Abhör-Skandal

"News of the World" war so britisch wie Roastbeef

Mit der britischen Boulevardzeitung verschwindet ein traditionsreiches Sonntagsblatt vom Markt. Nicht nur für Rupert Murdoch Ausdruck einer Zeitenwende.

Foto: Getty Images, AP / Getty Images, AP/Dan Kitwood, Matt Dunham

Der Tod einer Zeitung ist nie Grund zum Feiern. Daran sollten wir uns auch jetzt erinnern, da die Demütigung der britischen Presse im Allgemeinen und des Murdoch-Imperiums im Besonderen viele mit kaum verhohlener Schadenfreude erfüllt. Die „News of the World“ hat ihre Leser zweifellos mit Junk-Journalismus gefüttert.

In den vergangenen Jahren haben, wie wir jetzt wissen, ein paar ihrer Reporter und Redakteure mit Praktiken, die nicht nur unmoralisch, sondern kriminell waren, eine rote Linie überschritten: Sie haben die Mobiltelefone nicht allein von Politikern und Prominenten gehackt, sondern auch die unschuldiger Opfer von Verbrechen, Terror und Krieg.

Von der Downing Street bis zu Scotland Yard

Schlimmer noch: die Korruption, die zum Untergang der „News of the Wold“ geführt hat, ist von der Fleet Street zur Downing Street und bis zu Scotland Yard geschwappt. Der frühere „News of the World“-Chefredakteur Andy Coulson war bis vor kurzem Kommunikationschef von Premierminister David Cameron. Metropolitan Police Comissioner Sir Paul Stephens muss sich jetzt mit Beweisen dafür auseinandersetzen, dass viele seiner Beamten bestochen wurden, was womöglich die gesamte Untersuchung erschwert hat.

Dennoch muss Rupert Murdoch die Entscheidung, das erste britische Blatt, das er je gekauft hat, einzustellen, schweren Herzens getroffen haben. Vor 168 Jahren gegründet, war die „News of the World“ billig genug, den Massen das gewohnheitsmäßige Zeitunglesen beizubringen. Wenn, wie Hegel schrieb, die Lektüre der Morgenzeitung des Realisten Morgengebet ist, sind die Sonntagszeitungen ein Wochenendritual wie der Kirchgang geworden.

Eine Zeitung wie Roastbeef und Yorkshire Pudding

Mit ihrem Klatsch und Tratsch bedienten die populären Sonntagsblätter die Neugier der Arbeiterklasse auf die Reichen und Schönen. Ab den Fünfzigerjahren, als ihre Auflage acht Millionen erreichte, gehörte die „News of the World“ so sehr zum englischen Sonntag wie das Roastbeef und der Yorkshire Pudding. Von ihrer ehrfurchtslosen Verspottung der britischen Oberschicht können Historiker mehr lernen als vom Donnergrollen der „Times“.

1969, als Murdoch schließlich Robert Maxwell, seinen Konkurrenten um die „News of the World“, abgehängt hatte, war schon das Fernsehen das dominante Medium der Massenkultur. Selbst der größte Zeitungsmann unserer – oder, vielleicht, aller Zeiten – konnte den Auflagen- und Niveuschwund nicht aufhalten.

Die berühmte "Times" vor dem Aussterben bewahren

Indem er die Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft im sogenannten „Wapping Dispute“ für sich entschied, gab er den Zeitungen neuerlich Auftrieb. Wer für die „Times“ arbeitete, hatte Grund dankbar dafür zu sein, dass Murdoch die Profite der „Sun“ und der „News of the World“ darauf verwendete, das berühmteste Blatt der Welt vor dem Aussterben zu bewahren. Kein anderer hätte diese undankbare Aufgabe erfüllen können oder wollen.

Selbst in einer Zeit, da das Internet das wirtschaftliche Fundament der Printmedien aushöhlt, investiert Murdoch weiter in Zeitungen, zuletzt ins „Wall Street Journal“. Freilich kann nicht einmal er sich der Realitäten erwehren. Die Logik des Marktes zwang ihn, sich immer mehr auf seine Satellitenfernsehgesellschaften zu konzentrieren.

Einstellung ging Murdoch wohl gegen den Strich

Mit seinem Umzug von London nach New York verlor er nach und nach den Draht zum britischen Publikum, das er zuvor so gut verstanden hatte. Und er war gezwungen, Macht an andere zu delegieren, die keine Druckerschwärze im Blut hatten. Ein ehemaliger, mit der Familie vertrauter News Corp-Manager hat mir erzählt, dass die Einstellung der „News of the World“ dem alten Mann gegen den Strich gegangen sei: „Das war James’ Entscheidung, nicht Ruperts. Ginge es nach James, würde er alle Zeitungen verkaufen, um die Kontrolle über BSkyB zu kriegen.“

Der Tsunami der Wut gegen das Murdoch-Imperium wird abebben, die Pressefreiheit jedoch, einst der Stolz Englands, wird nicht unbeschadet davonkommen. Schon jetzt werden Rufe nach staatlicher Kontrolle und neuen, drakonischen Gesetzen laut. In seiner „Areopagitica“ verteidigete John Milton den unlizensierten Druck gegen die Zensur: „Gebt mir die Freiheit zu wissen, zu sprechen, und vor allen Freiheiten die, frei, meinem Gewissen gemäß zu urteilen.“

Das ist heute so wahr wie vor vierhundert Jahren. Dass eine Handvoll Journalisten, die diese Freiheit missbraucht haben, dafür nach Maßgabe des Gesetzes bespraft werden, daran erkennt man ein freies Land. Bleibt zu hoffen, dass nicht noch mehr Zeitungen geopfert werden müssen, um die Pressefreiheit zu schützen.

Der Autor ist Herausgeber des Magazins "Standpoint". Zuvor war der Literatur-Redakteur und Kommentator bei der Londoner "Times".