Eigentlich heisst M. Night Shyamalan mit Vornamen Manoj Nelliyatu, doch als der in Philadelphia lebende Sohn indischer Einwanderer sich entschloss, Regisseur zu werden, begnügte er sich mit einem schlichten M. und fügte das nicht ganz unprätentiöse "Night" hinzu. Geradezu zum Markenzeichen wurde diese Kombination, als Shyamalan mit "The Sixth Sense" einen der erfolgreichsten Filme der 90er-Jahre drehte - seither ist die Handlung seiner Filme stets von einem überraschenden Wendepunkt gekennzeichnet, wobei er sich selbst denkbar eitel inszeniert: Wie sein Vorbild Hitchcock tritt Shyamalan in jedem seiner Filme auf. Zuletzt überwarf er sich mit Disney, weil er sich weigerte, das Drehbuch zu seinem neuen Film "Das Mädchen aus dem Wasser" umzuschreiben. Darin erzählt der 36-jährige Regisseur die Geschichte einer Meerjungfrau, die sich in einen Wohnblock verirrt hat.

Morgenpost Online: Herr Shyamalan, in Ihren Filmen geht es um lebende Tote, um Außerirdische, jetzt um eine Meerjungfrau, um Übersinnliches also. Lösen Kinofilme die alten Mythen und die Religionen ab?

M. Night Shyamalan: Ich weiß nicht, ob ich das so behaupten würde. Sicherlich werden die alten Legenden heutzutage nicht mehr ernst genommen, weil wir glauben, dass wir alles wissen. Sollte es hier im Zimmer plötzlich kalt werden, würden wir beide sagen, die Klimaanlage ist kaputt. Früher aber hätte man gesagt: ein Geist! Unser Onkel ist wieder da und spukt durchs Haus. Vielleicht liegt es wirklich an der Klimaanlage - aber warum ist sie kaputtgegangen? Eine Religion bietet großartige Geschichten, aus denen wir viel lernen können. Das Problem ist nur, dass die Leute die Überlieferungen allzu wörtlich nehmen und kaum willens sind, sie im übertragenen Sinne zu verstehen.

Morgenpost Online: Und was würde das in Bezug auf den toten Onkel und die Klimaanlage bedeuten?

Shyamalan: Mir ist die alte Denkweise näher. Mir geht es um Geschichten, die Kraft haben, die etwas bedeuten. Ich möchte Filme machen, die Inhalt und Tiefe haben und einen trotzdem so sehr packen wie eine Achterbahnfahrt. Beides ist mir sehr wichtig.

Morgenpost Online: "Star Wars" von George Lucas wurde immer wieder mit biblischen Geschichten verglichen.

Shyamalan: Auf jeden Fall. "Star Wars" ist eine Religion! Es funktioniert nach den gleichen Prinzipien wie eine echte. Wir finden hier Archetypen des Erzählens, wie es sie schon seit Tausenden von Jahren gibt: weise Männer, der Weg vom Jungen zum Mann und so weiter - und das alles gründet sich auf der sogenannten Macht. Mit "Matrix" und dem "Herrn der Ringe" ist es genau so. Bei Tolkien ist ja der Unschuldige die mächtigste Figur. Letztlich geht es in diesen Filmen und Geschichten darum, dass wir wie ein Kind die Welt erklärt bekommen wollen und dass wir dabei auch die Unschuld eines Kindes behalten wollen.

Morgenpost Online: Ihr neuer Film beruht sogar auf einer Kindergeschichte.

Shyamalan: Stimmt. Ich habe sie meinen beiden Töchtern zum Einschlafen erzählt.

Morgenpost Online: Eine Filmhandlung ist ein Kunstmythos, den sich ein einzelner Autor ausgedacht hat. Demnach ist sie also eine Ersatzreligion.

Shyamalan: Ersatz? Sind nur die überlieferten Religionen das Wahre? Es geht ja um das Gleiche: lehrreiche Geschichten, Lektionen über uns selbst und andere, Archetypen. Sind das nicht alles Geschichten? Das ist die Frage.

Morgenpost Online: Ein Regisseur möchte selten die Welt verändern. Eine Religion vielleicht schon.

Shyamalan: "Star Wars" ist seit 30 Jahren ein derartiger Erfolg, weil es viel mehr ist als bloß eine Geschichte. "Star Wars" hat die Leute, die den Film gesehen haben, begleitet, wurde Teil ihres Denkens.

