Esoterik-TV

Die gefährlichen Ratschläge der Fernseh-Hexen

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Till-Reimer Stoldt

Foto: Marthelot / picture-alliance / ©Marthelot/Le

Esoterikprogramme erobern derzeit die Fernsehbildschirme. Wunderliche Hexen und Schamanen ziehen dort Zuschauern das Geld aus der Tasche – und das Publikum gelegentlich tief ins Unglück. Nun will die Landesmedienanstalt NRW die Programmanbieter zügeln. Leider fehlen ihr dazu wirksame Instrumente.

Diese Damen wissen Bescheid: Die junge Frau mit der hohen Stimme und dem tiefen Dekolleté, die in die Kamera fiept: „Gleich sagt mein Engel es mir!“ Oder die grell geschminkte Mittfünfzigerin, deren Stimme klingt, als habe sie die Nacht in einer Karaoke-Bar gezecht, während sie die Botschaft ihrer Glaskugel vorträgt. Und natürlich die Hellseherin mit dem hessischen Akzent und der ausgeschlagenen Dauerwelle, die ihre Tarotkarten anstiert und ausruft „Ich sehe es in den Karten!“

Sie alle leisten mit Hilfe von Pendeln, Glaskugeln und offenbar hervorragenden Kontakten zur Engelswelt „Lebensberatung“ auf Esoteriksendern wie Astro TV, Channel-live oder Orakel TV. Von ihren anrufenden Kunden nehmen sie dafür viel Geld, und als Gegenleistung greifen sie in Seelenhaushalt, Lebensgeschichte und Gesundheit der Ratsuchenden ein – ohne dass sie zu einer solchen Beratung therapeutisch befähigt wären. Als Ausbildungsbelege verweisen die Seher und Schamanen eher auf die Teilnahme an „Seminaren in Gedankenlesen“ oder auch in „therapeutischer Darmentleerung“.

Ab Oktover wird mit den Sendern über klare Regeln verhandelt

Um Menschen vor solchen Ratgeberprogrammen zu schützen, will die nordrhein-westfälische Landesanstalt für Medien (LfM) diese Esoteriksender nun drängen, „klare Regeln und Vorgaben“ für ihren Service einzuführen. Deshalb wird LfM-Direktor Norbert Schneider im Oktober mit den Sendern verhandeln und auf höhere Schutzstandards drängen. Die Sender müssten Selbstverpflichtungen schaffen, um künftig sensibler mit Kunden umzugehen, fordert Schneider. Außerdem müsse eine Höchstgrenze für Telefonkosten eingeführt werden, weil Kunden oft in eine Art Wahrsagersucht verfielen und sich hoch verschuldeten, um den esoterischen Rat einzukaufen.

Dass man dieser Sucht erliegen kann, mag wunderlich klingen, ist in Beratungsstellen für Abhängige aber nichts Besonderes. Schließlich ist bekanntlich ja sogar das Verhältnis zwischen einem Psychotherapeuten oder Analytiker und seinem Patienten gefährdet durch Machtausübung des Therapeuten oder Abhängigkeit des Patienten.

Ratsuchende vertelefonieren bis zu 40.000 Euro

Aber noch aus einem anderen Grunde droht den Anrufern Suchtgefahr: Kartenleger, Pendelschwinger und Kontakthersteller zur Engelswelt gab es zwar schon immer, nun aber ist ihr Service überall und jederzeit erreichbar, und das auch noch zu scheinbar günstigen Preisen. Und dadurch wächst die Versuchung für einsame Menschen – mit dramatischen Folgen.

Oft stecken die Kunden viele zehntausend Euro in Telefonate mit Pendelschwingern und dergleichen, bevor sie sich wegen weiterhin ungelöster Probleme professionelle Hilfe suchen. Fälle, in denen Anrufer um die 40.000 Euro im Gespräch mit ihrer Glaskugelexpertin vertelefonierten, ohne dass die Ratgeberin ihnen half, werden inzwischen auch bei den Landesmedienanstalten öfters registriert.

Zwar sind die Erstgespräche mit den therapeutischen Hexen und Sehern oft kostenlos, danach aber müssen Kunden für jedes Telefonat pro Minute 1,99 Euro zahlen. Wer während der Sendezeit nicht durchkommt, und das sind die meisten Anrufer, vereinbart einen Gesprächstermin für einen späteren Zeitpunkt. Vorher müssen die Kunden dem Sender allerdings noch eine Abbuchungserlaubnis für ihr Konto einräumen.

Vermeintliche Hilfe ohne anerkannte Qualifikation

Meist sind die Anrufer einsame Frauen über 30 Jahren, die einen ganzen Kübel privater Probleme ausschütten wollen. Und genau da lauert eine weitere Gefahr der Esoteriksender: Ihre Berater wagen massive Eingriffe in anderer Menschen Seelen – ohne jede anerkannte Qualifikation.

