Jugendkultur

Der Teenager ist brutal, gemein, gefährlich

Gewaltexzesse von jungen Menschen wie jetzt in Griechenland sind keine Seltenheit. Der britische Autor Jon Savage untersucht in seinem Buch "Die Erfindung der Jugend", wie der Typus des aggressiven Teenagers schon im 19. Jahrhundert entstand. Rock 'n' Roll hat damit überhaupt nichts zu tun.

Die Definition des Teenagers beginnt mit einem Massenmord. Neun Jungen zwischen vier und acht Jahren hatte der erst 15-jährige Jesse Pomeroy im US-Bundesstaat Massachusetts mit sadistischer Brutalität abgeschlachtet. Den vierjährigen Horace H. Millen verstümmelte Pomeroy mit einem Brotmesser. Er schlitzte die Kehle mit einem tiefen Schnitt auf und versuchte den Jungen anschließend zu kastrieren.

Als man im Juli 1874 zudem die Leiche des Mädchens Katie Curan fand, wollten aufgebrachte Bürger den "jungen Teufel" lynchen. Zu diesem Zeitpunkt saß Pomeroy bereits in Erwartung seiner Todesstrafe in einem Bostoner Gefängnis. Ein Kind (er begann seine Taten als 14-Jähriger), das einer Erwachsenenstrafe entgegensah.

Mit diesem detailliert kolportierten Kriminalfall eröffnet der britische Autor und Punkchronist Jon Savage ("England's Dreaming") sein 500 Seiten starkes Epos über "Die Erfindung der Jugend". Schließlich begann mit dem Phänomen jugendlicher Straftäter ein verstärktes Nachdenken, wo das Kindesalter endet und das Dasein als Erwachsener beginnt. Savage betreibt ausgiebige Teenagerforschung, bevor der "Teenie" im Zuge der ersten Elvis-Hysterie in den mittleren Fünfzigern des 20. Jahrhunderts überhaupt offiziell erfunden worden ist.

Ausgehend von Pomeroys Schicksal führt Savage durch New Yorker Slums, Londoner Hafenviertel und die kampfgasgetränkten Schützengräben von Flandern. Während die Entwicklungen des späten 19. Jahrhundert eine noch brüchige Herleitung zur späteren "teenage explosion" markieren, analysiert Savage mit der Industrialisierung der Konsumgüterbranche den Weg zum Massenphänomen.

Er erzählt von den ersten Hooligans, vergleicht den im Dezember 1904 erstmals aufgeführten "Peter Pan" mit dem amerikanischen "Wizard of Oz"-Mythos und führt auf diesem Weg zum Erfinder der britischen "boy scouts" Robert Baden Powell. Auch anhand der Pariser Gang der "Apachen" und der Wandervögel der Weimarer Republik widerlegt Savage die Annahme, dass Teenager erst mit Bluejeans erfunden wurden.

Im Kapitel "Die Kriegstoten und der Kampf Jung gegen Alt" untersucht er die Verwerfungen der Zwischenkriegsjahre auf den tief verwurzelten Hass der oft blutjungen Frontsoldaten auf die damalige Generation der Vierzigjährigen: "Im Winter war die Hälfte der 1,85 Millionen britischen Soldaten, die in Frankreich und Belgien dienten, nicht älter als 18 Jahre. Die französische und die deutsche Armee hatten einen ähnlichen Altersdurchschnitt zu verzeichnen."

Ein explosives Gemisch, das nicht nur den komplett entwurzelten "Jahrgang 1902" mit seinen Straßenbanden und Hooligans hervorgebracht hatte, sondern auch sexuelle Ausschweifungen und Kokainexzesse lange vor Rock 'n' Roll zum virulenten Problem der erwachsenen Gesellschaft werden ließ.

Die Flapper und das Kokain

"Die Droge wurde zum Schreckgespenst, das die Kriegsanstrengungen zu beeinträchtigen drohte", schreibt Savage. Und verweist auf das erstmalige Auftauchen weiblicher Outlaw-Darstellerinnen namens Flapper. "Viele Mädchen - unabhängig davon, ob sie sexuell aktiv waren oder nicht - orientierten sich modisch am Erscheinungsbild der Prostituierten: Sie rauchten Zigaretten und wagten sich auffällig geschminkt in die Öffentlichkeit." Eine frühe und aus heutiger Perspektive eher adrette Ausformung des Pornolooks der Jetztzeit.

Zwar wurde der Teenager heutiger Couleur erst mit dem US-amerikanischen "Babyboomer" der Nachkriegszeit erfunden und somit zu einer an Kaufkraft starken Zielgruppe für Mode, Musik und andere Lifestyle-Güter, doch die mannigfaltigen Codes der Abgrenzung gegenüber der Restwelt wurden lange vor Jazz-Cats, Mods und Rockern entwickelt. Dabei geht es Savage keineswegs um den akribischen und besserwisserischen Nachweis, dass alles schon einmal da gewesen ist. "Teenage" ist vielmehr ein süffiger Anti-Hysteriker-Wälzer, der unterschiedliche Jugendphänomene im historischen Kontext verankert.

Um die Faszination von "Teenage" zu erschließen, bedarf es einer gewissen popkulturellen Vorbildung. Was im Pop-Mutterland Großbritannien spätestens seit Dick Hebdiges akademischer Arbeit "Subculture: The Meaning of Style" (auf die Savage im Vorwort ausdrücklich verweist) aus dem Jahr 1979 sicherlich kein Problem darstellt, gehört hier in die erst im Aufbau begriffene Abteilung Pop-Wissen. Sozusagen das nachgelieferte historische Fundament zum "Mainstream der Minderheiten".

"Teenage" endet mit den Atombombenabwürfen des Zweiten Weltkriegs und der Erkenntnis: "Die vielen möglichen Interpretationsansätze des Jugendalters waren nunmehr auf eine einzige verkürzt worden: auf den des jugendlichen Konsumenten." Savage dagegen kommt in seiner Analyse ohne jeden Bezug zu Rock 'n' Roll, Pop oder Grunge aus. Für ihn ist die Warenförmigkeit des Post-Elvis-Teenagers hinreichend beschrieben.

Eine Erkenntnis, die der Londoner Schriftsteller Colin McInnes in seinem Roman "Absolute Beginners" im Jahre 1959 zu einem bitteren Abgesang veranlasste: "Mit dem Beginn der Laurie-London-Ära wurde mir klar, dass das ganze Teenager-Ding dem Untergang geweiht war", nölt der "Absolute Beginners"-Held. "Teenager ist ein abfälliger oder jedenfalls ein ziemlicher mieser Begriff geworden."