Literaturverfilmung

Diese "Dorfpunks" überzeugen auch als Stalinisten

Mit seinem zweiten Roman gelang Rocko Schamoni vor fünf Jahren ein Achtungserfolg. Jetzt kommen seine "Dorfpunks" ins Kino. Regisseur Lars Jessen ist damit ein wunderbarer Heimatfilm gelungen. Und für die Frage nach der Definition des endgültigen Punks haben beide prima Antworten gefunden.

Beschaulich, aber auch undankbar war in den Achtzigerjahren das Leben als Punk in der schleswig-holsteinischen Provinz. Die Weite des Landes erlaubte grenzenloses Rebellieren, nur dass in der Weite des Landes selbst die herrlichsten und verwegensten Rebellionsgesten nahezu unbemerkt verpufften.

Zwischen Bauernhäusern, Traktoren und grasendem Milchvieh nahm man interessant gefärbtes Haar, zerrissene Hosen und linksradikale Parolen eher gleichmütig zur Kenntnis. Was einen waschechten Punk aber nicht davon abhalten konnte, fest an die gesellschaftszersetzende Kraft des Dosenbiertrinkens zu glauben.

"Wir müssen mal wieder in die Stadt gehen und uns zeigen", sagt einer in Lars Jessens Film "Dorfpunks", "sonst denken die Spießer noch, sie haben gewonnen." "Wir", das ist der Freundeskreis von Malte, der sich neuerdings Roddy Dangerblood nennt, und die Stadt heißt Schmalenstedt, ein fiktiver Ort an der Ostseeküste - viel Wald, viele Wiesen und eine Fußgängerzone, in der man sein grundsätzliches Nichteinverstandensein angemessen zur Schau stellen kann.

Meistens sitzen Roddy, Sid, Fliegevogel, Piekmeier, Flo und Günni auf einer Anhöhe unter einem Baum und blicken in die Abendsonne, die über goldenen Weizenfeldern am Horizont versinkt. "Voll ätzend", findet Sid, aber Roddy hat eine rettende Idee: "Wir gründen eine Band!"

Die Geschichte dieser neu gegründeten Band liefert dem Film "Dorfpunks" den notwendigen Handlungsrahmen, denn die Jugenderinnerungen aus Rocko Schamonis gleichnamigem Roman waren ein bisschen wie das Leben selbst: Sie hatten eigentlich keinerlei Dramaturgie.

Neben den Entscheidungen, wer welches Instrument spielt und wie man die mangelnden musikalischen Fähigkeiten miteinander in Einklang bringen könnte, ist die Namensfindung stets die erste große Hürde für eine junge Band. Roddy und seine Freunde schwanken zwischen Dad Is Dead, Bloodsuckers und Strange Days, entscheiden sich aber für Fuck Off Tomorrow - einen Namen, der sowohl Wut, Entschlossenheit und gesunden Nihilismus zum Ausdruck bringt.

Leider geben Fuck Off Tomorrow dann aber nur zwei Konzerte. Das erste findet ausgerechnet in einer Kaserne statt und endet mit einer Schlägerei, und das zweite ist eigentlich gar kein Konzert, weil der Bassist noch vor dem ersten Ton sturzbetrunken zu Boden fällt. Dann trennen sich Fuck Off Tomorrow auch schon wieder - wegen unüberbrückbarer musikalischer Differenzen und eines schweren Dissenses in der Frage, was genau Punk eigentlich sei.

"Punk ist die Philosophie der Verweigerung", doziert Sid. "Deswegen kann Punk nur Punk sein, wenn er kein Punk ist. Wenn der Punk den Punk verweigert, ist er der vollendete Punk." Für Roddy ist Punk hingegen Spaß mit Musik. Auch über solche Fragen können alte Freundschaften zerbrechen.

Regisseur Lars Jessen wirft einen geradezu liebevollen Blick auf eine Szene, der er nach eigenen Angaben nie angehört hat. Aber "Dorfpunks" ist auch weniger ein Film über Punks als über eine Jugend auf dem Dorf.

