Irmela Hijiya-Kirschnereit

Warum deutsche Jammerer Japan nicht verstehen

Die Katastrophe in Japan gibt auch einen interessanten Einblick in deutsche Denkschemata, sagt die Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit.

Foto: AFP

„Found in Translation“: Wer sich der japanischen Literatur der Moderne und dem Dialog Europas mit der japanischen Kultur annähert, kommt an dem eminenten Werk von Irmela Hijiya-Kirschnereit nicht nur nicht vorbei. Er wird überall danach forschen.

Die Professorin für Japanologie an der Freien Universität Berlin, Leibniz-Preisträgerin (1992), hat in den vergangenen 30 Jahren durch zahlreiche Bücher bei Suhrkamp, Insel und Iudicium ihren herausragenden Rang unter ihresgleichen wie vor einem japanfaszinierten Laienpublikum behauptet.

Zuletzt erschienen von ihr „Yukio Mishima: Poesie, Performanz und Politik“ (Hg. mit G. Bierwirth, 2010) sowie das von ihr mitherausgegebene Große japanisch-deutsche Wörterbuch Band 1, A-I (2009).

Morgenpost Online: Sie waren in Kyoto auf dem Weg zu einem Vortrag in Okayama, als das Erdbeben kam.

Irmela Hijiya-Kirschnereit: Ja, ich bekam es nur aus der Ferne mit. In Fetzen, da es kaum Internetzugang in den Hotels gab. Doch erfuhr ich über Anrufe rasch, dass unsere 15 Studenten der FU schon aus ganz Japan zurückgerufen bzw. in den Süden geschickt worden waren.

Doch meine Gastgeber hätten es gewiss nicht verstanden, wenn ich alles, darunter ein Symposion, abgesagt hätte und vorzeitig abreist wäre. In den japanischen Medien war ja zunächst mehr von den Tsunami-Schäden die Rede als von den Reaktoren in Fukushima. Das begann erst nach der ersten Explosion. Es gab so viele Einzelinformationen, aber kein Gesamtbild. Man wurde unfreiwillig zum Voyeur.

Morgenpost Online: Das ging allen so, die japanisches Fernsehen verfolgten ...

Hijiya-Kirschnereit: Mir fiel auf, dass nach einigen Tagen, in denen keinerlei Werbung diese Endlos-Sendungen unterbrach – in Japan ist man ja, bis auf den öffentlich-rechtlichen Sender NHK, der keine Werbung bringt, an sehr kurzatmige Sendestrecken mit vielen Commercials gewöhnt – offenbar eine Art von Normalität dadurch wiederhergestellt werden sollte, dass stattdessen Spots einer gemeinnützigen Werbeorganisation (AC Japan) eingeblendet wurden, die Appelle an den Gemeinsinn richteten, um die Moral zu stärken.

Helft einander, seid höflich zueinander, macht Schwächeren Platz in der Bahn und solche Dinge. Ich habe mich mies gefühlt, wann immer es hieß, dass die Ausländer das Land verlassen, und bin selbst mit sehr gemischten Gefühlen am 18. März von der Südinsel Kyushu aus über Seoul ausgereist.

Nach den ersten Stromsperren, Zugausfällen, Hamsterkäufen und Benzinknappheit war ich nicht mehr sicher, ob ich mein Programm in Tokyo noch hätte absolvieren können. Zugegeben, ich hatte auch wenig Neigung, im 28. Stock eines Hotels in Tokyo, wo wir auf dem Hinweg wohnten, vor Nachbeben zu zittern.

Morgenpost Online: Hatten Sie den Eindruck, dass Japaner sich befremdet oder gar verlassen fühlten von dem Exodus der in Tokyo lebenden Ausländer?

Hijiya-Kirschnereit: Die Verwunderung darüber, dass man so extrem reagiert, war schon da. Sie wurde nur verhalten gezeigt. Doch haben auch einige meiner deutschen Freunde, die in Japan verheiratet sind, gesagt: "Meine Heimat ist jetzt hier, und wir werden zusammen ausharren."

Morgenpost Online: Es gab im Ausland viel Verwunderung und Bewunderung für die Disziplin und Würde, mit der die Betroffenen in Tohoku ihr Elend ertrugen. Hat diese Haltung Sie überrascht?

Hijiya-Kirschnereit: Ich war nicht überrascht, aber ich habe diese Menschen nicht minder bewundert. Die Gefasstheit, die Kontrolliertheit, dieses Sich-ganz-und-gar-nicht-selbst-in-den-Mittelpunkt-Stellen, das Sich-Nicht-Beklagen, sondern einfach nur Anpacken und Helfen.

