Fukushima

Wie die Popkultur die Katastrophe voraussah

Autoren und Regisseure entwickeln immer neue Endzeit-Szenerien. Die Bilder aus Japan zeigen, wie nah sie der Wirklichkeit kommen.

Autos, Lastwagen und ganze Züge werden von Wassermassen davon gerissen, in den Fluten schwimmen brennende Häuser. An Atomreaktoren gibt es Explosionen, Zehntausende Menschen sind auf der Flucht. „Das ist ja wie im Film“ ist ein Satz, der oft fällt in diesen Tagen. Denn die fast apokalyptischen Szenen, die sich derzeit in Japan abspielen, könnten auch aus einem Roland-Emmerich-Film stammen.

Der deutsche Regisseur brachte mit seinem Blockbuster „Independence Day“ (1996) oder den Klima-Dramen „The Day After Tomorrow“ (2004) und „2012“ (2009) Endzeit-Szenarien mit Bildern ins Kino, die in diesen Tagen traurige Aktualität – und Realität – bekommen. Emmerich ist nicht der einzige und nicht der erste, der apokalyptische Katastrophen zu seinem Thema gemacht hat. Schon im Jahr 1807 schrieb Heinrich von Kleist die Novelle „Das Erdbeben von Chili“ – womöglich inspiriert von dem verheerenden Erdbeben in Lissabon im Jahr 1755. Zahlreiche Autoren und Filmemacher taten es ihm – vor allem in den vergangenen Jahren – gleich.

Ende der 1990er Jahre erzählten die Filme „Armageddon“ und „Deep Impact“ (beide 1998) von Meteoriteneinschlägen auf der Erde, zeigten Zerstörung, Chaos und menschliche Tragödien. In „Deep Impact“ drohte eine riesige Flutwelle die Menschheit auszulöschen. Immer wieder tritt auch das japanische Filmmonster „Godzilla“ als Verkörperung jeglicher Form von Urängsten in Erscheinung und bedroht die Zivilisation.

Erst 2010 kam der japanische Zeichentrick-Film „Ponyo“ von Hayao Miyazaki auf die Leinwand, der die Tsunami-Katastrophe in dem Land fast vorwegnahm. Das Goldfischmädchen „Ponyo“ bringt darin die Naturgewalten durcheinander, gewaltige Wellen bedrohen ein Küstendorf. Gemeinsam versuchen „Ponyo“ und ihr Menschenfreund, eine Katastrophe abzuwenden. Ebenfalls 2010 erzählte John Hillcoats apokalyptisches Drama „The Road“ in deutschen Kinos von verwundeten Seelen nach einer mysteriösen Umweltkatastrophe – von der Apokalypse nach der Apokalypse.

Durch die Tragödie in Japan, Bilder von Explosionen im Kernkraftwerk und Bedrohungen durch eine mögliche Kernschmelze bekommen auch Bücher und Filme über nukleare Katastrophen ganz besonders grausige Aktualität. Vor allem in der Zeit des Kalten Krieges entstanden Filme zu diesem Thema. „The Day After – Der Tag danach“ aus dem Jahr 1983 ist ein drastischer Film über einen Atomkrieg und über den darauffolgenden Zerfall gesellschaftlicher Strukturen in den USA.

Ähnlich auch Gudrun Pausewangs Jugendbuch-Klassiker „Die letzten Kinder von Schewenborn“ aus demselben Jahr, der schockierend und eindringlich das Szenario eines Atomkrieges in Deutschland entwirft. 1986 erzählt auch der britische Zeichentrick-Film „Wenn der Wind weht“ von den Folgen eines solchen Krieges. „Das China-Syndrom“ mit Michael Douglas und Jane Fonda aus dem Jahr 1979 macht aus einem Störfall in einem amerikanischen Atomkraftwerk einen Polit-Thriller, ebenso der Film „Silkwood“ mit Meryl Streep in der Hauptrolle. Darin geht es um eine wahre Begebenheit und die Mitarbeiterin einer Plutoniumaufbereitungsanlage, die unter nie geklärten Umständen ums Leben kam.

Was nach den Störfällen im Atomkraftwerk Fukushima auf die Menschen in Japan zukommt, ist noch unklar. Im Jahr 1987 aber – ein Jahr nach dem Super-GAU von Tschernobyl – entwarf Pausewang ein erschütterndes Szenario für einen größten anzunehmenden Unfall in Deutschland. In ihrem Buch „Die Wolke“ fliegt das Atomkraftwerk im bayerischen Grafenrheinfeld in die Luft. Die 14 Jahre alte Janna-Berta versucht, mit dem Fahrrad vor der bedrohlich herannahenden radioaktiven Wolke zu fliehen.

„Sie hatte begriffen, dass nun der Himmel und die Erde und vor allem der Regen irgendwie vergiftet waren“, heißt es in dem Buch, das 1988 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und 2006 verfilmt wurde. „In den ersten Tagen hat halb Europa in den Kellern gesessen“, beschreiben die Überlebenden darin die Situation nach der Katastrophe, die weite Teile Deutschlands unbewohnbar gemacht hat. „Nur die am Verhungern waren, kamen aus den Löchern gekrochen.“ Und:„Normal wird hier gar nichts mehr.“

Pausewang schreibt im Vorwort zur „Wolke“: „Versagen gehört zu unserer Welt. Es gibt keine absolute Sicherheit. Jede Technik hat Schwachstellen. Versagen ist menschlich. Mit Versagen nicht zu rechnen, ist verantwortungslos und unmenschlich. Die Atomwirtschaft setzt auf technische Wunderwerke, die nicht versagen. Aber sie haben versagt.“