Kino

Warum Hollywood auf deutsche Regisseure setzt

Amerikaner lieben den Filmnachwuchs "Made in Germany": Die Traumfabrik wirbt deutsche Talente ab – weil die Jungfilmer das Genrekino perfekt beherrschen. Gleich vier US-Debüts deutscher Regisseure sind in den nächsten vier Wochen auch hierzulande zu sehen.

Foto: ddp

Sie kommen in großen, schwarzen Autos. Lauern ihrer jungen Beute auf, überwältigen sie, setzen sie unter Drogen und schmuggeln sie über die Grenze in die USA. Ausgerechnet ein junger Deutscher, Marco Kreuzpaintner, deckt diesen Menschenhandel in Mexiko auf – in einem US-Film, in dem auch die Amerikaner nicht gut wegkommen.

Die Ironie dabei ist, dass auch der Regisseur aus Rosenheim zu einer Reihe von Talenten gehört, die gerade in die USA gelockt wurden. Freilich sind die Mittel der Filmagenten in Hollywood etwas feinfühliger. Aber ihrer künstlerischen Blutarmut bewusst, werben sie massiv Nachwuchs ab.

Fatih Akin will jetzt einen Western drehen

In den nächsten Wochen kann man die erste Ernte davon auch in deutschen Kinos sehen: Seit diesem Donnerstag läuft der Thriller „Die Vorahnung“ von Mennan Yapo mit Sandra Bullock. Am 18. Oktober startet neben Kreuzpaintners „Trade“ mit Kevin Kline auch Oliver Hirschbiegels Science-fiction-Film „Invasion“ mit Nicole Kidman und Daniel Craig.

Am 8. November folgt Florian Baxmeyers Verfilmung des Kinderbuchklassikers „Die drei ???“. Und das ist noch lange nicht das Ende: Christian Alvart dreht mit René Zellweger den Horrorfilm „Case 39“. Sandra Nettelbeck, deren „Bella Martha“ Hollywood gerade zum faden Remake verkocht hat, bereitet dort „Helen“ vor, ein Drama mit Ashley Judd.

Selbst Fatih Akin zieht es nach Amerika – er will dort einen Western drehen. Und Florian Henckel von Donnersmarck ist gleich nach dem Auslands-Oscar für „Das Leben der Anderen“ nach Kalifornien gezogen.

Hollywood ist schnelllebiger als Deutschland

Derzeit sind die Deutschen in Hollywood gefragt wie selten. So viele deutsche Regisseure tummelten sich dort zuletzt in den Dreißiger und Vierzigerjahren. Die waren indes nicht freiwillig gekommen, sondern ins Exil geflohen. Die neuen Gastarbeiter hingegen werden vor allem deswegen angeheuert, weil sie im deutschen Kino etwas ausprobiert haben, was eigentlich ins amerikanische gehört – und dort auch besser angenommen wird: das Genrekino.

Eine absurde Konstellation: Während derzeit Hollywoodstars wie Cruise & Kidman nach Deutschland kommen, um sich mit renommierten Stoffen zu profilieren, drängelt unser Nachwuchs nach drüben, um sich in den US-Studios auszutoben.

Trotz seines Oscars ist Donnersmarck dabei nicht die Zielmarke. Fast acht Jahre lang hat er an seinem Stasi-Drama gearbeitet, von der ersten Idee bis zum letzten Schnitt. Zu lange für das schnelllebige Hollywood, in dem das Recht auf den Final Cut zudem nur wenigen zugestanden wird. Dort gilt eher das Modell Schwentke. Robert Schwentkes Debüt „Tattoo“ war 2002 ein so wuchtiger wie vergeblicher Versuch, amerikanische Genrekost im deutschen Kino zu verankern. Drei Jahre später aber drehte er mit Jodie Foster den Blockbuster „Flightplan“. Die Amerikaner wussten ihre Art Kino offensichtlich mehr zu schätzen.