Mal fragt eine Anruferin, ob ihr Partner sie wohl betrogen habe (von einem Engel autorisierte Antwort: „Ja, und ob!“), mal erkundigt sich jemand, ob sie den Job wechseln solle (Antwort der Karten: „Ja, tue es!“), mal will eine Dame wissen, ob sie ihren Partner heiraten soll (Rat des Pendels: „Machen Sie mal!“) oder ob sie noch mal abtreiben werde („Ja, du wirst noch zwei mal abtreiben“).

Bei der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und beim Verband Psychologischer Psychotherapeuten hält man derlei Ratschläge aus der Ferne für unseriös, weil sich schwerlich nach zehn Minuten am Telefon eine Beziehung, ein Lebensproblem oder gar eine Biografie beurteilen lasse. Auch zwischen Niedergeschlagenheit und Depression könne man nicht in dieser Kürze unterscheiden.

Die Pendelschwinger spielen gelegentlich Gott in Weiß

Aber es kommt noch schlimmer: Obwohl die Sender sich dazu verpflichtet haben, keine quasi-ärztlichen Diagnosen abzugeben oder den Tod eines Menschen zu prophezeien, spielen die Astrologen und Pendelschwinger gelegentlich Gott in Weiß: So fragte eine Anruferin bei Astro-TV, ob sie ihren Tumor operativ entfernen lassen solle. Daraufhin legte die Expertin die Karten und sagte: „Ich sehe hier keine OP“. Dann fragte die Anruferin nach, welche Folgen es denn haben werde, wenn sie auf die Operation verzichte.

Aber just in diesem Moment entdeckte die Expertin, dass sie keine Sekunde länger mehr telefonieren könne – und drängelte die krebskranke Anruferin aus der Leitung. Zu solchen Szenen kommt es im Fernsehen immer öfter, weil es leicht, billig und einträglich ist, Sender für esoterische Lebensberatung zu gründen. Im traditionellen Kabelnetz ist Platz für etwa 40 Sender, im digitalen Netz dagegen für rund 500, bei Satellitenempfang sogar für rund 1000.

Die Anforderungen der Landesmedienanstalten sind bislang niedrig

Zugleich ist die digitale Verbreitung eines Senders billiger als die analoge im Kabelnetz: Erstere kostet rund eine halbe Million Euro, letztere etwa das Zehnfache. Außerdem findet offenbar ein Millionenpublikum Gefallen an den Sendungen. Jedenfalls erwirtschaftet ein Unternehmen wie Questico, das unter anderem Astro TV ausstrahlt, geschätzte 45 bis 60 Millionen Euro pro Jahr. Kein Wunder, dass die Zahl digital sendender Programme sich fast jährlich verdoppelt (derzeit sind es bundesweit rund 140).

Zwar muss jeder private Sender erst eine Lizenz der Medienanstalt eines Bundeslandes bekommen, um sein Programm auf den Bildschirm zu bringen – aber die Anforderungen der Landesmedienanstalten sind niedrig. Weil zudem die rechtlichen Möglichkeiten der Medienkontrolleure eng begrenzt sind, bleibt ihnen nur öffentlicher Druck und die Forderung, die Sender müssten sich selbst strenger kontrollieren.

Im Vorstand sitzen keine Esoteriker – sondern Manager

Immerhin: Dieser Druck dürfte wohl erfolgreich sein. Denn die Inhaber der Esoteriksender sind deutlich aufgeklärter als ihre Hexen und Schamanen. Ihnen geht es allein um Gewinn, nicht um Kontakt mit Geistwesen. Vom Inhaber des Düsseldorfer Senders Channel-live ist zum Beispiel bekannt, dass er um alles in der Welt nicht namentlich mit Channel-live in Verbindung gebracht werden möchte, dies könnte ja seinem Ruf als seriöser Geschäftsmann schaden.

Außerdem lacht der vermögende Mann und Bentleyfahrer selbst herzlich über seine übersinnlich begabten Arbeitskräfte, wenn die mit ihren Schutzengeln plaudern. Auch im Questico-Vorstand sitzen keine vom Übersinnlichen angerührten Esoteriker – sondern Manager in schicken Anzügen, die ihre Karriere bei oft namhaften Unternehmensberatungen begannen.

Auf Journalisten-Fragen, ob er denn selbst daran glaube, antwortet der Questico-Vorstandsvorsitzende Sylvius Bardt gern so: „Lasst die Kunden doch entscheiden. Wir leben schließlich in einem freien Land!“ Und natürlich, meint Norbert Schneider, müsse „man sich vor autoritärer, freiheitsfeindlicher Volkserziehung hüten“. Aber es gebe für eine freie Gesellschaft auch noch eine andere Gefahr: „den Absturz in die Verwahrlosung.“