Er ruht unter dem Mantel der Geschichte, der Exzentriker und Paradiesvogel, der das Leben als Rockstar bis an den Rand der Selbstzerstörung ausgekostet hat. Heute, mit 64 Jahren, ist Elton John eine unverwüstliche Ikone der siebziger Jahre, die den Absprung geschafft hat von der Achterbahn der so verlockenden wie lebensbedrohlichen Ausschweifungen, die das Metier in sich birgt. Nun steht Sir Elton am Sonnabend auf der Bühne der O2 World, bekennt vor rund 9500 Besuchern mit einem Lächeln, wie schön es doch sei, seinen Lebensunterhalt mit Musik bestreiten zu dürfen. Und ein mit Sir Elton und seinen Liedern gereiftes Publikum signalisiert Zustimmung durch dankbaren Applaus.

Im vergangenen Jahr erschien mit „The Union“ ein neues Album von Elton John, das er gemeinsam mit dem legendären Sänger und Pianisten Leon Russell aufgenommen hat, eine großartige Huldigung an Blues und Gospel des amerikanischen Südens. Stück für Stück eine geschichtsverbundene und dennoch höchst lebendige Platte. Manch einer mag gehofft haben, dass Elton John mit diesem Programm, ja wohlmöglich sogar mit Leon Russell auf Tournee gehen würde. Doch nur mit guter und in gewisser Weise unpopulärer Musik füllt man keine großen Konzerthallen. Deshalb zieht der Pianomann nun mit einem Best-of-Programm durch die Lande, mit dem man nichts falsch machen kann, das in seiner Mitte aber immerhin mit drei neuen Songs vom „Union“-Album überrascht.

Nahezu pünktlich um 20 Uhr verlöscht das Licht. Nachdem die Musiker sich im Dunkel postiert haben quillt aus der Anlage – wie seit Jahrzehnten – „Funeral For A Friend“, die instrumentale Hymne, mit der Elton Johns famoses Doppelalbum „Good Bye Yellow Brick Road“ von 1973 beginnt. Entstanden ist dieser dramatische Bombast, nachdem der junge Elton überlegt hatte, was er bei seiner eigenen Beerdigung am liebsten gespielt haben wollte. Seither ist „Funeral“, nahtlos gefolgt von „Love Lies Bleeding“, die Ouvertüre seiner Konzerte und gibt ihm die Möglichkeit zum Bad im Applaus, bevor er hinter seinem Flügel verschwindet.

Der Sound ist kolossal, die Band macht ordentlich Druck und ist ohnehin eine mit Elton John verschworene Gemeinschaft. Gitarrist Davey Johnstone spielt seit 1972 mit ihm, Schlagzeuger Nigel Olsson ist bereits seit 1969 dabei. Bassist Bob Birch, Percussionist John Mahon und Keyboarder Kim Bullard komplettieren den harten Kern, der von vier soulseligen Chorsängerinnen veredelt wird. Für etwas frischen Anstrich sorgen die beiden kroatischen Pop-Cellisten Luka Sulic und Stjepan Hauser, die Elton John mit den Worten vorstellt: „Sie sind schon eine Ewigkeit zusammen, aber sind erheblich jünger als alle anderen hier oben.“

Der Titelsong vom Album „Madman Across The Water“ von 1971 wird in zeitgemäßem Arrangement machtvoll ausgeweitet. Ja, was es hier zu hören gibt, hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Die Stücke sind 20, 30, 40 Jahre alt, jedes für sich ein eigener Schaukasten im Rock-’n’-Roll-Museum, aber immer noch von ungebrochener Vitalität. Patina? Fehlanzeige. Das Publikum badet gute zweieinhalb Stunden lang in Wogen der Erinnerung, die Elton John in einem edlen Cut im Ed-Hardy-Look (vorne Blümchen, hinten Kreuz mit Totenkopf) immer wieder von neuem anrührt. „Tiny Dancer“ und Rocket Man“, “Good Bye Yellow Brick Road” und „Don’t Let The Sun Go down On Me”, „Benny And The Jets“ und “Crocodile Rock”. Balladen folgen auf Rock-Kracher. Nichts scheint zu fehlen – und doch fehlt natürlich eine ganze Menge. „I’m Still Standing“ zum Beispiel, oder „Daniel“, oder „Nikita“. Jeder im Publikum hat seinen ganz speziellen Liebling. Aber die Auswahl des Künstlers ist nun mal subjektiv.

Elton John geht längst nicht mehr so überschäumend und bewegungsintensiv zur Sache wie zu seinen wilden Zeiten. Er bewegt sich wenig. Er konzentriert sich ganz auf seine Kunst. Er präsentiert sein Lebenswerk in einer unprätentiösen Show, in der zwischen zwei Videoleinwänden und einer Großbildwand im Hintergrund einzig die hier und jetzt live gespielte Musik zählt. Und die kommt längst nicht so glatt und kühl daher wie bei seinem letzten Gastspiel in Berlin, bei dem er mit seiner pompösen Las Vegas-Show „The Red Piano“ verstörte. Die hat er mehr als 240 Mal im Theater des „Caesar’s Palace“ aufgeführt. Dort mit Erfolg. Gerade hat Elton John mit dem Casino-Hotel einen neuen Drei-Jahres-Vertrag für die neue Show „The Million Dollar Piano“ unterzeichnet. Das sichert auch für die Zukunft das Auskommen. Schließlich muss er mit Ehemann David Furnish ein Kind großziehen. Sohn Zachary, von einer Leihmutter zur Welt gebracht, ist inzwischen sechs Monate alt.

Zu einem Höhepunkt des Abends kommt es nach „Sad Songs (Say So Much)“. Ganz allein sitzt Elton John am Flügel und spielt sich mit schroffen Akkorden und perlenden Melodiefetzen in Rage. Er improvisiert mit jazziger Boogiewucht, zitiert dabei sogar die deutsche Nationalhymne und mündet in einer mitreißenden Version von „Take Me To The Pilot“. Seine Stimme ist rauer und tiefer, nach einem Drogenentzug verlor er Mitte der Achtziger fast seine Stimme, musste das Singen wieder neu erlernen. Für die höheren Passagen stehen ihm nun Bandmitglieder beim Refraingesang zur Seite und kaschieren das Problem nahezu perfekt. Das Publikum hält es längst nicht mehr auf den Sitzen, strömt in einem von den Ordnern nicht mehr zu bändigen Schwall vor die Bühne, um diesem kleinen, großen Mann ganz nah zu sein. Und beim Finale mit „Crocodile Rock“ singt die ganze Halle den „Laaa, la, la, la, la, Laaa“-Refrain mit.

Als Zugabe gibt es noch die Ballade „Your Song“, Elton John bedankt sich und wünscht seinen Fans „Liebe, Glück, Gesundheit und Frieden“. Nur eine Freude will er den Berlinern offenbar nicht machen. Seine auf Lady Di umgemünzte Marilyn Monroe-Hymne „Candle In The Wind“ bleibt an diesem Abend ungespielt.