Maler Georg Baselitz

"Nazi-Architektur nicht schlecht für Kunst"

Der Präsident der Bundesarchitektenkammer fordert den Abriss des deutschen Pavillons in Venedig. "Unsinn", antwortet Georg Baselitz.

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Morgenpost Online: Der oberste Architekt des Landes, Sighart Schmid, fordert, den deutschen Pavillon auf dem Biennale-Gelände in Venedig abzureißen und durch einen neuen zu ersetzen. Das Gebäude von 1938 entspräche "nicht mehr unserem demokratischen Staatsverständnis". Hat er Recht?

Georg Baselitz: Ich bin auf einem Dorf großgeworden, wo das Schloss als Symbol des Feudalismus abgerissen wurde. Seitdem weiß ich: Man kann Geschichte nicht neu schreiben, indem man Gebäude abreißt. Nur weil einem die Story dahinter nicht passt. Das ist Unsinn.

Morgenpost Online: Schmid behauptet zudem, dass man im deutschen Pavillon nur schwierig Kunst zeigen kann.

Baselitz: Dann müsste man sehr viele Museen abreißen. Im Guggenheim in New York kann man auch nur schwer Kunst zeigen, und trotzdem ist noch keiner auf die Idee gekommen, das Guggenheim zu planieren.

Morgenpost Online: Ganz konkret: Wieso ist es schwer, im deutschen Pavillon auszustellen? Sie müssen es wissen, da Sie selbst 1980 neben Anselm Kiefer der Vertreter Deutschlands waren.

Baselitz: Es ist überhaupt nicht schwer, dort Kunst auszustellen. Im Gegenteil. Das wird nur hineininterpretiert, weil es ein faschistischer Bau ist. Viele Bauten auf dem Biennale-Gelände haben diesen Ursprung und sie sind nicht unbedingt schlecht für die Kunst. Als ich das vorletzte Mal dort ausgestellt habe, habe ich erneut in einem faschistischen Bau ausgestellt, dem Venezia Pavillon. Der ist tatsächlich schwer zu bespielen, aber nur, weil es ein sehr schmaler Gartenpavillon ist. Auch in München hieß es immer wieder, man könne im Haus der Kunst schlecht Kunst zeigen. Dabei ist es doch so: Es gibt für einen Künstler keinen schöneren Ausstellungsort in München.

Morgenpost Online: Ihr Biennale-Auftritt wurde 1980 stark kritisiert ...

Baselitz: ... Sie untertreiben. Ein Fernsehbericht über Kiefer und mich im deutschen Pavillon wurde tatsächlich mit dem Horst-Wessel-Lied unterlegt. Wir wurden beide unter Naziverdacht gestellt und nieder gemacht.

Morgenpost Online: Aber an diesem Interpretationsfehler war doch bestimmt der Pavillon mitschuldig ...

Baselitz: ... das mag sein. Ich glaube aber auch, dass es die Folge unserer schrecklichen Geschichte ist, dass sich in Deutschland ein dreistes Besserwissertum ausgebreitet hat, was sich damals besonders eklatant zeigte. Grundsätzlich ist es so, dass ich angebotene Ausstellungsräume einfach nutze, für Arbeiten, die ich immer im Atelier mache. Ich beziehe mich niemals auf architektonische Vorgaben, so geschichtsträchtig sie auch sein mögen. Der Interpretationsfehler hat mehr über andere ausgesagt als über mich.

Morgenpost Online: Sie zeigten dort ihre erste Skulptur, ein sitzenden Mann mit erhobenem Arm. Man hat darin natürlich einen Hitlergruß gesehen ...

Baselitz: Nein, in aller Unschuld: Da hatte ich überhaupt nicht dran gedacht. Wobei ich immer bereit bin, neue Interpretationen zuzulassen.

Morgenpost Online: Was empfehlen Sie den nächsten Künstlergenerationen, die den Pavillon bespielen werden, sollte er nicht abgerissen werden?

Baselitz: Ich bezweifle ja, dass dort in Zukunft überhaupt noch Künstler ausstellen. Ich tippe, dass demnächst Fernsehköche eingeladen werden. Die sind sehr beliebt und garantieren Aufmerksamkeit.

Morgenpost Online: Und wenn es doch Künstler sind?

Baselitz: Dann sollten sie mit dieser zwanghaften Stoffsuche in der Geschichte aufhören und sich anderen, glücklicheren Neurosen zuwenden. Das große Unglück unserer Geschichte ist so belastend, auch für die nachfolgende Generation, dass ich nicht finde, dass man mit diesem Stoff leichtfertig kokettieren sollte.

Morgenpost Online: Was war der Ihrer Meinung nach beste deutsche Beitrag?

Baselitz: Der von Joseph Beuys, 1976. Seine Straßenbahnhaltestelle. Beuys war, wie jeder Künstler seiner Generation, noch legitimiert, den Versuch zu wagen, sich ästhetisch an dieser Zeit abzuarbeiten. Wie er das gemacht hat, das fand ich sehr eindrucksvoll.

Morgenpost Online: Und der schlechteste?

Baselitz: Der von Hans Haacke. Die Idee, den Boden zu zertrümmern, um auf den faschistischen Ursprung des Pavillons zu verweisen, war einfach nur dumm. Aber bestimmt entsprach sie schon 1993 dem "demokratischen Staatsverständnis", von dem jetzt der Chef der Architektenkammer spricht.