Es ist ja nicht so, dass die Japaner nicht auch Angst hätten und litten, aber sie wollen den Anderen nicht mit ihrem Schmerz belästigen.Dieses eingeübte Kulturverhalten ist sehr wohltuend, und jeder mit ausreichender Empathie kann sich vorstellen, wie sie leiden.

Ich muss allerdings sagen, dass ich seit meiner Rückkehr nach Deutschland erschüttert war, wie wenig Verständnis man teilweise aufgebracht hat und wie rasch die Japan-Klischees wieder aufblühten. Diese dummen Fragen, die ich gerade als Japanologin bestürzend finde.

Nach Jahrzehnten der Berichterstattung und Forschung, trotz all der Möglichkeiten, sich in einer globalisierten Welt zu informieren, kommen in solchen Situationen die wüsten Stereotypen wieder hoch. Das finde ich schon traurig.

Morgenpost Online: Welche Klischees ärgern oder enttäuschen Sie vor allem?

Hijiya-Kirschnereit: Es entäuscht mich, dass das Zurückgenommene und Würdevolle der Japaner, von dem wir eben gesprochen haben, nicht nur mit (verständlicher) Verwunderung aufgenommen wurde.

In Deutschland, wo wir uns zur Genüge auskennen mit dem Sich-Beschweren und dem Jammern, wird nicht verstanden, dass beides in Japan weniger ausgeprägt sein könnte. Die Verwunderung wird umgemünzt in die Idee, das müssten ganz rätselhafte, geheimnisvolle Menschen sein: Dass sie keine Gefühle haben, wenn sie sie nicht zeigen.

Und dann kommt das Kamikaze-Klischee für die „Fukushima 50“ und die Feuerwehrleute zum Einsatz. Zu unterstellen, dass dieser Opfermut für die Gemeinschaft etwas Unnatürliches wäre, als vielmehr eine großartige menschliche Eigenschaft, ist bestürzend.

Mich schockiert – und es wirft ein Licht auf die deutsche Gesellschaft –, wenn man sich nur Zwang hinter der Entscheidung der „50“ vorstellen kann. Sogar von Leibeigenen war da in der Presse die Rede. Es gibt Menschen, die sich sagen: "Es muss getan werden, wir sind die Spezialisten. Wer soll es tun, wenn nicht wir?"

Sie opfern sich bewusst, nicht aus Naivität, sondern aus Verantwortungsgefühl. Das nicht anzuerkennen, finde ich sehr traurig für unsere Gesellschaft.

Morgenpost Online: In einem ARD-Korrespondentenbericht wurde behauptet, es seien hier wie schon seit Jahren sogenannte „Wegwerfarbeiter“ bei den Reaktoren regelrecht verheizt worden ...

Hijiya-Kirschnereit: Dafür gab es dann allerdings keine Belege und nur ein halbherziges Dementi. Sicher, inzwischen wissen wir, dass die am 24. März bei Reparaturarbeiten verstrahlten Arbeiter offenbar ungenügend über die Gefährdung durch das kontaminierte Wasser aufgeklärt waren und regelrechte Pannen passiert sind.

Das dann aber in einer aktuellen Magazinsendung im deutschen Fernsehen salopp mit „Erst Helden, dann ‚selber schuld‘“ kommentiert zu bekommen, ist unerträglich. Man muss Sorgfalt von den Medien verlangen.

Sicher gibt es Zeitnot und andere Zwänge, aber reißerisch und überspitzt darf es nicht unter die Leute gebracht werden. Und manch eine flott dahingesagte Spitze grenzt an Pietätlosigkeit. Ich verstehe die Verführung zur sensationellen Enthüllung, und Missstände gehören an den Pranger.

Ich bin sicher, dass man sich auch in Japan selbst mit den eigenen Fehlern und Versäumnissen auseinandersetzen wird, sobald die Situation es wieder zuläßt. Die Kritik an Tepco wird natürlich auch in Japan schon jetzt immer lauter.

Morgenpost Online: Helmut Schmidt hat zu der Informationspolitik der japanischen Regierung über das Reaktorunglück gesagt: „Sie darf nicht lügen. Sie muss aber nicht alles sagen, was sie weiß.“

Hijiya-Kirschnereit: Diesen Satz von Helmut Schmidt halte ich wirklich für sehr klug. Wobei ich in diesem Fall natürlich nur inständig hoffen kann, aber nicht mehr sicher bin, dass die japanische Regierung nicht gelogen und das japanische Parlament seine Sorgfaltspflicht nicht schon vor Jahren verletzt hat.

