Konzert im Tempodrom

Janet Jacksons 90 Berliner Minuten ganz in Schwarz

| Lesedauer: 4 Minuten
Sören Kittel

Foto: dpa /picture alliance / dpa /picture alliance/dpa

Michael Jacksons kleine Schwester Janet gab in Berlin ihr einziges Deutschland-Konzert kurz vor dem Todestag ihres verstorbenen Bruders . Doch erst am Ende des Konzerts erwähnt sie ihren toten Bruder Michael.

Sicher hat Janet Jackson am Freitagabend hinter der Bühne zumindest den Kopf geschüttelt. Nach über 30 Jahren im Showgeschäft, nach 15.Alben und über 20 Nummer-1-Hits soll ihre große Show in Berlin starten – und im Tempodrom klemmt der Vorhang. Unendliche Sekunden lang steht dort ein schwarz gekleideter Mensch und zerrt immer wieder an dem meterlangen Stoff mit dem „#1“-Aufdruck. Als die Bühne dann endlich freigegeben ist, sehen die Zuschauer zuerst ein Schwarz-Weiß-Video aus Janets großer Zeit Ende der 80er-Jahre: „Rhythm Nation“ hat sie „all den schönen Menschen in Berlin“ gewidmet.

Ein „intimer“ Abend sollte ihr einziges Deutschlandkonzert – und rund 2900 Fans – darunter Moderatorin Inka Bause und TV-Juror Detlef D! Soost – sind gekommen. Eine Frau trug ein Madonna-T-Shirt, was an den Status erinnert, den Janet mit ihren heute 45.Jahren einmal hatte und weswegen sie überhaupt noch weltweit auftreten kann. Andere wiederum hatten sich als Michael Jackson verkleidet, vielleicht weil Janets Auftritt ausgerechnet auf den Vorabend des zweiten Todestages ihres Bruders fiel.

Eine recht aufwendige Choreografie

Doch Janet Jackson verlor darüber zunächst genauso wenig ein Wort, wie über den störrischen Vorhang. Als wäre es 1995 singt sie ihre 21 Lieder, wie sie das schon zuvor in Singapur, Manila und Chicago getan hatte – mit dem Unterschied, dass sie in Berlin ihre Garderobe in den Pausen nicht wechselt, sondern 90 Minuten lang schwarz (Top und enge Jeans) bleibt.

Im ersten Teil des dreiteiligen Konzerts konzentriert sie sich auf ältere Hits („Control“, „Miss you much“ und „Nasty“), aber nicht mal ihr Kichern klang so, als wäre es live. Die Zuschauer nehmen das nicht übel, da sie von vielen eingestreuten „I love you Berlin!“ eingewickelt werden. Janet wirft unzählige Handküsse in alle Ecken der Halle und formt ihre Hände zu einem Herz. Ach, Janet, die mit der zarten Stimme, hat so viel Liebe zu geben.

Die meisten im Saal wollten genau das von Janet sehen. Schließlich war sie schon immer die netteste im Jackson-Clan. Selbst ihre Skandale (wiederkehrende Gewichtsprobleme und ein verrutscher BH) machten sie eher noch sympathischer, als es ihr fieser Vater, ihre böse Zwillingsschwester La Toya oder selbst ihr Wunderkind-Bruder es je werden konnten.

Auch ihre Balladen, die sie im zweiten Teil der Show singt, packen die Zuhörer in ganz unironische Eindeutigkeiten. Da ist vom Wunsch nach Keuschheit die Rede („Let’s wait a while“) oder dass sie sich jetzt auf gar keinen Fall noch einmal in den gleichen verlieben will („Again“). Bezeichnend ist noch, dass das einzige aktuelle Lied, das sie singt, „Nothing“ heißt. Sie besingt das Nichts, das zwischen sie und den anderen Menschen stehen soll. Komplette Distanzlosigkeit in Liedform mit explodierenden Digitalfeuerwerken im Hintergrund. Intimer geht’s nicht.

Zwanzig Minuten vor dem Ende des Konzerts ertönt plötzlich die Stimme ihres Bruders Michael aus dem Off, die Trauerflor tragende Janet stimmt ein und singt mit der Geisterstimme das Duett „Scream“. Es handelt von dem Druck, unter dem auch sie steht. Nach dem Tod ihres Bruders erzählt sie Magazinen, dass sie von Michaels Medikamentensucht wusste und gibt mehr und mehr von ihrer eigenen verkorksten Kindheit preis: „Ich schlug meinen Kopf gegen die Wand, weil ich mich so hässlich fand.“ Im Februar dieses Jahres nun kam ihr Buch „True You“ heraus, in dem sie wenig von Schönheitsoperationen, aber viel aus ihrer Kindheit als jüngstes von neun Kindern erzählt.

Zum Abschluss singt sie „Together Again“ und hinter ihr sind Kinderbilder mit Michael zu sehen. Wie ein Schatten liegt er auf dem Konzert. „Ich kann Deinen Stern sehen“, singt sie, reckt die Arme in Richtung Decke und macht noch einmal die Hand-zu-Herzform-Geste. Vielleicht sind ihre Konzerte auch eine Art Gruppentherapie. Janets Distanzlosigkeit fühlte sich an dem Abend sehr gesund an.