Nazi-Architektur

Architekten-Chef für Abriss des Biennale-Pavillons

Mit dem Pavillon im nationalsozialistischen Baustil können weder die Bundesarchitektenkammer noch Christoph Schlingensief etwas anfangen.

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Deutschlands oberster Architekt Prof. Arno Sighart Schmid hat sich für einen Abriss des deutschen Biennale-Pavillons in Venedig und einen Neubau ausgesprochen. „Der Pavillon entspricht so ganz und gar nicht mehr unserem demokratischen Staatsverständnis“, sagte der Präsident der Bundesarchitektenkammer. „Es ist extrem schwierig, diesen schweren Klotz angemessen zu bespielen.“

Der deutsche Pavillon für die alle zwei Jahre stattfindende Kunstausstellung in Venedig wurde 1909 von dem italienischen Architekten Daniele Donghi als zierlicher antiker Tempelbau errichtet. 1938 gestaltete Ernst Haiger das Gebäude im Auftrag der Nazis um und gab ihm mit vier mächtigen rechteckigen Pfeilern an der Front eine „ausgeprägt nationalsozialistische Monumentalität“, wie Schmid sagt.

Gebäude nutzt einmalige Lage nicht

Für die Kuratoren sei es sehr schwer, in diesem Gebäude eine dem deutschen Ansehen entsprechende Ausstellung zu gestalten, sagte Schmid. Zudem nutze der Pavillon auch seine einmalige Lage direkt an der Lagune nicht – es gebe zum Wasser hin noch nicht einmal ein Fenster. „Natürlich ist der Pavillon nur eine Hülle, aber bei einer so wichtigen Ausstellung wie der Biennale kommt es auch auf die Hülle an“, sagte der Kammerpräsident. „Sie ist die erste Botschaft für die Besucher.“

Der historische Wert des Hauses rechtfertigt seiner Ansicht nach nicht den Erhalt. Auch der italienische Denkmalschutz sei aller Voraussicht nach keine unüberwindliche Hürde, so Schmid. Er schlug vor, für den Neubau einen Architektenwettbewerb auszuschreiben. „Vielleicht können wir dann schon bei der Architektur-Biennale 2014 in einem neuen, der großen Tradition deutscher Baukultur verpflichteten Pavillon ausstellen? Das wäre ein würdiges Signal zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls und der friedlichen Revolution in Ostdeutschland, die Voraussetzung für das vereinte Deutschland waren.“

Seit Anfang der Achtzigerjahre findet dort auch – alternierend zur Kunstausstellung – die Architektur-Biennale statt. Der Regisseur Christoph Schlingensief, der den deutschen Pavillon bei der nächsten Kunst-Biennale 2011 gestalten wird, hatte sich gewünscht, das Haus „auf Knopfdruck wegklicken“ zu können. „Ich muss alle enttäuschen, die schon in Bayreuth enttäuscht waren. Ich werde keine Nazi-Nummer geben! Warum auch?“ sagte der an Krebs erkrankte Schlingensief (49) in einem Gespräch mit dem Magazin „Focus“. Schlingensief hatte in Bayreuth Richard Wagners „Parsifal“ inszeniert. In Venedig hätten sich bereits so viele Künstler vor ihm von Haacke bis Genzken mit der Architektur auseinandergesetzt, „was soll ich da noch sagen?“

Schlingensief: "Das hat Richter nicht nötig"

Die Kritik des Künstlers Gerhard Richter an seiner Venedig- Berufung versteht Schlingensief nicht. Richter habe so etwas nicht nötig. Richter hatte kritisiert, dass mit Schlingensief ein Performer ausgewählt worden sei. „Er kennt nur die Malerei? Das kann ich kaum glauben“, meinte Schlingensief dazu, der zurzeit an seinem „Operndorf“ im afrikanischen Burkina Faso arbeitet. Im November sollen dort die ersten Musik- und Filmklassen ihre Arbeit aufnehmen.

Von den Gesamtkosten für das Dorf in Höhe von 1,8 Millionen Euro fehlen seinen Angaben zufolge noch fast 80.0000 Euro, trotz großzügiger Unterstützung von Prominenten wie Herbert Grönemeyer, Henning Mankell, Brigitte Oetker und Roland Emmerich, die jeweils 100.000 Euro gespendet hätten. Auch das Goethe-Institut und die Bundeskulturstiftung unterstützten das Projekt. „Nur das Auswärtige Amt hat mir unter Westerwelle 100.000 Euro gestrichen, die mir der Ex-Minister Steinmeier allerdings zugesichert hatte.“

Auf seine Krebserkrankung angesprochen, meinte Schlingensief, im Moment sehe es so aus, „dass ich wohl länger lebe, als alle und ich zusammen gedacht haben“. Es sei aber „sehr beunruhigend“ für ihn, „nach der Totalkatastrophe wieder ganz der Alte sein zu sollen. Das schaffe ich nicht so gut, wie viele denken. Die Ängste bleiben und auch das Gefühl, dass es nie mehr so wie früher sein wird.“ Er lebe jetzt „vielleicht so verzweifelt intensiv wie noch nie zuvor“.