Die Deutschen sind noch jung und "formbar"

Ähnliches gilt für Yapo. Er hat sich mit „Lautlos“ am Auftragskiller-Genre versucht, der aber trotz Joachim Król und „Spiegel“-Redakteur Lars-Olav Beier als Drehbuchautor empfindlich floppte. Jetzt hat er, ironischerweise mit der deutschstämmigen Sandra Bullock, einen Mystery-Thriller hingelegt, der Bullocks Produktionsfirma den bislang dicksten Profit einfuhr.

Ähnlich erging es auch Alvart, der mit „Antikörper“ eine deutsche Variante von „Seven“ inszenierte, damit aber nicht reüssierte. Auch Baxmeyer hat sich im TV-Drama „Das Blut der Templer“ auf Genre-Pfaden bewegt und Hirschbiegel, vor dem „Untergang“, in „Das Experiment“ ebenfalls mit Genre-Versatzstücken experimentiert. Nur Kreuzpaintner fällt aus dem Rahmen: Er hat mit der Schwulen-Geschichte „Sommersturm“ einen sehr persönlichen Film gedreht – und klärt jetzt über Missstände im fremden Mexiko auf. Eine reine Auftragsarbeit.

Die neue Riege, die da nach Hollywood gelockt wurde, ist vergleichsweise jung: Yapo Jahrgang ’66, Schwenkte ’68, Baxmeyer’ 74, Kreuzpaintner ’77. Sie hat noch keine allzu große Filmographie vorzuweisen, ist noch offen, ergo auch „formbar“. Und sie widmet sich dem hierzulande eher gering geschätzten Nischenkino.

Keine Kinorevolution, sondern Handwerk

So ist auch einmal ein Roland Emmerich in die USA ausgewandert – weil man ihn daheim für sein Science-fiction-Debüt „Das Arche-Noah-Prinzip“ ausgelacht hat. Nun ist das „Spielbergle von Sindelfingen“ neben Wolfgang Petersen längst selbst ein Fossil Hollywoods. Von dessen Riesenbudgets können die neuen Teutonen (von denen Emmerich einen, Kreuzpaintner, gönnerisch ins Business eingeführt hat) erst mal nur träumen.

Und doch werden ihnen dort ganz andere Möglichkeiten geboten. Sie können zwischen mehreren Drehbüchern wählen, mit dem Zehnfachen am Budget operieren. Und dass nicht jeder Film reüssiert, wird dort auch viel selbstverständlicher hingenommen.

Was dort entsteht und nun auch in unsere Kinos schwappt, ist indes kein neuer Lubitsch-Touch, kein neues Genre wie ein Film Noir, in dem sich die Ängste der Exilanten widerspiegelten, oder ein Melodram à la Douglas Sirk. Auch keine persönliche Auseinandersetzung mit der Anderen Welt wie bei den Autorenfilmern (und Heimkehrern) Wim Wenders oder Volker Schlöndorff. Heute entsteht vielmehr Profi-Handwerk. Genre von der Stange, der allerdings durch den fremden Blick von außen wieder interessanter wird. Eine Frischzellenkur. Dass die Deutschen dabei auch als vergleichsweise sparsam gelten, ist ein hübsches Nebenkriterium.

Hirschbiegels Parabel auf die Bush-Nation

Die Young Germans können dabei viel gewinnen und haben wenig zu verlieren. Die Ausnahme ist Oliver Hirschbiegel, mit Jahrgang ’57 der Oldie unter ihnen, dessen „Untergang“ zudem schon für einen Oscar nominiert war. Mit seinem Hollywood-Einstand „Invasion“, dem Remake des Sci-fi-Klassikers „Die Dämonischen“, in dem Aliens von den Menschen Besitz ergreifen, hat er nun aber, trotz Kidman und 007-Mimen, einen der dicksten Flops der Saison hingelegt.


Er entschuldigt sich fast mafiotisch: Sie machen einem da „Angebote, die man nicht ablehnen kann.“ Vielleicht war der Blick von außen aber diesmal einfach zu unangenehm. Denn Hirschbiegel gelang hier eine Parabel auf die Bush-Nation, die dem US-Publikum naturgemäß nicht schmecken kann.