Comeback

Sade-Songs taugen jetzt zum Gymnastik-Drill

Mit Hits wie "Smooth Operator" oder "Your Love Is King" verkaufte sie in den 80er-Jahren Millionen. Jetzt melden sich Sade und ihre gleichnamige Band nach zehn Jahren Pause mit dem neuen Album "Soldier Of Love" zurück. Gelegentlich eignet sich die Musik jetzt zum Drill im Gym.

In der Regel hatten Musiker und Stars der Achtzigerjahre triftige Gründe, zu verstummen oder zu verschwinden. Musikanten fühlten sich als Tastendrücker missverstanden. Modesünder gingen lieber wieder ihren Lehrberuf nach. Wer Drogen nahm, hielt einfach an seiner Gewohnheit fest.

Seit Gras über die Achtziger gewachsen ist, kehren die Musiker und Stars als Farce zurück. Ihre Comebacks werden gefeiert, weil die kulturellen Leitfiguren heute gern über die eigene Jugend sprechen, über zackige Musik, groteske Fönfrisuren oder Koks zum Frühstück.

Auch Helen Folasade Adu gehört zu den Erinnerungen der Ü 50. Auch Sade hat 1992 und 2000 jeweils ein erfolgreiches Comeback erlebt, als Sängerin mit ihrer gleichnamigen Band, und kehrt nach einer Schaffenspause von zehn Jahren nun erneut zurück.

Die Veteranen freuen sich. Verträumt und ernsthaft reden sie von der Erotik und der Eleganz der Achtziger, von Jazz und von der Traurigkeit, die einen urplötzlich befallen konnte, wenn man in den kalten, blauen Curaçao starrte und sich selber darin sah. Die lächerlichen Strohhüte, die viele sich damals an ihre Hinterköpfe hängten wie die Bandmitglieder, sind zwar keineswegs vergessen. Aber irgendwie hatte Sade schon mit den Albernheiten in den Achtzigern wenig zu tun. Daran hat sich auch in den folgenden Epochen nichts geändert. Plötzlich ist sie wieder da, und die Begeisterung kennt keine Grenzen. Aber niemand weiß genau, wohin sie zuletzt ging, woher sie gerade kam, und was es mit dem neuen, sechsten Album auf sich hat.

„Soldier Of Love“, das Album, zeigt Sade Adu wieder von hinten, weil ihr freier Rücken sich noch immer sehen lassen kann. Ihr Haar ist streng zurück gezurrt und mit zwei Rosen fest gesteckt. Sie schaut auf die Ruinen einer Dschungelstadt in Südamerika. Im Innern des CD-Heftes schwingt sie eine Gitarre, eine Gibson-Firebird, wie eine Streitaxt.

Und im Titelstück singt sie: „I’m at the borderline of faith/ I’m at the hinterland of my devotion/ I’m in the front line of this battle of mine/ But I’m still alive.” An der Grenze des Vertrauens, im Hinterland der Hingabe, an der Front ihres persönlichen Krieges, aber weiterhin am Leben. Eine Söldnerin der Liebe. Im dazugehörigen Videoclip befehligt sie ein Wüstenheer und bändigt einen weißen Hengst, während Gewitterwolken durch die Lüfte jagen.

Davon handelt das beginnende Alterswerk der Sängerin Sade im Wesentlichen: Wie bestreitet man das Leben und die Liebe, und wie übersteht man beides möglichst unbeschadet? Ihre Botschaft: durch Genügsamkeit und Weltflucht.

Damit hat sie schon die Zeitgenossen in den Achtzigern irritiert. Im Zeitalter, das Musiker in Megastars verwandelte, in öffentliche Leitbilder mit offenen Geheimnissen. Sade schien wie geschaffen dafür, sich zwischen Madonna, Michael Jackson, Prince und Whitney Houston einzureihen. Eine Künstlerin von abenteuerlicher Herkunft. Eines jener Wesen, die seit damals „Models“ heißen, weil sie Kleider vorführen und sich dabei fotografieren lassen. Eine Sängerin mit einer vielversprechend eintönigen Stimme und mit dazu passenden Produzenten. Allerdings zog sie es vor, ihre Geschichte nicht mit aller Welt zu teilen, während sie die Welt mit schicken, kühlen Songs versorgte.

Dabei hat Sade es seither auch belassen. Sie lässt sich noch immer nicht persönlich interviewen, allenfalls per E-Mail, die ihr ein Vertrauter weiter leitet. Das Interesse an dem Leben hinter ihren Liedern ist nicht kleiner als vor 25 Jahren, an dem sogenannten Menschen hinter der Musik. Eher größer.

Doch was weiß man schon über Sade Adu? Man weiß, dass sie vor 50 oder 51 Jahren in Nigeria zur Welt kam, als Tochter eines Ökonomen aus Nigeria und einer Krankenpflegerin aus England, und dass sie die Scheidung ihrer Eltern mit drei Jahren zu den Großeltern verschlug, nach Essex, wo sie aufwuchs.

