Wenn Claudio Abbado am heutigen Mittwochabend den Stab hebt zum Sonderkonzert der Berliner Philharmoniker, so erinnert das an Ehrungen unmittelbar nach Mahlers Tod. Die Berliner Philharmoniker spielten in den Jahren 1911 und 1912 nicht weniger als drei große Gedächtniskonzerte für den mit nur 51 Jahren verstorbenen Komponisten. Auch die Königliche Hofkapelle kondolierte noch irgendwie rechtzeitig: Richard Strauss führte im Dezember 1911 die 3.Symphonie auf.

Gustav Mahlers Beziehungen zu Berlin waren durchaus ambivalent. Für seine Abneigung gab es reichlich Gründe: die Zerstörungswut der Musikkritiker, die dominante Rolle seines Konkurrenten Arthur Nikisch und nicht zuletzt das schwer nervende Ehepaar Richard und Pauline Strauss. Mit diesen drei Berliner Instanzen musste er jedoch klarkommen, um als Komponist anerkannt zu werden.

Und da Mahler vor nahezu nichts zurückschreckte, wenn es um seinen Erfolg ging, kam er mit ihnen auch klar. Strauss ebnete ihm den Weg nach Berlin; allerdings reichte es im März 1895 nur für die ersten drei Instrumentalsätze der ‚Auferstehungs-Symphonie', die Uraufführung des vollständigen Werkes folgte, wiederum unter Mahlers Leitung, im Dezember desselben Jahres. Ein wohlhabender Freund hatte die Partitur drucken lassen und das Konzert finanziert.

An der Armutsgrenze spielend

Die Berliner Philharmoniker, damals an der Armutsgrenze siedelnd, pflegten ihr Podium an Dirigenten und Komponisten zu vermieten – keine billige Angelegenheit, der Konzertagent Hermann Wolff verlangte 500 Goldmark für die Aufführung einer Novität. Immerhin, die Investition lohnte sich, schon 1896 erschien Mahler erneut und dirigierte seine 1. Symphonie. Die etwas herablassende Art, die Mahler gelegentlich Strauss gegenüber an den Tag legte, war in diesem Punkt unbegründet. Strauss förderte ihn stark, brachte mit der Hofkapelle 1909 die 1. und 4. Symphonie zur Aufführung und 1913 das „Lied von der Erde“.

Auch den vermeintlichen Berliner Widersacher Numero zwo hatte Mahler halbwegs gezähmt. Arthur Nikisch, kurzzeitig sein Vorgesetzter am Leipziger Stadttheater, leitete seit 1895 die Berliner Philharmoniker. Natürlich verfolgte Nikisch die Karriere des aufstrebenden jungen Österreichers mit professionellem Misstrauen, verweigerte ihm aber keineswegs seine Unterstützung. 1896 setzte er einen Satz aus dessen 3. Symphonie aufs Programm, 1905 folgte die 5. Symphonie. Nikisch war es auch, der im Oktober 1911 das große philharmonische Gedächtniskonzert zu Ehren Mahlers leitete. Es erklang, fast unvermeidlich, die „Auferstehungs-Symphonie“. In jenen Jahren bekannten sich sogar schon einige Berliner Kritiker zu Mahler. Anfangs hatten sie seine 1., 2. und 4. Symphonie „blutrünstig abgeschlachtet“, wie sich der Komponist bis zum Ende seines Lebens erinnerte; doch allmählich begriffen sie seine Größe.

Strauss, Nikisch und die Kritik, nicht zuletzt Berlins Ruf als kommende Musikmetropole des Kontinents – das alles besaß für Mahler eine besondere strategische Bedeutung. Doch es existierten auch Herzensbeziehungen. Seitdem der ohnehin Ruhelose an einem Wintertag 1895 nach Zehlendorf gepilgert war, um bei einem Gießer „in der Nähe des Grünewalds“ eine geeignete Glocke für seine „Auferstehungs-Symphonie“ herstellen zu lassen, symbolisierte die Reichshauptstadt für ihn ewiges Unterwegssein, Unrast, Hektik. Von Wien etwas gemütlichere Gangarten gewöhnt, vermochte er die Berliner Strapazen nur durch ausgiebigen Morgen- und Nachmittagsschlaf zu kompensieren. So etwas wie Erholung kam für Mahler sowieso kaum in Betracht, schon gar nicht in Berlin. Er traf seinen langjährigen Freund Emil Berliner, traf Max Reinhard und Gerhard Hauptmann, Walter Leistikow und leider auch immer wieder das Ehepaar Strauss, wobei ihn Pauline „mit einem Wolkenbruch von Tratsch über sämtliche finanziellen und sexuellen Ereignisse“ der letzten Jahre überschüttete. Er wohnte elitär, Grand Hôtel de Rome, Palast Hotel, Kaiserhof, fühlte sich aber in ordinären Eckkneipen wohler. Er besuchte Konzerte, Theater, Museen und liebte die Hochbahn. Er genoss das urbane Treiben bis zur Totalerschöpfung. In einem Brief aus dem Jahre 1907 an Alma Mahler heißt es: „Also, mein Almschi, heute ist der letzte Tag in Berlin! Gott sei Dank! Ich bin schon ganz zerrissen.“