Was muss man anstellen, um zumindest in der eigenen Vorstellung Anschluss ans popkulturelle Weltgeschehen zu finden? Und was muss man tun, um cool zu sein, wenn in der direkten Umgebung im Grunde niemand weiß, was Coolness überhaupt ist? Modische Fehltritte, Rauschzustände aller Art und unangemessenes Benehmen sind dabei auf dem Weg zur Charakterbildung unvermeidlich.

"Hallo, ihr Spießer, ich bin übrigens Stalinist", begrüßt Sid eine Gruppe Mädchen, die er auf einer Party trifft. Eines der Mädchen antwortet: "Das hatten wir gerade im Leistungskurs. Stalinismus, das ist doch voll schrecklich." Woraufhin Sid aus Punkperspektive vollkommen schlüssig erwidert: "Deswegen bin ich ja auch Stalinist."

Wie in jedem ordentlichen Film über das Erwachsenwerden darf auch in "Dorfpunks" nicht die symbolträchtige Szene fehlen, die den Unterschied zwischen der unbeschwerten Kindheit und den kommenden Herausforderungen des Lebens markiert.

Lars Jessen lässt Roddy und seine Freunde zu diesem Zweck volltrunken ein Schlauchboot besteigen und auf die Ostsee hinausrudern, wo natürlich prompt der Nebel aufzieht. Sie verlieren die Orientierung und geraten in Seenot, schaffen es aber wie durch ein Wunder wieder zurück an Land. Ohne darüber zu sprechen, wissen sie, dass hinterher nichts mehr ist, wie es war.

Mit all den Wasserimpressionen, Strandkörben, Getreidefeldern und Traktoren ist Jessen nebenbei auch ein wunderbarer Heimatfilm gelungen. So sieht Schleswig-Holstein aus, so ist das Lebensgefühl dort. Auch Musikauswahl, Ausstattung, Gesten, Sprache, Frisuren und Kostüme stimmen, was bei deutschen Filmen fast nie der Fall ist. Man muss Jessens "Dorfpunks" nur einmal mit einem anderen Heimat- und Kostümfilm von der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, der erst kürzlich in den Kinos lief, vergleichen: Heinrich Breloers "Buddenbrooks".

Viel verdankt der Regisseur dabei auch seinen erstklassigen Schauspielern. Abgesehen von Axel Prahl, der in der Rolle eines Kneipenwirts zu sehen ist, der bei allerhand Bier und Schnaps Roddy Dangerbloods musikalischen Horizont entscheidend erweitert, handelt es sich dabei fast ausschließlich um Laien.

"Wir wollten unbedingt Klaus Lemke und Detlev Buck nacheifern und unverbrauchte, frische Leute aus der Region haben", sagt Jessen. "Diese Jungs liefen uns irgendwie in die Arme." Vor allem Cecil von Renner ist großartig in der Rolle des Roddy Dangerblood. Von Renner strahlt und lächelt sich quasi durch den gesamten Film, was einerseits punkuntypische Lebensfreude und Optimismus versprüht und andererseits auch so wirkt, als würde er sich selbst beim Spielen zuschauen und sich über seine eigene Leistung freuen.

Pit Bukowski gibt überzeugend den stets missgelaunten Politpunk Sid, während Ole Fischer als Fliegevogel so herrlich desorientiert und flatterhaft daherkommt, wie man es bei einer Figur mit solch einem Namen auch erwarten darf.

Roddy Dangerblood wird hingegen die Abenteuer seiner Jugend moralisch und charakterlich gefestigt überstehen. Während seine alten Mitstreiter sich ihren neuen Hobbys (Freundin, Drogen, linksradikale Reden) hingeben, verfolgt er nach dem Ende von Fuck Off Tomorrow weiter eine Karriere als Musiker und gründet eine Nasenblockflötenband. Kann es ein schöneres Happy End geben?