Preisverleihung in Berlin

Wie die Musik bei den MTV-Awards verloren geht

Die Foo Fighters, Green Day, Jay-Z, Leona Lewis, Shakira und Tokio Hotel – bei den MTV-Awards treffen sich heute wieder die Größen der Musikszene in Berlin. Doch so unbeschwert und großspurig wie sonst wird die Veranstaltung wohl nicht werden. Stattdessen macht sich die Wirtschaftskrise bemerkbar.

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Das Vorprogramm der Preisverleihung findet auf der Außenbühne statt. Am Brandenburger Tor erinnern die betagten Iren von U2 heute an dreierlei:

Vor 20 Jahren tat sich in Berlin die Mauer auf.

Vor 15 Jahren wurden hier die ersten EMAs überreicht, die MTV Europe Music Awards .

U2 ist immer noch die größte Rockband aller Zeiten und fühlt sich umweht vom Mantel der Geschichte. Nach dem Mauerfall hatte U2 Berlin besucht, um in den Hansa-Studios an der Grenze ihre Platte „Achtung Baby“ aufzunehmen. „Achtung, Baby!“ war ein Filmzitat aus „Frühling mit Hitler“ von Mel Brooks. Das Album wurde mit einem Trabant bedruckt, und „One“ wurde zur Einheitshymne.

20 Jahre später musiziert U2 20 Minuten lang vor 10.000 mit Freikarten beschenkten Gästen unter freiem Himmel. Jede Minute Rockmusik für jedes Jahr in Freiheit. Seit drei Tagen sind die Straßen dafür abgeriegelt. Eine Sichtschutz-Wand sperrt Neugierige aus. Nur die Musik wird noch zu hören sein hinter der neuen Mauer.

Mit dem Festakt wird Musik noch einmal mit Bedeutung aufgeladen. Anschließend verteilen Laudatoren unansehnliche Trophäen an die routiniert gerührten Preisträger im Neubau einer Mehrzweckhalle. 1994 sang Take That am Brandenburger Tor.

2009, in der O2 World, sollte Robbie Williams singen. Er hat abgesagt. Das knapp bemessene Budget gestattet ihm kein angemessenes Bühnenbild. Am Sonnabend tritt er auf bei „Wetten, dass..?“ in Braunschweig. Um die Deutschen auf „Reality Killed The Video Star“ aufmerksam zu machen. So heißt, nicht ganz zufällig, sein neues Album.

MTV, die Mutter des Musikfernsehens, stiftet zwar die Preise und richtet die Feier aus. Musik ist aber nicht mehr das, was man mit MTV verbindet. 1981 ging die Dauerwerbesendung für Musik auf Sendung. Die Buggles sangen „Video Killed The Radio Star“, und sie behielten recht, als Michael Jackson und Madonna die Formate sprengten. Clips rotierten 24 Stunden täglich, als die Plattenindustrie in der CD das ewige Wirtschaftswachstum sah. Schon in den späten Achtzigern flachten die Kurven wieder ab.

Der Mauerfall, der zwischen 18.30 Uhr und 18.50 Uhr von U2 gefeiert wird, kam 1989 auch der Plattenindustrie zugute. Osteuropa wurde über Nacht zum Absatzmarkt. Die Kurven stiegen wieder an. Seit 1987 sendete die Londoner MTV-Filiale für Europa kostenlose Clips zu den CDs. Die lästigen regionalen Vorlieben der Konsumenten führten in den Neunzigerjahren zur Gründung weiterer Außenstellen. 1997 startete ein deutsches MTV in München. Vor fünf Jahren zog der Sender schließlich nach Berlin, den Plattenfirmen und der Popkomm hinterher. Nur die Musik ging unterwegs verloren.

MTV ist mittlerweile ein Programm wie jedes andere private auch. Ein sogenanntes Vollprogramm mit unsinnigen Serien, bizarren Dokusoaps und unterstützender Musik. Es wäre ungerecht, die Schuld allein bei MTV zu suchen. MTV war ursprünglich nichts anderes als die visuelle Plattform des Musikgeschäfts. Dieses Geschäft geht seit einem Jahrzehnt daran zugrunde, dass es in den Neunzigern so überhitzt und großspurig betrieben worden ist wie viele andere Geschäfte auch. Der digitale Segen der CD wurde zum digitalen Fluch des Internets. Musik an sich scheint nichts mehr wert.

Kümmerliche Clips

Die üppigen Etats für Videoproduktionen sind nicht mehr vorhanden. MTV klagt über kümmerliche Clips, die Plattenfirmen klagen über MTV. Gemeinsam klagen alle gegen Youtube, wohin sich die Videoclips zurückgezogen haben. 1994, als die ersten European Music Awards von MTV vergeben wurden, war Musik noch ein Produkt und sogar etwas, das die Menschheit in einer globalisierten Welt verband. Deshalb wurde das Brandenburger Tor damals als Ort gewählt. Heute verbindet nicht Musik die Welt, sondern das Internet. Das Internet, in dem Musik als kostenlose, unerschöpfliche Ressource existiert und Myspace-Existenzen schmückt.

Die Preisverleihung in Europa wird von Katy Perry moderiert. Das ist nur konsequent: Die Amerikanerin würde ohne Europa und das Internet in der Kapelle ihres Vaters singen oder in der Kneipe ihres Viertels. Zu den Attraktionen der Awards gehört in diesem Jahr der „FanWalk“.

Ein Mobilfunk-Hersteller schickt eine Hundertschaft zu Fuß von Hamburg nach Berlin. Der Sieger darf einen der Preise überreichen. Was treibt einen an, 300 Kilometer in zehn Tagen um die Wette zu spazieren? Die Musik? U2 im Freien? Ruhm auf fanwalk.com? Jay-Z, Green Day oder Shakira aus Amerika? Die Preisträger aus der Türkei und Russland? Silbermond aus Bautzen?

Wenn Berlin, die deutsche Pophauptstadt, die sich als Prophezeiung unentwegt hysterisch selbst erfüllt, und MTV, das ehemalige Musikfernsehen, etwas feiern, ist das ein Ereignis. Ein Ereignis muss sich nicht erklären. Das Ereignis steht für sich, wenn alle daran glauben. Es hat heute viel mit Marktpsychologie zu tun und wenig mit Musik. Selbst der vor einem Jahr entlassene MTV-Ansager Markus Kavka ist dabei. Er wird U2 begrüßen dürfen auf der Bühne. Kavka: „Wir sind alle Krisenopfer.“

Als U2 im Internet zum Mauerfall- und MTV-Gedenkkonzert einluden, brach der Server kurzerhand zusammen. Manche hielten das für eine gute Nachricht. Für das Sechstel eines Rockkonzert, umsonst und draußen im November.