüsante Fiktion.

Die größten Probleme beschert der Stiftung ihr Namensgeber selbst. „Er machte sich wenig Gedanken über die Nachwelt“, sagt die Stiftungsleiterin. „Er hatte keinerlei Bewusstsein für den Wert seines Vermächtnisses.“ Wenn ihm der Transport von Dokumenten aus seinem Büro in Los Angeles zu teuer erschien, verschenkte er sie an Museen oder Angestellte. Filmkopien ließ er vernichten, weil ihm der Schweizer Einfuhrzoll zu hoch erschien.

Den "Diktator" bereitete er von langer Hand vor

Einzig die Sammlung von Zeitungsausschnitten, etwa 100 großformatige Alben, war ihm wichtig. Er wusste früh, dass er irgendwann seine Memoiren schreiben würde. Sie ist heute eine bedeutende Forschungsquelle. Seit Beginn der 30er Jahre strich er beispielsweise alle Artikel an, in denen Hitler erwähnt wird, der seinen Schnurrbart dreist kopierte. Offenbar bereitete er „Der große Diktator“ schon von langer Hand vor.

Die Stiftung arbeitet eng mit der Cineteca in Bologna zusammen, die das Archiv erschließt und die Filme digital restauriert. Noch immer sind unbekannte Facetten seines Werks zu entdecken. Vor kurzem ersteigerte man bei einer Auktion die 1000 Seiten umfassenden Notizen des Scriptgirls von „Der große Diktator“, die einen einzigartigen Einblick in seine Arbeitsweise gestatten.

Das geheimnisvolle Napoleon-Projekt

Für die nächsten Jahre ist die Veröffentlichung unverfilmter Drehbücher geplant. Die anti-kolonialistische Satire „Bali“ beispielsweise, zu der sich Chaplin während der eineinhalbjährigen Weltreise inspirieren ließ, die er nach der Premiere von „Lichter der Großstadt“ antrat, könnte das Bild des Filmemachers nachhaltig revidieren: Er machte sich schon weit früher als bisher angenommen, Gedanken darüber, welche Rolle Dialoge in seinen Filmen spielen könnten.

Vielleicht wird man auch erfahren, wie weit seine legendären Napoleon- und Cyrano Projekte wirklich gediehen waren. Mit dem Lausanner Musée d’Elysée arbeitet die Stiftung Chaplins Fotoarchiv auf. Und vielleicht öffnet das seit Langem geplante Chaplin-Museum in der Schweiz ja tatsächlich 2013 seine Türen für das Publikum.

Er hatte Angst, arm zu sterben

Erst in den 60er Jahren, nachdem ein Zusammenschnitt früher Stummfilme weltweit überraschende Erfolge feierte, erkannte Charlie Chaplin den kommerziellen Wert seines Erbes. Er komponierte neue Partituren für seine Klassiker. Anfang der 70er Jahre lud er Verleiher aus aller Welt auf seinen Landsitz im schweizerischen Vevey ein, wo er eine regelrechte Auktion der Vertriebsrechte veranstaltete. Er wollte seine vielköpfige Familie versorgt wissen. Obwohl er einer der reichsten Männer im Filmgeschäft war, hatte er bis ins hohe Alter Angst, wieder arm zu werden.

Das Stummfilmfestival „Chaplin Complete“ findet im Berliner Kino Babylon statt.