Morgenpost Online: Könnte eine Geschichte wie "Star Wars" der Welt einen einigenden, universalen Mythos stiften?

Shyamalan: Schwer zu sagen. Ich bin auf eine katholische Schule gegangen, wurde als Hindu erzogen. Ich liebe die buddhistische Philosophie. Aber mit der islamischen Welt kenne ich mich nicht aus.

Morgenpost Online: Werden Ihre Filme in islamischen Ländern gezeigt?

Shyamalan: Das weiß ich gar nicht - tatsächlich.

Morgenpost Online: Und wie reagieren die Zuschauer im Rest der Welt?

Shyamalan: Den Zuschauer in den Ländern, die religiöser sind, oder in Ländern wie Spanien, die den Surrealismus gut kennen, fällt der Zugang leichter, weil sie gar nicht erst auf die Idee kommen, dass da ein realistischer Film läuft. Mein Film "Signs" zum Beispiel wurde im mittleren Westen der USA anders aufgenommen als in den großen Städten. Auf dem Land sah man ihn eher als spirituellen Film, weil im Mittelpunkt der Handlung ein Pfarrer stand, in den Städten als Gruselfilm, weil Außerirdische vorkamen. Nur wirklich ganz wenigen Leuten ist aber aufgefallen, wie sehr mich bei diesem Film die Bilder von Edward Hopper beeinflusst haben.

Morgenpost Online: Und wer hat "Das Mädchen aus dem Wasser" beeinflusst?

Shyamalan: Hayao Miyazaki, das ist der Animationsfilmer, der "Chihiros Reise ins Zauberland" gemacht hat. Er hat mich sehr geprägt. Ich hatte die DVD während der Dreharbeiten immer in meinem Wohnwagen liegen.

Morgenpost Online: In dem Film fällt der Satz: "Es ist nicht immer so, wie es zu sein scheint." Könnte das der entscheidende Satz für Ihre ganze Arbeit sein? Es gab in jedem Ihrer Filme einen Moment, in dem sich plötzlich herausstellt, dass es ganz anders ist, als der Zuschauer denkt.

Shyamalan: Das stimmt wahrscheinlich. Es gibt immer einen Moment, in dem die Wahrnehmung sich ändert.

Morgenpost Online: Lässt sich dieser Satz auf das Leben übertragen?

Shyamalan: Für meine ersten beiden Filme habe ich nicht einmal einen Verleih gefunden. Fast niemand hat sie gesehen und die paar Kritiker, die sie sich doch angeschaut haben, fanden sie schlecht. Es war das Allerschlimmste, das mir damals passieren konnte: Ich hatte zwei Versuche, und beide Male bin ich gescheitert. Aber das Gute daran war - und insofern war die Situation eben doch nicht so, wie sie zuerst zu sein schien -: Ich hatte zwei Kinofilme gedreht, bevor ich 25 Jahre alt war und konnte daraus sehr viel lernen. Ich konnte meine eigene Ästhetik entwickeln und damit fünf weitere Filme drehen. Wäre einer meiner ersten beiden Filme ein bisschen erfolgreicher gewesen, wäre meine Karriere danach viel weniger erfolgreich verlaufen.

Morgenpost Online: "Signs" und "Das Mädchen aus dem Wasser" handeln von Menschen, die den Glauben an sich wiederfinden.

Shyamalan: Genau. Man muss den Glauben an sich selbst immer wieder finden. Nach diesem Film fühle ich mich stark und zuversichtlich.

Morgenpost Online: Ist das ein Ergebnis der Schwierigkeiten mit Disney, wo man Ihr Drehbuch abgelehnt hat?

Shyamalan: Es ist keinesfalls so, dass ich Disney verlassen habe, weil erstmals jemand einen meiner Filme kritisiert hat. Das ist eigentlich alles, was ich dazu sagen möchte. Aber die Schwierigkeiten, diesen Film zu drehen, haben mir tatsächlich viel gebracht.

Morgenpost Online: Und was sagen Ihre Töchter zu "Das Mädchen aus dem Wasser"?

Shyamalan: Die haben diesen Film in einem Multiplexkino gesehen. Es gab Szenenapplaus während der Vorstellung. Sie haben mich gleich danach angerufen und mir das voller Stolz erzählt.

Morgenpost Online: Herrlich. Reden Ihre Kinder Sie eigentlich auch mit Night an?

Shyamalan: Die heißen doch selber Night - mit Zweitnamen. Sie nennen mich Appa, das ist indisch für Papa.