Neu auf CD

Bei Mendelssohn ist David Garrett einer von vielen

Der "schönste Geiger der Welt" kehrt zu seinen klassischen Ursprüngen zurück und nimmt Mendelssohns Violinkonzert auf. Überzeugen kann David Garrett dabei nicht. Dafür ist Pianist Maurizio Pollini aus seiner Lethargie erwacht. Morgenpost Online bespricht die Klassik-CDs der Woche.

David Garrett: Classic Romance (Deag/Warner)

Vielleicht ist es symptomatisch, dass das Orchester - immerhin das Deutsche Symphonie Orchester mit Andrew Litton - hier nur unter ferner liefen rangiert. "Der schönste Geiger der Welt" kehrt zu seinen einst kaum wahrgenommenen klassischen Ursprüngen zurück. Nach einigen wie mechanisch absolvierten Zugabeschmeicheleien heißt sein Hürde: Mendelssohn.

Dessen Violinkonzert spielt er technisch makellos wie es in den Noten steht, aber eben auch ohne jede rhythmische Fantasie oder künstlerische Individualität. Hier offenbart sich neuerlich gnadenlos, dass das Phänomen dieses Dutzendgeigers hautsächlich aus Verpackung besteht. Mag er mit offenem Hemd und verstärkter Violine in den Arenen mit Filmmusikschnipseln abräumen, in der Hardcore-Klassik ist David Garrett nur einer von vielen.

2 von 5 Punkten

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Bach: Das wohltemperierte Klavier (DG)

In den letzten Jahren hatte Maurizio Pollini so etwas wie eine bleierne Klavierzeit umgeben. Chopin und Beethoven klangen wie in Stein gemeißelt, ebenmäßig gut, aber auch zunehmend uninteressiert. Ein Monument wiederholte sich selbst und spielte routiniert der Rente entgegen.

Aus dieser Tastenlethargie scheint der Mailänder nun plötzlich erwacht. Bach macht es möglich. Zum ersten Mal spielt Pollini etwas ein, wofür er sich über ein halbes Jahrhundert Zeit gelassen hat: das erste Buch des Wohltemperierten Klaviers.

Ein 67-Jähriger vermisst noch einmal sein Terrain, steckt seine Möglichkeiten ab. Und dabei gelingt ihm eine exemplarische, scheinbar objektive Einspielung eines der größten Heiligtümer der Klaviermusik. Wieder ist sein Spiel mathematisch gerade, dabei weich ausbalanciert, immer um die Struktur des großen Ganzen wissend, die tragende Konstruktion, an der die Verzierungen aufgehängt sind - so wie es sich für den Sohn eines Architekten gebührt.

Der Klang ist so kostbar und edel wie der Stoff seiner teuren Maßanzüge, sein Anschlag ist so präzise und durch Tradition und Wissen vorgegeben wie deren Schnitt. Pollini schummelt nicht und er trumpft auch nicht auf. Er lässt die Musik fließen, gibt ihr logische Flexibilität, als könnte man das gar nicht anders spielen. Das Resümee einer großartigen Pianistenkarriere - hier wird es wie am Reißbrett gezogen. Und doch ist es belebt, pulsiert, schlägt da ein tönend Herz. Die Klavierlegende wird zum Suchenden, Tastenden, die ihren Weg traumsicher und scheinbar einfach findet.

5 von 5 Punkten

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Martin Stadtfeld: Bach, Beethoven (Sony)

Gleich im Doppelpack und noch dazu mit viel zuviel Lipgloss wird der kometenhaft promotete deutsche Pianist von seiner Plattenfirma neuerlich zwischen Mamis Liebling und Schwulendarling inszeniert.

Lässt man die Optik einmal beiseite, so liefert er solides Handwerk: schwungvoll fingerfertigen jungen Beethoven samt 2. Klavierkonzert mit der Dresdner Staatskapelle unter Sebastian Weigle; und zurückgenommene Begleitkunst plus fein gewürzten Choralvorspielen bei Bachs von Jan Vogler kraftvoll absolvierten Gambensonaten.

3 von 5 Punkten

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Lucia Popp: Icon (EMI)

Am 12. November wäre sie 70 Jahre alt geworden, doch schon 1993 ist sie an einem Gehirntumor gestorben. Die slowakische Sopranistin Lucia Popp fehlt schmerzlich. Nicht nur weil man so gern das slawische Lächeln und Glitzern in dieser einzigartigen Stimme noch länger gehört hätte.

Keine andere Sopranistin ist seither ihren exemplarischen Karriereweg von der Barberina und Königin der Nacht bis zur Marschallin und Elsa gegangen. Zum Glück hat sie ein reiches Plattenerbe hinterlassen. Aus dem diese Box mit 7 CDs eine hinreißende Auswahl bietet.

5 von 5 Punkten

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5 Punkte: Meilenstein

4 Punkte: Sehr empfehlenswert

3 Punkte: Solide

2 Punkte: Eher schwach

1 Punkt: Ziemlich missraten

0 Punkte: Totales Desaster