Fantasy

"Die Legende von Aang" patzt in 3D

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Sascha Westphal

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Kinoadaption der Fernsehserie "Avatar" ist dem indischen Regisseur M. Night Shyamalan etwas über den Kopf gewachsen.

Seit seinem sensationellen Erfolg mit der doppelbödigen Geistergeschichte „The Sixth Sense“ hat sich der aus Indien stammende Filmemacher M. Night Shyamalan eine ganz eigene Nische in der Traumfabrik erschaffen. Sein Kino der Andeutungen und der Auslassungen, der Reduktionen und der (Selbst)Täuschungen ist zwar im Laufe der Jahre immer stärker angefeindet worden, meist von amerikanischen Kritikern genauso wie von Internetnutzern auf der ganzen Welt. Aber Shyamalan ist sich trotz allem treu geblieben. Mit seinen beiden letzten Arbeiten, dem düster-poetischen Märchen „Das Mädchen aus dem Wasser“ und dem verstörend nüchternen Weltuntergangsszenario „The Happening“, hat er dann zu einem ästhetischen und gedanklichen Purismus gefunden, der im gegenwärtigen Kino seinesgleichen sucht. Ein Endpunkt war erreicht.

Noch ist es zu früh, von einer neuen Phase in M. Night Shyamalans Schaffen zu sprechen. Doch in „Die Legende von Aang“, seiner Adaption der amerikanischen Anime-Kinderserie „Avatar – Der Held der Elemente“, deutet sich zumindest der Beginn einer Neuerfindung seinerseits an. Im Prinzip hat er zwar schon immer mit Fantasy-Elementen in seinen Filmen gearbeitet, doch bisher war das Phantastische bei ihm immer fest in unserer alltäglichen Realität verankert. Seine Filme erzählten jedes Mal vom Einbruch des Unerklärlichen in eine durch und durch rationale Welt, die so in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Nun hat Shyamalan erstmals die Wirklichkeit ganz weit hinter sich gelassen und entführt sein zudem viel jüngeres Zielpublikum in eine durch und durch mythische Parallelwelt.

Bis vor hundert Jahren war die Welt noch im Gleichgewicht. Jede der vier mit den Elementen verknüpften Nationen, das Erdkönigreich, die Wasserstämme, die Luftnomaden und die Feuernation, hatte ihr eigenes Reich und konnte dort prosperieren. Bestehende Konflikte und Rivalitäten wurden von dem Avatar, einer über magische Kräfte verfügenden Erlöserfigur, überwacht und beigelegt. Doch dann ist Aang (Noah Ringer), der Junge, in dem die Mönche der Luftnomaden die Reinkarnation des verstorbenen Avatar erkannt haben, einfach verschwunden. Er wollte den Verpflichtungen seines Lebens als Auserwählter entgehen und weiter ein normales Kind sein.

Hundert Jahre später hat die Feuernation mit ihren Feuerbändigern und ihren Kriegsmaschinen fast die ganze Welt unterjocht. Den Angehörigen der anderen Nationen ist es verboten, ihre magischen Kräfte zu nutzen. Alles scheint schon entschieden. Doch dann wird Aang von der jungen Wasserbändigerin Katara (Nicola Peltz) und ihrem Bruder Sokka (Jackson Rathbone) zufällig aus dem Eis, in dem er die ganzen Jahre geschlafen hat, befreit. Nun muss er, der letzte der Luftbändiger, sich die Fähigkeiten der anderen Nationen aneignen.

Die Fernsehserie, auf die M. Night Shyamalan durch seine Kinder aufmerksam geworden ist, war letztlich ein extrem eklektisches Sammelsurium klassischer Fantasy-Ideen. Dieses auf teils noch sehr junge Zuschauer zugeschnittene Amalgam asiatischer wie westlicher, alter wie neuzeitlicher Mythen wuchert auch in Shyamalans Adaption noch wüst vor sich hin. Wirklich zusammen kommen die einzelnen Elemente und Einfälle nicht. Aber gerade das dürfte für den eigenwilligen Filmemacher den Reiz des Projekts ausgemacht haben.

So brüchig und widersprüchlich wie die Welt des Films sind auch die Figuren, die sie bevölkern. In der Regel sind die Grenzen zwischen Gut und Böse in diesem Genre sehr klar gezogen. Auf den ersten Blick scheint dies auch für „Die Legende von Aang“ zu gelten. Doch Shyamalan bringt die zunächst klaren Verhältnisse mit einigen innerlich zerrissenen, das Gute wie das Böse in sich tragenden Charakteren immer weiter in Unordnung. Mit Aangs Gegenspieler, dem Prinzen Zuko (Dev Patel), hat er sogar die am vielfältigste schillernde Figur seines gesamten Œuvres geschaffen. Zuko war seinem Vater, dem Herrscher der Feuernation, nie hart und skrupellos genug. Also hat er ihn verstoßen. Er darf nur zurückkehren, wenn er ihm den Avatar bringt. Als Verbannter ist Patels Prinz wie Aang ein Außenseiter, ein vom Schicksal Bestrafter, der in jedem Moment mit sich selbst ringt und daran fast zerbricht. Seine Sehnsucht nach der Heimat und sein natürliches Streben nach Güte und Gerechtigkeit machen ihn zu einem unvergesslichen tragischen Charakter.

Trotz seiner bemerkenswerten Figurenzeichnungen und einiger sehr deutlicher allegorischer Anspielungen auf die großen Konflikte des frühen 21. Jahrhunderts ist M. Night Shyamalan die eigene Neudefinition als Hollywood-Filmemacher nur bedingt geglückt. Gerade in den Action-Sequenzen, die er zuvor immer so konsequent heruntergespielt oder sogar ganz ausgeblendet hat, scheint er die Kontrolle über dieses Riesenprojekt verloren zu haben. Daran ist aber auch das Studio Schuld. Die rein ökonomischen Erwägungen folgende Entscheidung, den in 2D gedrehten Film nachträglich in 3D zu konvertieren, hat sich in ästhetischer Hinsicht als desaströs erwiesen. Durch sie wirken nicht nur die schnellen Kampfszenen hölzern. Sie hat Shyamalans Fantasy-Welt auch ihren visuellen Zauber genommen.

Kinostart ist am 19. August 2010