Geigen-Virtuose

David Garrett, das Opfer der Klassik-Snobs

Er ist der populärste Geiger unserer Zeit, füllt Arenen und bringt Thomas Gottschalk zum Schluchzen. Von der Kritik wird David Garrett verachtet, doch er inszeniert sich gern als Opfer verbohrter Klassik-Snobs. Auf seiner neuen CD verabschiedet sich Garrett vom Crossover. Das klingt gar nicht so schlecht.

Die wichtigsten Nachrichten von David Garrett in Kürze: Nein, er hat noch keine neue feste Freundin, dazu hat er im Moment keine Zeit. Aber für One-Night-Stands ist er nach eigener Aussage (dieser Schlingel!) gerne zu haben. Ja, er will von New York nach Deutschland ziehen, am liebsten nach Berlin, Mitte oder Kreuzberg.

Ach ja, und David Garrett hat jetzt eine neue CD. Das Cover sieht aus wie eine Obsession-Parfümwerbung, Garrett schwarz-weiß mit leicht geöffnetem Mund und weit geöffnetem Hemd. Der Titel des Albums lautet „Classic Romance“. Die Vorgänger hießen „Free“, „Virtuoso“ und „Encore“, die Nachfolger heißen wahrscheinlich „Applause“ oder „Music Dreams“ oder so ähnlich. Die Titel bedeuten eigentlich nichts, so wie Parfümnamen nichts bedeuten. Auf die Marke kommt es an, und die ist im Falle von David Garrett besonders wertvoll.

Der Geiger David Garrett (29) ist ein Popstar. Seine CDs verkaufen sich massenhaft. Seine Konzerte gibt er immer häufiger in Mehrzweckhallen statt in der Philharmonie. Neulich war er bei „Wetten dass...“ Wettpate für einen jungen Mann, der halbnackte Frauen am Hinternabdruck auf Papier erkennen kann. Nach ZDF-Maßstäben ist das ein Ritterschlag.

Damit sich das Modell Garrett nicht tot läuft, kann es aber nicht ewig so weitergehen mit Schlafzimmerblick und Hinternabdrücken. Auch ein Star muss sich weiter entwickeln. Deshalb sind auf der neuen CD nur klassische Stücke zu hören. Vorher hatte Garrett immer auch Crossover-Stücke auf seinen Platten, „Smooth Criminal“, „Fluch der Karibik“ oder „Nothing Else Matters“ (mit Hall auf dem Geigenklang).

Auf „Classic Romance“ ist dagegen sogar ein vollständiges Violinkonzert, das von Mendelssohn. In Promo-Interviews erzählt David Garrett, dass die Plattenfirma von einer reinen Klassik-CD abgeraten habe, aber er hat sich natürlich durchgesetzt – die Musik ist wichtiger als der Erfolg, soll das heißen. Ein Künstler ist stolz darauf, dass er auch mal mitentschieden hat, was auf seine CD kommt. Das sagt alles.

Herausgekommen ist eine Art Schlagerhitparade der Geigenmusik. Einige der bekanntesten Stücke der Violinliteratur sind dabei: Sarasates spektakuläre „Zigeunerweisen“, die unvermeidliche „Méditation“ von Jules Massenet, Schuberts „Ständchen“. Begleitet wird Garrett dabei immerhin vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Andrew Litton. Es klingt schlank und zurückhaltend, was gerade bei den süßlichen Nummern sehr wohltuend ist.

Die Stückauswahl ist nicht originell, aber effektvoll. Garretts Finger sind schnell, seine Bogentechnik ist ausgereift. An seiner Guadagnini (4 Millionen Euro teuer) macht er nicht auf Macho, sondern auf Frauenversteher: Er setzt auf die sanften Töne, auf weiche Melodien, gefühlvolle bis kitschige Rutscher und Verzögerungen. Ein Geigen-Softie.

So klingt auch das Mendelssohn-Konzert: Es gehört zu den berühmtesten Stücken der klassischen Musik, jeder Geiger muss es im Repertoire haben, praktisch jeder Solist hat es schon eingespielt. Da hat es jeder schwer, noch etwas Neues hören zu lassen. Garrett versucht es auch hier mit der zarten Masche, er greift nie an, geht manchmal fast unter im Orchesterklang, viele Phrasen sind mehr gehaucht als gespielt. Es klingt alles irgendwie teilnahmslos. Aber wenigstens ist es keine Show – man kann es sich gut anhören.

Dass David Garrett spielen kann, ist unbestritten. Seine Wunderkind-Geschichte ist ja kein PR-Gag. Als kleiner Junge aus Aachen galt er wirklich als Klassik-Hoffnung, er bekam Unterricht bei den besten Professoren, tourte als Teenager mit den großen Namen, mit den Berliner Philharmonikern, mit Claudio Abbado. Seine Eltern setzten ihn unter Druck, nahmen ihn von der Schule, ermahnten ihn ständig, auf seine kostbaren Hände aufzupassen. Mit 19 gab Garrett auf: Er zog von zu Hause aus, ging nach New York an die Juilliard School, um noch einmal zu studieren, in der Meisterklasse von Itzhak Perlman. Da nehmen sie einen nicht, weil man die Haare so schön hat.

Vor fünf Jahren kehrte Garrett dann zurück ins Musikgeschäft, und seitdem wird die Welt nicht mehr schlau aus ihm. Geld verdient er nun mehr als je zuvor, aber die Kritiker wenden sich ab. Sie verachten ihn wegen der ganzen Mätzchen: Die pseudo-lockeren Konzerte mit Rumlaufen im Publikum und Dialogen mit den jungen Leuten, was Nigel Kennedy vor Jahrzehnten schon gemacht hat.

Das Outfit, irgendwo zwischen Skater und Armani-Model, das an David Beckham erinnert. Der Crossover-Kram, Coverversionen von AC/DC oder Metallica, die viel zu weichgespült klingen, um aufrichtig zu sein – und die Apocalyptica 1996 eingeführt haben, nur mit richtigem Wumms. Der Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde als schnellster Geiger der Welt (13 Töne pro Sekunde) – der anderen Instrumentalisten peinlich wäre.

Garrett lebt gut mit der Kritik, oder besser gesagt von ihr. Es gehört zum Geschäftsmodell, dass er sich als Opfer verbohrter Klassik-Snobs inszeniert. Er erzählt die Geschichte von den bösen Musikkritikern, die mit ihren knorrigen Fingern auf den makellosen Beau zeigen, aber was kann denn der arme David dafür, dass er so schön ist und so gerne Rockmusik hört? Die Masche zieht, die jungen Leute rennen Garrett die Bude ein, und sogar Staatsoberhäupter bitten ihn als Glamourfaktor an den Hof wie Horst Köhler beim vergangenen Sommerfest auf Schloss Bellevue.

Garretts Erfolg kann man schade finden, muss man aber nicht. Wenn bald viele tausend Menschen sozusagen aus Versehen Mendelssohn hören, weil sie David Garrett scharf finden, ist das nicht das Schlimmste, was eine neue CD auslösen kann.