Filmkritik

Mademoiselle Chambon verführt den Bauarbeiter

Der Franzose Stephane Brize zeigt in "Mademoiselle Chambon", wie zwei Liebende die Klassenschranken überwinden.

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Frankreich ist neben England die letzte wirklich strikte Klassengesellschaft Europas. Wobei die Klassenzugehörigkeit dort nicht nur nach Einkommen und Herkunft definiert wird, sondern auch nach dem, was der Soziologe Pierre Bourdieu „die feinen Unterschiede“ genannt hat: Geschmackliche Vorlieben, Kleidung und Bildungskapital. Französische Filme handeln deshalb häufig von der Überwindung solcher Grenzen. In „Lust auf anderes“ verliebte sich ein Bauunternehmer in eine Schauspielerin, in „Jet Lag“ erweichte eine provinzielle Kosmetikerin das Herz eines weitgereisten Starkochs, und in „Man muss mich nicht lieben“ erblühte ein Gerichtsvollzieher bei einer Tangolehrerin. Regie bei „Man muss mich nicht lieben“ führte 2005 Stephane Brize.

Auch in seinem neuen Film „Mademoiselle Chambon“ geht es um zwei Liebende, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Jean (Vincent Lindon) ist ein guter Vater, ein guter Ehemann und ein guter Maurer. Deshalb zögert er nicht lange, als die Lehrerin (gespielt von Sandrine Kiberlain) seines kleinen Sohnes ihn bittet, vor der Klasse von seiner Arbeit zu erzählen. Der Vortrag wird zu einem so großen Erfolg, dass das Interesse der Lehrerin an Jean erwacht. Sie öffnet ihm zuerst ein Fenster in ihrer Wohnung und dann ihr Herz.

Jean ist nicht nur von Mademoiselle Chambons spröder Schönheit angetan, sondern auch von der unbekannten Welt der Kunst, die sich ihm durch die Bekanntschaft mit ihr eröffnet. Genau wie der Gerichtsvollzieher in „Man muss mich nicht lieben“ hat der Bauarbeiter Jean in „Mademoiselle Chambon“ auch einen alten Vater, der misslaunig an der Schwelle des Todes steht. Die beiden suchen sogar schon gemeinsam einen Sarg aus. Das kann einen Mann in den besten Jahren natürlich dazu bringen, die Selbstverständlichkeiten der eigenen Existenz kritisch in Frage zu stellen.

Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain spielen diese Geschichte zweier widerstrebender Ehebrecher so wundervoll zurückhaltend, dass man geneigt wäre zu sagen: Das können nur die Franzosen. Aber manchmal fühlt man sich auch an die unmöglichen Liebesgeschichten in Filmen des Briten Ken Loach erinnert. Das kann natürlich daran liegen, dass auch bei Loach manchmal Bauarbeiter durch romantische Anwandlungen überraschen.