Klassiker

"Metropolis", die Mutter aller Filme kehrt zurück

84 Jahre nach der Uraufführung kommt der restaurierte und um eine halbe Stunde ergänzte Filmklassiker "Metropolis" wieder in die Kinos.

Der letzte deutsche Stummfilm, der noch einmal regulär in die deutschen Kinos gekommen ist, war – "Metropolis". Das war im Jahr des Orwells 1984, der Filmkomponist Giorgio Moroder hatte die Rechte aufgekauft, Popsongs von Queen und Madonna darüber gegossen, den Film einfärben und mit den heutigen 24 statt den damaligen 18 Bildern pro Sekunde laufen lassen.

Ein postmodernes Popvideo also, in dem die Figuren und der Sinn hoppsten und sprangen. Die Kritik war, zu Recht, entsetzt. Die Vergewaltigung des Klassikers hatte freilich auch sein gutes: Man machte sich danach an eine ernsthafte, genau recherchierte Rekonstruktion des Originalfilms.

Nun kommt "Metropolis" diese Woche noch einmal ins Kino, über 84 Jahre nach der Berliner Uraufführung am 10. Januar 1927. Mit 30 Kopien startet er bundesweit. Keine Kleinigkeit: ein regulärer deutscher Film hat etwa 50 Kopien. Dabei ist "Metropolis" 2.0 vergangenes Jahr nicht nur auf der Berlinale und in der Frankfurter Oper vorgeführt, sondern parallel auch auf Arte ausgestrahlt worden.

Dennoch sind sich die Verleiher sicher: "Metropolis" ist ein Film, den noch viele sehen möchten. Nicht nur die, die bei klirrender Kälte bei dem Berlinale-Open-Air vor dem Brandenburger Tor geschlottert haben. Sondern vor allem auch das jüngere Publikum, das ihn noch gar nicht kennt.

Werk bringt die Ufa an den Rand des Ruins

"Metropolis", soviel setzen wir einmal als bekannt voraus, ist ein Science-Fiction-Märchen aus einer fernen Megametropole mit Kapitalisten in der Höh' und Arbeitern in der Tiefe, wobei eine echte Maria für das Gute im Menschen steht und eine falsche Maschinen-Maria für die Verführbarkeit der Seelen.

Den armen Menschen wird die eine für die andere vorgegaukelt. Und dem Film selbst sollte es ganz ähnlich ergehen: Auch bei ihm musste man unterscheiden lernen zwischen dem echten und dem falschen Film.

Das kam nicht erst mit Moroder und der Postmoderne. Das begann schon gleich nach der Uraufführung. Fritz Lang hatte für sein Drama keine Kosten gescheut: Aus den anvisierten 1,8 Millionen Reichsmark wurden am Ende sagenhafte sechs Millionen, Lang überzog nicht nur das Budget legendär, er ließ ganze anderthalb Jahre daran drehen und verbrauchte 380 Stunden Filmmaterial (wovon nur ein Hundertachtundvierzigstel verwendet wurde).

Das hat zwar allen Beteiligten eine Weltkarriere geebnet, und das Werk hat mit seinen visionären Bildern und legendären Tricks das Kino auf Jahrzehnte befruchtet und befeuert. Aber die produzierende Ufa hat der Film seinerzeit an den Rand des Ruins gebracht.

USA erzählten mit Zwischentiteln andere Story

Und an den Kinokassen erwies er sich zunächst, allen späteren Meisterwerkstitulierungen und Weltkulturerben-Ehren zum Trotz, als Flop. Die Amerikaner hatten das Werk deshalb umgeschnitten, sich von einem Viertel getrennt und mit neuen Zwischentiteln eine ganz andere Story erzählt. Und weil die Ufa, um zu genesen, sich mit dem amerikanischen Paramount-Konzern eingelassen hatte, kam der Film in dieser Form nach vier Monaten auch wieder in die deutschen Kinos.

Als man vor zehn Jahren, ebenfalls auf der Berlinale, erstmals die "Uraufführung" eines rekonstruierten "Metropolis" vorstellte, hieß es noch im Vorspann, ein Viertel des Filmes sei unwiderruflich verloren. Die fehlenden Zusammenhänge wurden durch Zwischentexte und Standfotos erläutert. Das sollte das Gesamtwerk erschließen, ließ es aber erst recht wie ein Torso erscheinen.

