Man muss Gustav Mahler nicht mögen. Der Pianist Glenn Gould schrieb 1974, allergisch gegen die allseits ausposaunte Mahler-Renaissance, dass "Gustav Mahler ein recht fieser Mann war - erbarmungslos opportunistisch, munter gleichgültig gegen die Zerbrechlichkeit irgendeines andern Ichs als des seinen". Und noch vor zehn Jahren, nachdem fast jeder deutsche Musikgeschichtsprofessor, der etwas gelten wollte, ein Buch über Mahler vorgelegt hatte, schuf der Pianist Alfred Brendel ein Gedicht voller Galle, dessen Bezugsperson leicht auszumachen ist: "Komponieren kann der Gustav / uns mit der Ewigkeit anwehen / darin kennt er sich aus / Symphonien mit Schlußchor / da weiß er wo Gott wohnt".
Die Auseinandersetzung um Mahler war lange ideologisch besetzt. Seinen Anhängern galt der Komponist - 1860 geboren und 1911 gestorben - als Galionsfigur der Wiener Moderne, als geistiger Vater von Arnold Schönberg, als ein wegen seiner jüdischen Herkunft geschmähtes Genie. Wer in Mahlers Musik nicht mehr erblicken wollte als monumentale Jammerlappen-Symphonik oder zum kosmischen Imperium aufgeblähten Ich-Schmerz, machte sich verdächtig, ein übler Reaktionär zu sein. Manchem weniger ideologisch veranlagten Musiker hat das die Annäherung an Mahler verleidet. Daniel Barenboim gehört zu ihnen.
"Mahler hat mich früher nicht interessiert", sagt er, "es hat mich Vieles irritiert in der Musik, als ich jünger war, diese ständigen Zitate, diese Künstlichkeit, diese Nachahmung einer Banda und viele andere Geschichten." Immer wieder gibt es bei Mahler Einblendungen von Kurparkorchestern oder Militärblastruppen, von südländischen Straßenkapellen - Bandas eben - oder Rummelplatzmusik. Diese Banalitäten ragen auf verquere Weise in die Symphonien hinein, ebenso Stil-Zitate anderer Komponisten oder Kuhglockengeläut. Gern wird behauptet, dass hier die Welt jenseits der Musik Einlass begehre in die Kunst. Weil Mahler sich 1910 zu Sigmund Freud wegen einer Ehekrise auf die Couch begab, wird auch gern psychologisiert.
"Das ist der Hauptgrund, warum ich mich mit Mahler so lange nicht beschäftigt habe", sagt Barenboim. "Wann immer man sich mit Kollegen unterhalten hat, über Beethoven etwa, ging es um rein musikalische Dinge. Aber in dem Moment, als man über Mahler gesprochen hat, ging es um Sigmund Freud. Da habe ich immer gesagt: Dann geht zum Teufel! Die Musik ist doch keine Begleitung zur Theorie der Neurosen!"
Barenboim hat jetzt mit der Staatskapelle Berlin die siebte und die neunte Symphonie Mahlers auf CD aufgenommen. Ende des Monats geht er mit dem Orchester, das er seit 15 Jahren leitet, auf große Mahler-Tournee durch Europa. Anfang April spielt seine Kapelle alle Mahler-Symphonien bei den Festtagen der Berliner Staatsoper. Das Dirigieren teilt sich Barenboim dann mit Pierre Boulez. Woher dieser Sinneswandel?
Begonnen hat alles um 1991, als Barenboim Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra wurde. "Da habe ich angefangen, mich gründlich mit Mahler zu beschäftigen. Und ich machte dabei folgende Erfahrung: Wenn ich die Partitur vor mir hatte, konnte ich so viel mehr sehen, als ich gehört habe. Das passiert mir mit anderen Komponisten nicht in dem Maße. Warum? Ich habe gemerkt, dass Mahlers Behandlung der Instrumente auf einem Prinzip basiert, das nicht genug respektiert wird. Sehr oft spielen verschiedene Instrumente die gleichen Töne. Aber die einen fangen laut an und werden dann leiser, die anderen fangen leise an und werden dann lauter."
Vor Mahler wurden meist alle Instrumente gleichzeitig lauter oder leiser gespielt, Mahler aber verwirbelte diesen Energiestrom. "Vielfach wird Mahler so gespielt, dass man die Lautstärkegegensätze ausgleicht, aber dadurch beraubt man die Melodien ihrer Verkleidung oder verändert ihr Gesicht."
Diese gegensätzlichen Lautstärkekurven hat Barenboim auf den bei Warner erschienen CDs mit feinster Präzision herausmodelliert. Am Anfang der Neunten ist alles da: das ins Leere führende Beben der Violoncelli, der sirrende Hornruf, das Rascheln der Bratschen, das matte Seufzen der Violinen. Musikalische Partikel, die ganz beiläufig wirken. Doch spielen sie allesamt Hauptrollen in dem Abschiedsdrama, das nun folgt.
Barenboim wäre diese Beschreibung schon zu subjektiv. Auch wenn man behauptet, dass Mahler hier vor allem einen Zerfall musikalischer Sprache komponiert habe, wehrt Barenboim vehement ab: "Ja, aber entschuldigen Sie, Beethoven macht im Grunde doch das Gleiche. Zuerst spielt er zwar seine Themen durch, aber dann in der Durchführung sehen Sie: Aus der Totalen wird - fotografisch gesprochen - immer ein anderes Element herausgegriffen. Und dieses Element wird dann entwickelt."
Etwas unverständlich ist diese Abwehr schon. Macht es denn die Musik wirklich kleiner, wenn sie etwas mit dem Leben zu tun hat? Dennoch leistet Barenboim als Mahler-Dirigent viel: Er befreit diese Musik von der Ideologie, legt das Konstruktive in ihr frei, ohne die Eindringlichkeit zu mindern.
Gustav Mahler "Symphony No. 7" und "Symphony No. 9" gespielt von Daniel Barenboim und der Berliner Staatskapelle sind bei Warner Classics erschienen.


