Scorseses "Shutter Island"

DiCaprio und die Nazi-Methoden der US-Ärzte

Ein Fest für Verschwörungstheoretiker: In Martin Scorseses auf der Berlinale vorgestelltem Thriller "Shutter Island" verschlägt es Leonardo DiCaprio auf eine mysteriöse Insel. Hier stellen US-Ärzte üble Experimente mit Gefangenen an. Werden hier Menscher-Roboter für eine Kriegsführung geschaffen?

Eine der berühmtesten Kontroversen über die Frage, wie sehr ein Regisseur seine Zuschauer belügen darf, drehte sich um Alfred Hitchcocks „Die rote Lola“. Zu Beginn erzählt ein junger Mann (Richard Todd) seiner Freundin (Jane Wyman), dass er verdächtigt wird, den Mann seiner Geliebten (Marlene Dietrich) umgebracht zu haben. Er habe zwar die Leiche gefunden – was wir in einer Rückblende sehen –, aber die wahre Mörderin sei die Geliebte. Nun soll die Freundin ihm helfen, seine Unschuld zu beweisen.

Am Anfang von Martin Scorseses „Shutter Island“ sehen wir Edward Daniels (Leonardo DiCaprio), wie er auf einer Fähre zu einer Insel vor der amerikanischen Ost-Küste übersetzt. Man schreibt das Jahr 1954, mit ihm an Bord ist Chuck Aule (Mark Ruffalo), ebenfalls ein US-Marshal, und beide haben die Aufgabe, eine Ausbrecherin zu finden.

Auf der titelgebenden Insel liegt eine Anstalt voll von gefährlichen geisteskranken Kriminellen, und aus der ist die Mörderin dreier eigener Kinder entlaufen. Wir sehen die Fähre, wir sehen Edward und Chuck, und wir sehen das schroffe Eiland vor düster dräuenden Wolken – und doch wird sich diese ganze erste Sequenz als Lüge hinausstellen. Oder zumindest als Täuschung.

„Shutter Island“ ist die Geschichte mehrerer Aufschübe. Ursprünglich wurde Wolfgang Petersen als Regisseur ausersehen, dann war die Kombination David Fincher & Brad Pitt im Gespräch, schließlich kamen Scorsese & DiCaprio an Bord. Ursprünglich sollte der Film schon vorigen Oktober in die Kinos, doch dann ging Paramount in der Rezession das Geld für die Vermarktung aus, und „Shutter“ wurde ins folgende Jahr geschoben, wenn ein neues Budget vorhanden sein würde.

Diesen Umständen verdankt die Berlinale einen (zunächst) sehr konventionellen Thriller. DiCaprio und Ruffalo betreten die Insel zu Unheil annoncierendem Bass-Schrum-Schrum, sie werden von Wachleuten mit gezückten Gewehren empfangen, der Oberwachmann nimmt ihnen ihre Dienstpistolen ab.

Dann werden sie Dr. Cawley vorgestellt, dem Leiter der Institution: Es ist ein dermaßen freundlicher und zivilisierter Glatzkopf, dass er auf jeden Fall etwas verbergen muss – zumal er von Ben Kingsley gespielt wird.

Früh beginnt Scorsese damit, nicht nur die Nerven des Publikums zu unterminieren, sondern auch seinen eigenen Helden. Daniels ist seekrank, wird von Migräneanfällen geplagt, und in seiner Biografie stecken zwei Traumata: Er gehörte zu den US-Truppen, die das KZ Dachau befreiten, und hat dort an einer Massakrierung von Aufsehern teilgenommen – und seine Frau kam bei einer Brandstiftung ums Leben, deren Schuldiger dafür nie verurteilt wurde.

So beginnt Scorsese, zwei Spuren zu legen. Die erste ist die von Daniels’ eigener psychischer Labilität, und die andere führt zu einer ungeheuerlichen Verschwörungstheorie. Die Nazis haben in ihren Konzentrationslagern Experimente mit Menschen angestellt, die Nordkoreaner gefangene US-Soldaten Gehirnwäschen unterzogen – und nun probiert die amerikanische Regierung möglicherweise auf dieser weltabgeschiedenen Insel an hilflosen Patienten noch Schlimmeres: Lobotomie, eine Gehirnoperation, womit die Persönlichkeit verändert, Erinnerung gelöscht, Gefühle gedämpft und Schmerz ausgeschaltet wird. Perfekte Roboter für eine erfolgreiche Kriegsführung.

Damit scheint Scorsese in dem Genre angekommen, das in den Siebzigern von New Hollywood und Francesco Rosi und Damiano Damiani in Italien gepflanzt wurde und seitdem nie aufgehört hat zu blühen: dem Verschwörungstheoriefilm. Immer ist irgendwo eine Regierung, ein Geheimdienst oder ein fanatischer Orden dabei, die Weltläufte in Unordnung zu bringen. Inzwischen hat das Internet die Anzahl der Theorien ins Unendliche multipliziert, und irgendwo dürfte sicher auch das Gerücht einer von der CIA lobotomierten Geisterarmee umherschwirren.

Nun läuft Scorseses „Shutter Island“ allerdings eher auf das Gegenteil hinaus: auf den Film, der mit großem Aufwand einen Verschwörungspopanz aufplustert, um ihm am Schluss völlig die Luft abzulassen – und ihn, zugegeben, durch eine ganz andere Verschwörung zu ersetzen.

Scorsese folgt sehr eng dem gleichnamigen Roman von Dennis Lehane, und wer den (und seine Wendungen) kennt, dem bleibt nicht viel mehr, als amüsiert zu verfolgen, wie Scorsese seine Zuschauer in die Irre führt. Hitchcock leistete sich eine gelogene Rückblende, denn der junge Mann stellte sich doch als Mörder heraus, und bei Scorsese ist alles Täuschung: die Hauptfigur betrügt sich selbst, alle anderen Figuren betrügen die Hauptfigur, und der Regisseur betrügt den Zuschauer.

Keine Angst, was hier – zwecks Spannungserhalt – verwirrend formuliert ist, wird vom Regisseur durchaus eindeutig aufgeklärt. Dass Scorsese Zweifel so gründlich in Gewissheit verwandelt, ist beinahe schade. Vielleicht hat er das auch selbst so gesehen, denn in der allerletzten Szene sät er wieder eine kleine Unsicherheit, die allerdings am Gesamtbild nichts ändert. Mehr Zweideutigkeit hätte ein so teurer Film für Leonardo-Fans wahrscheinlich auch nicht vertragen.

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