In den ersten Tagen nach dem AKW-Unfall ist unter den Japanern die Angst gewachsen, auch weil die vielen technischen Erklärungen und Zahlen nicht zu deuten waren. Man spürte die Vorsicht der Regierung und der Behörden; jeder wusste instinktiv, wie gefährlich eine Panik wäre.

Andererseits war das Publikum ja nicht nur auf Regierungsverlautbarungen angewiesen; wer sich anderweitig orientieren wollte, konnte das tun. Die Vorsicht ist ein Zeichen von Verantwortungsgefühl, dies gilt auch bei den Angaben zu Todesopfern.

Die Zahlen sind sehr langsam angehoben worden, wenn der Tod wirklich verifiziert war. Man hat nicht einfach Schätzungen in den Raum geworfen. Sondern sorgfältig und verantwortungsvoll differenziert zwischen Vermissten und Toten. Man vergisst leicht, welche extremen Dimensionen diese Katastrophe hatte und wie schwierig es auch für die Behörden gewesen sein muss, den Schaden zu erfassen.

Morgenpost Online: Wie haben Sie das Reagieren von japanischen Intellektuellen, Literaten, Künstlern auf die Katastrophe beobachtet? Der Romancier Ryû Murakami schrieb, er habe sich entschlossen, die Hoffnung in sein Land, die er verloren glaubte, wiederzufinden.

Hijiya-Kirschnereit: Während meines Aufenthalts sind mir prominente Künstler nicht mit Statements in den japanischen Medien aufgefallen. Was ich weiß, ist, dass die Künstler und Literaten, mit denen ich in Südjapan zusammenkam, nun emsig Benefiz-Veranstaltungen für die Erdbebenopfer bestreiten.

Statements spielten, glaube ich, nicht eine so große Rolle. Von Akira Kuroda, der jungen Autorin, las ich etwas, aber wohl in der deutschen Presse. Sie sagte, sie identifiziere sich jetzt sehr mit ihrem Land. Nun, da Japan so verwundet ist und so hilfsbedürftig, kommt die Identifizierung.

Es mag Schadenfreude gegenüber Japan vereinzelt gegeben haben, aus China habe ich so etwas gelesen. Wie gewichtig solche Stimmen waren, weiss ich nicht. Aber sogar aus Südkorea mit seinem empfindlichen historischen Verhältnis zu Japan kam sofort Hilfe, und die internationale Sympathie ist groß.

Jedenfalls hoffe ich, dass auch in Deutschland nach der ersten etwas hysterischen und selbstbezogenen Reaktion auf den AKW-Unfall das Mitgefühl wieder in den Vordergrund tritt. Ich bin überzeugt, dass viele Deut-sche, die diese erschütternden und bewegenden Bilder aus Japan gesehen haben, ehrlich mitgefühlt haben.

Aber in manchen Teilen der Diskussion gerät das ganz in den Hintergrund. Das Unglück wird für die Durchsetzung eigener Interessen instrumentalisiert. Das ist schade, denn Japan hat jetzt wirklich vorbehaltlose Solidarität nötig.

Morgenpost Online: Loyalität von Freunden Japans, ob in der Not wie im Triumph, gilt dort viel, nicht wahr? Man wird sich dort merken, wer jetzt für Japan da ist.

Hijiya-Kirschnereit: So ist es. Eine Enttäuschung wäre besonders tragisch, denn in diesem Jahr feiern wir 150 Jahre japanisch-deutsche Freundschaft. Und es könnte sein, dass in Japan auch deutsche Reaktionen, die ich nicht so angemessen fand, registriert werden.

Aber so ist es eben, es gibt das ganze Spektrum. Gut ist jedenfalls, dass eine gewisse Reflexion über die ersten klischeehaften Reaktionen eingesetzt hat. Niemand weiss, wie lange die unsichere Situation in Fukushima noch anhält.

Aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass diejenigen, die das Geschehen besonders dramatisierten, geradezu darauf warten, dass sich die Lage noch weiter zuspitzt. Wenn sich die Dinge etwas beruhigt haben, wird es die Aufgabe von uns Japanologen sein, die Reaktionen zu analysieren.

