Jacksons "In meinem Himmel"

So tröstlich kann der Mord an einem Teenager sein

Alles so schön bunt hier: Peter Jackson ("Der Herr der Ringe"-Trilogie) hat Alice Sebolds Romanbestseller "In meinem Himmel" als farbenfrohes Fantasy-Spektakel mit Krimielementen verfilmt. Darin spaziert eine bereits ermordete 14-Jährige durch eine Zwischenwelt und verbreitet trotz ihres Todes Trost.

Die Angst vor dem Tod scheint unbegründet zu sein. Nach dem Ende lebt man in einer kunterbunten Zwischenwelt weiter, ganz so als befände man sich auf einem angenehmen, wunderbar entspannten LSD-Trip. "Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch; Vorname Susie", sagt die Heldin aus "In meinem Himmel" gleich zu Beginn des Films. "Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde."

Auf dem Weg zu ihrem Schulschwarm wird sie von ihrem Nachbarn Mr. Harvey in eine Falle gelockt. Jetzt schaut sie auf ihre trauernden Eltern in Pennsylvania, die verzweifelt nach dem Täter suchen, schaut auf den Täter, der in seinem penibel aufgeräumten Haus seelenruhig Puppenstuben bastelt, schaut auf ihren Schwarm, der immer wieder den Ort aufsucht, an dem er sie eigentlich hätte treffen sollen.

Soll sie, dass ist in etwa die Frage des Films, in dem Reich zwischen Leben und Tod verbleiben, um ihren Eltern und ihrem Schwarm näher zu sein? Oder soll sie - schließlich geht das Leben weiter - sich lieber ins Reich der Toten verabschieden?

Man könnte sagen, "In meinem Himmel" sei ein Film über das Loslassen. Weil in Peter Jacksons neuem Werk aber über zwei Stunden lang nicht losgelassen wird, ist er außerdem ein Krimi, ein Serienkillerporträt, ein Familiendrama, eine Kitsch-Fantasie und ein Film über eine unerfüllte Teenagerliebe. Er ist von allem reichlich und letztlich auch ein bisschen zu viel, weil Jackson keine Gelegenheit auslässt, seine Special-Effects-Maschinen anzuwerfen, die er sich seit dem Dreh der "Herr der Ringe"-Trilogie zugelegt hat.

Da wechseln die Jahreszeiten im Minutentakt, werden Regenbögen aufgezogen, sterben Bäume, die eben noch in voller Blüte standen, spontan ab, zerspringen riesige Buddelschiffe in der Brandung, wird überhaupt jede Gefühlsregung, die Susie in ihrem Zwischenreich zeigt, in ein symbolträchtiges, farbenprächtiges und natürlich vollständig digital bearbeitetes Bild verwandelt. Das ganze Universum als Susies Salmons hochtechnisiertes Stimmungsbarometer.

Wenn es um Susies Blick auf die Lebenden geht, hat Peter Jackson sich zum Glück für eine etwas reduziertere Bildsprache entschieden, in der endlich auch die Schauspieler zur Geltung kommen. Rachel Weisz und Mark Wahlberg spielen die Eltern, die sich auf der Suche nach Susies Mörder voneinander entfremden. Stanley Tucci ist als Kindermörder ein besorgniserregender, verklemmter Pedant mit ordentlich gestutztem Schnauzbart und übler Goldrandbrille.

Ohnehin wird in puncto Ausstattung Erhebliches geleistet. Peter Jackson bildet eine derart detailreiche 70er-Jahre-Vorort-Welt ab, die mehr 70er-Jahre ist, als die Siebziger selbst es je waren. Die "Patridge Family"-Poster an den Wänden, die beigen Cordhosen, die Langhaarperücke von Mark Wahlberg und die überdimensionierten Lockenwickler in Susan Sarandons Frisur, die als Susies Großmutter überhaupt einer der Höhepunkte des Films ist.

Herrlich derangiert, stets mit einer Zigarette zwischen den Lippen und einem Glas Whiskey in der Hand, will sie im Haus der Salmons für Unterstützung sorgen, doch schon der simple Versuch, einen Kaffee zu kochen, zieht bei ihr eine Spur der Verwüstung nach sich. Sie ist das heitere Zentrum des Films und erteilt den Salmons nebenbei eine wichtige Lektion: Das Leben geht weiter, konzentriert euch auf die kleinen Dinge, versucht Kessel von Kaffeewasser aufzusetzen, ohne das Haus dabei in Brand zu stecken.

Neigte Peter Jackson bei seiner im Grunde völlig überbewerteten "Herr der Ringe"-Trilogie noch zu einer unangenehmen Schwerfälligkeit, gelingt ihm mit "In meinem Leben" bei einem ungleich heikleren Thema eine Leichtigkeit und Eleganz, die selbst die kitschigen Momente vergessen macht.

Wie er zwischen der Trauer der Eltern und den verblüffend unlarmoyanten Ausführungen des Mädchens hin- und herschaltet, dann die Zuschauer mit auf Täterjagd nimmt, dann wieder die Verbitterung und seelische Verwüstungen der Hinterbliebenen ins Zentrum rückt, den Ruf nach Rache oder mindestens Gerechtigkeit laut werden lässt, um dann einfach loszulassen, das ist schon große Kunst.

Wobei nicht verschwiegen sollte, dass der Film in den USA vor allem bei Lesern des Romans auf wenig Gegenliebe stieß. Und auch der unbekümmerte Tonfall fand nicht nur Freunde. Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert schrieb beispielsweise, es sei die Botschaft von Jacksons Films, dass man als Mädchen, das brutal vergewaltigt und ermordet wird, noch eine Menge hat, auf das man sich freuen könne. Man kann aber auch sagen, dass "In meinem Himmel" ein tröstlicher Film ist, jedenfalls so tröstlich, wie ein Film über einen Mord an einem Teenager sein kann.