Nach seinen philharmonischen Konzerten 1895 und 1896 dirigierte Mahler nur noch zwei Mal in Berlin: 1901 ein nicht näher bezeichnetes Orchester, dort gab es kurz nach der Münchener Uraufführung die 4. Symphonie, und 1907 die Philharmoniker mit der 3. Symphonie. Hierbei agierte Mahler als Einspringer für Nikisch, der kurzfristig ein Londoner Engagement vorgezogen hatte. Die seltene Präsenz auf dem Podium bedeutete indes nicht Abwesenheit. Mahler besuchte Berlin häufiger, überließ aber gern den Taktstock anderen, vor allem Oskar Fried. Ohne diesen skurrilen, genialischen Berliner kann man Mahlers Karriere kaum erklären; Fried war für seinen Nachruhm wichtiger als seine Interpreten Strauss, Klemperer, Walter und Bernstein zusammen.

Die beiden dirigierenden Komponisten lernten einander 1905 kennen anlässlich der Wiener Aufführung von Frieds Werk „Das trunkene Lied“. Politisch standen beide der Arbeiterbewegung nahe, was den Umgang wohl erleichterte, den Fried andererseits durch pausenloses Gequassel im Berliner Jargon belastete. Mahler schwärmte trotzdem in seinen Briefen an Gattin Alma emphatisch von diesem Kollegen, „ein sehr origineller und eigenartiger Patron“ sei das, „ein Prachtkerl“.

Hartnäckiger Förderer

Niemand war hartnäckiger als Fried, wenn es um die Förderung von Mahlers Musik nach dessen Tod ging. 1923 sorgte er zusammen mit dem Orchester der Berliner Staatsoper, der vormaligen Hofkapelle, für die 83minütige Schallplattenaufzeichnung von Mahlers Zweiter – eine bis dato unbekannte Dimension. Zur selben Zeit präsentierten die Berliner Philharmoniker unter Klaus Pringsheim den ersten deutschen Mahler-Zyklus. Bis 1933 blieb sein Werk ein Stützpfeiler des Repertoires, nach 1945 kehrte es schnell in die Konzertsäle zurück. Daran konnten auch Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache und Herbert von Karajan nichts ändern, drei Berliner Dirigenten, die eine auffällige Distanz zu Mahler pflegten.

Seinen größten Berliner Triumph feierte Mahler 1907. Es war kein musikalischer. Am 5. Juni traf er im Hotel Kaiserhof Heinrich Conried, den Direktor der New Yorker Met, und unterzeichnete einen Vertrag mit utopischer Gage. Nach Berlin ist er nie mehr zurückgekehrt.

Die Berliner Philharmoniker geben unter Leitung ihres früheren Chefdirigenten Claudio Abbado heute (18. Mai 2011) um 20 Uhr ein Sonderkonzert anlässlich des 100. Todestages von Gustav Mahler. Auf dem Programm stehen das Adagio aus der 10. Symphonie, gefolgt von „Das Lied von der Erde“. Karten: 70 bis 220 Euro. Tel.: (030) 25488999.

Die New York Philharmonic gastiert unter Leitung von Alan Gilbert am 19. Mai 2011 um 20 Uhr in der Philharmonie. Auf dem Programm: Kindertotenlieder und Symphonie Nr. 5. Karten: 65 bis 120 Euro. Tel.: (030) 8264727

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt präsentieren Schauspieler Dominique Horwitz und Mezzosopranistin Iris Vermillion präsentieren Mahler heute (18. Mai 2011) um 20 Uhr im Programm „Ich kann keinen verneinen“. Karten: 16 und 21 Euro. Das Konzerthausorchester spielt unter Leitung von Peter Ruzicka am 20./21. Mai 2011. u.a. Mahlers Vierte. Karten: 19 bis 50 Euro. Tel.: (030) 203092101