Das heißt, noch einmal zu prüfen, wie es dazu kommen konnte, dass all die Klischees wieder hochkamen. Wie Leute wieder in Japan-Bilder verfallen konnten, die ich längst für überholt und erledigt erachtet hatte.

Morgenpost Online: Dennoch muss ich hier auch um Verständnis für uns Tagesschreiber werben, die nach einem solchen Disaster große Textmengen in kürzester Zeit (häufig ohne große Sachkenntnis) und ohne Zugang zu den Unglücksorten stemmen müssen. Es gibt die Sorgfaltspflicht; es gibt auch den Ausnahmezustand ...

Hijiya-Kirschnereit: Das Dilemma verstehe ich wohl. Ich muss selbst zugeben, dass ich in diesen Tagen diese Versuchung der kulturalistischen Erklärungen auch bei mir spüre; deshalb habe ich eine große Scheu, auf entsprechende Fragen zu antworten.

Man greift einfach in der Not zu gewissen Mustern, die nur teilweise zutreffen. Die Gefahr der Verallgemeinerung, Pauschalierung, des Unhistorischen ist enorm; das Gebot, zuerst den Menschen und dann erst den Japaner zu sehen, wird verletzt.

Es besteht die Gefahr, dass, was besser soziologisch zu betrachten wäre, allzu leicht kulturalisiert wird. Von Wissenschaftlern wird erwartet, dass sie komplexe Dinge im Griff haben, aber in einer solchen Notlage ist das so schwer, dass ich zögere mit solchen Auskünften.

Morgenpost Online: Nun gibt es in Japan eine lange Tradition der Selbstdeutung und Selbstverrätselung mit einem eigenen Literaturgenre („Nihonjinron“). Jeder, der im Ausland den Japanern übersinnliche oder übermenschliche Eigenschaften andichtet, findet japanische Kronzeugen.

Hijiya-Kirschnereit: Das ist ja das Makabere. Es herrscht eine starke Vorliebe in Japan für diese Selbstbetrachtung in recht breiten Bevölkerungsschichten. Natürlich sind das zum Teil zurückgespiegelte Muster und Exotismen, die man sich selbst zu eigen gemacht hat.

Nicht zuletzt kultur-propagandistische Vorstellungen wie Japan als „Land der Harmonie“ (wa), die in Japan selbst funktionalisiert wurden, sind sicherlich eine wichtige Seite der Geschichte. Und sie geht ewig weiter. Man hatte gedacht, nach den 70er und 80 Jahren, als die japanische Hybris samt diesen Erwähltheitsideen auf dem Höhepunkt war, würde das absterben. Nichts da. Die Ratgeberbücher, die Japan entschlüsseln, perpetuieren sich endlos.

Morgenpost Online: Auf furchtbare Weise ist Japan mit der Bebenkatastrophe wieder auf die Weltbühne zurückgekehrt, von der es viele Jahre verstoßen war. Niemand interessierte sich für Japans „verlorenes Jahrzehnt“, nicht einmal die Japaner selbst, schien es. Erst recht, als all die politischen Reformanstrengungen ins Leere liefen. Da war nur Überdruss.

Hijiya-Kirschnereit: Ja, es war deprimierend, als der große Aufbruch nach der Abwahl der LDP erlahmte und in demselben Klein-klein endete.Die Japaner wie das (befreundete) Ausland hatten so große Hoffnungen auf den Befreiungsschlag gesetzt. Und dann lief alles so weiter wie immer.

Die Politik blockierte sich selbst trotz des enormen Reformbedarfs. Es ist tragisch und wahrscheinlich, dass jetzt das Interesse wieder schlagartig da ist.

Um die Japaner, die – wenn die atomare Katastrophe abgewendet wird, was ich mehr als alles hoffe – sich auf einen eingeschränkteren, weniger wohlhabenden Alltag einrichten müssen, mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Das werden sie ganz prima bewältigen, und den Aufbau auf. Ich glaube, daran hat kaum jemand einen Zweifel. Ich las von Hochrechnungen von fünf Jahren Wiederaufbau.

Wenn es eine Nation gibt, der das zuzutrauen ist, ist es Japan. Hier setzen vielleicht Optimismus und Hoffnung von Ryû Murakami an. Leider ist die Situation an den Reaktoren noch immer so offen, dass man nicht weiß, was kommt. Aber ich kann sehr gut verstehen, dass sich viele Japaner ihrem Land noch nie so nah und so tief verbunden fühlten wie heute. Mir geht es, ehrlich gesagt, nicht anders.