"Monster Ball"-Tour

Lady Gaga schickt Madonna in Rente

Im Hamburg und Berlin gab Lady Gaga zwei umjubelte Konzerte. Ihre "Monster Ball"-Show ist derart schlüssig, kurzweilig und erfreulich verstörend, dass ihre Kolleginnen Beyonce, Rihanna und Britney Spears ins Grübeln kommen dürften. Selbst Madonna kann jetzt in Rente gehen.

Unspektakulärer kann man eine Show kaum beginnen. Nach dem Intro hebt sich die Gardine und gibt den Blick auf die Bühne frei, die mit allerhand Leuchtreklamen, einem grünen Schrottauto und einer Treppenkonstruktion zugestellt ist. Irgendwo auf halber Höhe steht Lady Gaga, singt und tanzt im Halbschatten, gerade so, als hätte die 24-Jährige genug von all der Aufmerksamkeit, die sie in den letzten 18 Monaten erhielt.

Fünf Nummer-Eins-Hits in Folge, rund 75 Musikpreise, mehrere Tourneen rund um die Welt sowie alle möglichen Download- und Youtube-Rekorde – statistisch hat ein Fünftel der Weltbevölkerung ihre Videos gesehen.

Doch Lady Gaga hat nicht die Absicht sich im Schatten zu verstecken. Das erste, eher unscheinbare Stück ist nur der Auftakt zu einer der aufwändigsten, spektakulärsten, klügsten und auch mutigsten Shows, die je von einem Star ihrer Größenordnung auf die Bühne gezaubert wurde.

Beyonce, Britney Spears, Rihanna und Pink dürften nach Lady Gagas „Monster Ball“-Show ins Grübeln kommen. Selbst Madonna ist es in ihrer Karriere nie gelungen, solch eine schlüssiges, kurzweiliges und erfreulich verstörendes Konzertkonzept zu entwickeln.

Nicht, weil Gaga eine noch größere Materialschlacht präsentiert – das tut sie –, sondern weil ihre Materialschlacht mehr als Überwältigung will. Sie konfrontiert die rund 9000 Zuschauer mit Dingen, mit denen die Mehrheit sonst nie in Kontakt käme.

Das beginnt schon bei der Wahl der Vorband Semi Precious Weapons, einer New Yorker Tuntentrash-Kapelle, die Hardrock im Stile der New York Dolls zum Besten gibt. Aussage des Sängers, einer wunderbaren Krawallschwuchtel in hochhackigen Glitzerstiefeletten: „An alle Eltern, die ihre Kinder mit zur Show genommen haben. Seien Sie uns nicht böse, wenn wir ihre Kleinen schockieren. Seien Sie uns dankbar.“

Lady Gaga kann sich dem nur anschließen, auch wenn sie es netter formuliert. Ihre „Monster Ball“ –Show handele davon, allen einen Raum dafür zu geben, so zu sein, wie sie sind – den Außenseitern, Freaks, den Unangepassten. Der über zweistündige Auftritt mit allerhand Tänzern, Band und Kostümwechseln ist eine Feier des fröhlichen Radikalindividualismus.

Man sieht Gaga, wie sie sich mit Kunstblut einschmiert, sich in die Bühnenmitte stellt und schreit: „Ich bin Lady Gaga“. Wie sie sich auf den Boden legt und sagt, dass sie sterbe, wenn man ihr nicht applaudiere. Sie sagt: „Es gibt nur eine Sache, die ich mehr hasse als Geld: Die Wahrheit. Ich brauche jede Tag eine Tüte Bullshit“, was sich wörtlich mit „Bullenscheiße“ übersetzen ließe, in diesem Fall aber „Blödsinn“ bedeutet.

Dann räkelt sie sich weiter auf dem Boden und singt „Scheiße, Scheiße, Scheiße“ – selbstverständlich auf deutsch. Nach einem Song steht sie irritierend lang, gedankenverloren am Bühnenrand herum, fummelt sich mit der rechten Hand am linken Arm herum, den sie dann zur Decke streckt.

„Berlin“ steht auf dem Arm, geschrieben mit Blut. „Meine kleine Monsters“, sagt sie, „tonight we are going to be superfree“, heute nacht werden wir superfrei sein. Dazu gibt es alle ihre Hits, „Just Dance“, „Poker Face“, „Paparazzi“ und „Telephone“, allesamt großartige gesungen.

Nach „Bad Romance“ verabschiedet sie sich von der Bühne, erkundigt sich bei ihrem Tänzer nach den richtigen Worten und sagt „Ich liebe dich“ und lächelt. Und das Publikum tobt, denn es liebt sie auch. Wie könnte es auch anders. Lady Gaga ist die größte Künstlerin ihrer Generation.