In den Siebzigerjahren soll sie umgezogen sein zu ihrer Mutter in ein Seebad, dann nach London, um dort Mode zu studieren und für ihren eigenen Unterhalt zu modeln. Trotz ihrer geringen Körpergröße, wie es heißt, von 1,63 Meter. In den frühen Achtzigern soll sie ein eigenes Atelier betrieben und mit ihrer Kollektion eine New Yorker Modenschau bestritten haben.

Aufgrund ihrer Attraktivität wirkte Sade in Londoner Funkbands mit, die sich Arriva nannten oder Pride. Die Spürhunde der Plattenfirma CBS wurden auf den im Hintergrund singenden Blickfang aufmerksam. Aus Pride wurde die Band Sade. Mit Stewart Matthewman an der Gitarre und am Saxophon, am Bass Paul Spencer Denman und am Keyboard Andrew Hale.

1983: „Your Love Is King“, die erste Single. 1984: „Smooth Operator“, die zweite Single, sowie „Diamond Life“, das erste Album. 1985: „Sweetest Taboo“, die dritte Single, „Promise“, das zweite Album, sowie „It’s A Crime“, die vierte Single. Die Leser der „Elle“ wählen Sade zur elegantesten Frau des Jahres. 1986: Welttournee und Grammy.

1987: In Julien Temples Film „Absolute Beginners“ singt Sade „Killer Blow“. 1988: „Stronger That Pride“, das dritte Album, damit sind die Achtziger vorüber. 1992 meldet sich Sade mit ihrem vierten Album „Love Deluxe“ zurück, das einerseits den damaligen Acid Jazz begrüßt und andererseits an Aids und Arbeitslosigkeit erinnern möchte, aber auch nicht übertrieben dringlich.

1996 wird sie Mutter eines Mädchens, das angeblich Ila heißt, „das heilige Licht des Mondes“, was Sade als esoterisch aufgeschlossene, also normale Hausfrau ausweist. 1997 wird sie auf Jamaika aktenkundig, als sie einen Polizisten erst knapp überfährt und anschließend beschimpft und der Verhandlung fern bleibt. „Lovers Rock“, ihr Album Nummer fünf, erscheint im Jahr 2000, zwei Jahre danach der Mitschnitt „Lovers Live“. 2005 beteiligt sich Sade mit dem Lied „Mum“ am Album „Voices For Dafur“. Was weiß man noch über Sade?

Nach Jahren des Exils in Spanien und Jamaika soll sie derzeit im Südwesten Englands leben, irgendwo in Gloucestershire. Man hört, dass sie viel raucht und reitet und auf Fleisch verzichtet. Neulich wurde sie sogar zitiert mit der im postmedialen Zeitalter verwirrenden Aussage: „Ich melde mich nur dann zu Wort, wenn ich auch wirklich etwas mitzuteilen habe.“

Wenige Mitteilungen

Viel teilt aber auch ihre Musik nicht mit. Entweder singt sie unglaubwürdige Geschichten wie in „Babyfather“, wo sie auf den Bus wartet und überlegt, ob sich der junge Mann dort drüben wohl als Vater ihres ungeborenen Kindes eigne. Es geht um den Lebensweg als lange, harte Straße („Long Hard Road“) und um die Bitte, sie am Ende glücklich heim zu bringen („Bring Me Home“).

Sade besingt die Sonne im Gesicht, den Wind im Haar und ihre Haut, die sich erneuert Tag für Tag. Es ist zu hören, dass Sade und ihre Band den gegenwärtigen R&B verfolgen und verarbeiten. „Soldier Of Love“, das großartige Titelstück, greift auf elektrische Gitarren, programmierte Beats und Afropop zurück und eignet sich durchaus zum Drill im Gym.

Der Kenner nennt so was moderne Klassiker. Bereits im ausklingenden 20. Jahrhundert hat Sades Musik die Egozentriker der Achtziger in kulturellen Traditionen verortet statt in der Geschichte eines märchenhaften Aufstiegs. Bei Miles Davis und Sam Cooke, in Bossa Nova, Soul und Barjazz. Die Musik war handgefertigt, die Frisuren saßen, Drogen wurden maßvoll konsumiert.

Das Öffentliche war privat und das Private unpolitisch. Überdruss und Wohlstand, Lebensmüdigkeit und Langeweile. Zyklisch meldet sich die Sehnsucht danach wieder – und mit ihr Sade, die gute Gründe hat, alle zehn Jahre aufzutauchen und Musik zu hinterlassen, die den Menschen, auf sich selbst zurück wirft. Aber nie zu heftig.

Sade: Soldier Of Love (RCA)