Die neuen Szenen sind leicht zu erkennen

Und dann geschah das Wunder. Der zufällige Fund im Filmmuseum von Buenos Aires, wo sich eine Kopie ohne Verstümmelung fand. Mit 24 nie gesehenen, längst aufgegebenen Filmminuten! Einziger Wermutstropfen: Da der originale Nitrofilm leicht entflammbar war, hatte man die 35-mm-Kopie in ein 16-mm-Reduktionsnegativ kopiert – mit all ihren Beschädigungen und Schrammen.

Die "neuen" Bilder konnte man deshalb nicht so mustergültig restaurieren wie die restlichen; umso deutlicher kann man heute erkennen, welche Sequenzen neu hinzugekommen sind.

Und man mag gar nicht glauben, wie willkürlich die Verstümmelungen vorgenommen worden sind. Es wurden nicht nur ganze Seitenhandlungen gekappt und wichtige Nebenfiguren zu Statisten degradiert, man hat sogar spannende Actionszenen gekürzt – und den Film damit um einen Gutteil seines Thrills gebracht.

Film wurde um Gutteil seines Thrills gebracht

Bei der jetzigen "Metropolis"-Fassung fehlen nun noch eine halbe Sequenz und einige Einzelbilder. Schon zirkulieren die ersten Witze, in zehn Jahren oder so könnten die nächsten Schnipsel in alten Koffern gefunden werden. Aber ein zweites "Metropolis"-Wunder wird sicherlich nicht mehr passieren – und wäre auch nicht mehr von gleicher Sensation. Wir können den Film nun fast wieder so sehen, wie der Regisseur ihn einst konzipiert hat und wie ihn damals gerade mal 15.000 Zuschauer gesehen haben.

Die Wiedergeburt eines Jahrhundertfilms – bei dem übrigens nicht nur alte, verlorene Bilder eingefügt wurden, sondern der ganze Film noch einmal eingehend überprüft wurde: anhand der (ebenfalls noch einmal neu einstudierten) Originalpartitur von Gottfried Huppertz, die über 1000 Synchronpunkte vermerkte, anhand deren die Originalschnitte des Films studiert werden konnten.

Und Ironie der Geschichte: Dass das Werk nun noch einmal in die Kinos kommt, ist dem Filmstudio Warner zu verdanken. Ein Hollywoodstudio war einst namhaft dafür verantwortlich, dass "Metropolis" auf Jahrzehnte verstümmelt wurde, ein anderes ist nun an der späten Ehrenrettung beteiligt. Schade nur, dass keiner der am Film Beteiligten diesen Triumph noch erleben darf. Es sei denn, eines der vielen Berliner Kinder, die in der spektakulären Katastrophensequenz als Statisten mitgewirkt hatten, ist noch am Leben und gibt sich zu erkennen.

Sondervorführung für auserwählte Politiker

Einer kleinen Gruppe von Auserwählten wird der neue "Metropolis"-Film bereits vorab vorgeführt: Eberhard Junkersdorf, Vorsitzender des Kuratoriums der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die für die Rekonstruktion zuständig war, zeigt ihn in der Astor Filmlounge dem Kulturausschuss des Bundestages.

Klar, es ist immer gut, wenn auch mal Politiker ins Kino gehen. Aber dahinter steckt natürlich auch ein gewisses politisches Kalkül. Die Murnau-Stiftung ist zuständig für die Erhaltung, Rekonstruktion und fürs Zugänglichmachen des Filmerbes. So was aber kostet Geld, im Falle von "Metropolis" rund 600.000 Euro; Fritz Langs anderes Monumentalepos, "Die Niebelungen" (1924), ebenfalls im vergangenen Jahr rekonstruiert uraufgeführt, belief sich gar auf 750.000 Euro.

Solches Geld fehlt dann für andere Filme; die Politik ist gefragt. "Wir sind ein Kulturstaat", postuliert Junkersdorf: "Der Staat hat die Verpflichtung, dass das Kulturerbe – und dazu gehört ganz wesentlich der Film – erhalten bleibt und auch noch nachstehenden Generationen zur Verfügung steht."

Durch die Sondervorführung hofft man nun, die Verantwortlichen zu sensibilisieren. Jetzt muss nur noch der Film gut starten: Die Einspielgelder fließen schließlich an die Stiftung zurück. Und ein Erfolg an den Kassen könnte auch politische Entscheidungen erleichtern oder gar befeuern.

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