Konzert in der Waldbühne

Bei den Eagles trieft auch mal der Kitsch

Die Eagles waren für die Rockfans der Siebziger der Inbegriff des amerikanischen Traums - Hotel California eben. Und die Perfektionisten werden nicht müde, ihr Werk immer wieder aufzukochen. Die Berliner Fans störte das nicht.

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Die Perfektion, mit der sie ihre akribisch durcharrangierte Musik produzierten, wurde ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Zum Verhängnis allerdings wurde ihnen das nie. Die Eagles waren für den europäischen Rockfan der Siebziger der Inbegriff des amerikanischen Traums. Sie besangen die Freiheit, die das weite Land versprach. Sie huldigten den Mythen des wilden Westens und schürten mit kalifornisch sonnigem Gemüt und einer Art Easy-Rider-Mentalität die Sehnsucht nach immer neuen Abenteuern auf dem Highway des Lebens. Sie haben aber auch die Regeln der freien Marktwirtschaft schnell verstanden und wussten ihr Premium-Produkt namens The Eagles in klingende Münze umzusetzen. Mit ihrem 26 Millionen Mal verkauften Album „Greatest Hits 1971-1975“ überholten sie 1999 gar den bis dahin amtlichen Rekordhalter Michael Jackson und avancierten zur erfolgreichsten Popband der Welt.

1970 hervorgegangen aus der ehemaligen Begleitband Linda Ronstadts, verpackten die Eagles eine hippieske Pionier- und Aufbruchsstimmung in ihre von Rock wie Country gleichermaßen geprägte Popmusik, die Welthits wie „Hotel California“ hervorbrachte. Sie gaben sechs Hit-Alben später 1981 ihre Auflösung bekannt – um sich 1995 wieder zu vereinen. Im Jahr darauf spielten die Eagles in der gleichen Besetzung, die sich 1981 getrennt hatte, ein grandioses Konzert in Berlin in der Waldbühne. Und Sänger und Gitarrist Glenn Frey kann sich offenbar noch gut daran erinnern, als er am Donnerstag Abend mit seinen Mitstreitern erneut auf den Brettern der im Innenraum bestuhlten Waldbühne steht. Allesamt sind sie inzwischen in den Sechzigern, aber immer noch die exzellenten Rock-Handwerker, als die man sie über die Jahre schätzen gelernt hat.

Mit „Seven Bridges Road“, der durch sonnenklare Eagles-Satzgesänge veredelten Steve Young-Ballade, beginnt der Abend kurz nach 20 Uhr. Die rund 11 000 Besucher im Amphitheater-Rund applaudieren und wissen, auf was sie sich eingelassen haben. Hier erwartet keiner irgendwelche Überraschungen. Und auch die Band weiß, was sie ihren Fans schuldig ist. Kaum ein Hit der frühen Jahre bleibt ungespielt. Nach „How Long“ und „Take It To The Limit“ erklingt bereits als viertes Stück des Programms „Hotel California“, jener Song, mit dem sich die Eagles 1976 endgültig Weltruhm erspielten - eingeleitet von einem mexikanisch angehauchten Trompetensolo.

Zwei Leinwände tragen Bilder von der Bühne bis in die letzte Reihe. Der Sound ist, wie nicht anders zu erwarten, von brillanter Strahlkraft. Glenn Frey, Sänger und Schlagzeuger Don Henley, Bassist Timothy B. Schmit und Gitarrist Joe Walsh wirken lockerer und relaxter als noch vor zwei Jahren in der O2 World, wo sie im Business-Outfit (schwarzer Anzug, weißes Hemd und Krawatte) ein wenig verstörten. Jetzt stehen sie im locker bunten Freizeit-Look auf der Bühne und Glenn Frey freut sich, dass sich der Regen rechtzeitig vor dem Auftritt verzogen hat. Eine routinierte Musikerschar stärkt ihnen den Rücken, zur Halbzeit stoßen noch vier Bläser (drei Saxophone und Trompete) dazu. Der virtuose Gitarrist Steuart Smith ist dabei sozusagen der kompetente Ersatz für Eagles-Gitarrist Don Felder, der sich schon bald nach der Wiedervereinigung im Streit wieder von seinen Kollegen verabschiedet hatte.

Langsam bricht die Dämmerung herein und Glenn Frey singt „Peaceful Easy Feeling“ vom 1972-er Debütalbum. Es ist einer dieser Songs, die jene Lebensleichtigkeit beschwören, durch die die Eagles „zur Verkörperung dessen wurden, was die Leute an Kalifornien hassen“, wie Frey selbst einmal bekundet hatte. Es gibt eine kleine Szene im Film „The Big Lebowski“, die diesen Zwiespalt wunderbar illustriert. Da steigt ein zugedröhnter Jeff Bridges in ein Taxi, in dem eben jener Song aus dem Autoradio säuselt. „O Mann“, nölt er den schwarzen Taxifahrer an, „kannst die nicht den Sender ändern? Ich hasse die Scheiß Eagles.“ Der Taxifahrer aber outet sich robust und lautstark als Eagles-Fan, hält abrupt an und schmeißt Lebowski aus dem Wagen. So hart waren die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern.

Heute sind die Eagles längst Allgemeingut und werden nicht müde, ihr Werk immer und immer wieder aufzuführen. Da trieft zwar mitunter der Kitsch, wenn Timothy B. Schmit in wehmütigem Falsett „I Can’t Tell You Why“ säuselt, als wäre er ein verloren geglaubter Bee Gee. Aber dem Publikum gefällt‘s‚ und das blonde Mädchen in der ersten Reihe präsentiert stolz sein T-Shirt Richtung Bühne. „Timothy I Love You“ steht darauf. Mit „The Long Road Out Of Eden“ gibt es nur einen einzigen neuen Song vom 2007 erschienenen gleichnamigen Doppelalbum, dabei finden sich darauf einige durchaus ansprechende Titel.

Doch zweieinhalb Stunden sind dafür eben zu kurz. Die Band braucht Platz für ihre Erfolge wie „Witchy Woman“ und „The Long Run“, „Heartache Tonight“ und „Life in the Fast Lane“, Dazu gibt es Stücke wie Don Henleys „The Boys of Summer“ oder Joe Walshs „Life’s Been Good“. Gitarrist Walsh ist der Rock-’n’-Roller der Band, das Raubein, das auch mal brachial in die Saiten drischt und die ganze Perfektion etwas anschmirgelt. Das gibt dieser an erlesenen Satzgesängen reichen Revue aufpolierter Glanzstücke etwas Abwechslung.

Kurz vor den Zugaben setzt dann doch noch leichter, sehr leichter Regen ein. Nach „Take It Easy“ und dem Walsh-Kracher „Rocky Mountain Way“ schicken die Eagles das Publikum mit einer ihrer wohl schönsten Balladen, dem wehmütig-romantischen „Desperado” in die frische Sommernacht.