Hamburger Bahnhof

Wenn unter dem Bett die Rentiere kämpfen

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Julia Siepmann
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Von Rentieren und Fliegenpilzen

In seiner Berliner Ausstellung "Soma" geht der belgische Künstler Carsten Höller dem Mythos des berauschenden Getränks "Soma" nach.

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Carsten Höllers Installation "Soma" im Hamburger Bahnhof kann man nicht nur tagsüber besuchen. Für 1000 Euro darf man dort auch in vier Meter Höhe über dem Rentiergehege übernachten – inklusive Museumsrundgang mit Taschenlampe. Morgenpost Online hat es ausprobiert.

Eingecheckt. Es ist 20 Uhr. In der rechteckigen Museumshalle des Hamburger Bahnhofs ist es zwei Stunden nach der offiziellen Schließzeit mucksmäuschenstill. So ruhig habe ich das taghell erleuchtete Berliner Museum für Gegenwartskunst noch nie erlebt. Das liegt vielleicht an der dicken Schicht Sägespäne auf dem Hallenboden, vielleicht aber auch an der Sprachlosigkeit meiner Tochter. Die siebenjährige Helen, die normalerweise munter drauflosplappert, schaut nun mit offenem Mund auf das Bett, das da in vier Meter Höhe wie ein schwarzes Ufo über dem symmetrisch angelegten Tiergehege schwebt. Sie weiß, dass sie dort oben heute Nacht mit mir und meinem Mann schlafen darf, ausnahmsweise, denn eigentlich ist das Bett für zwei Personen vorgesehen.

Ob wir jedoch tatsächlich zum Schlafen kommen werden, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht, schließlich sind wir nicht allein in der historischen Museumshalle. 24 Kanarienvögel, acht Mäuse, zwei Fliegen und zwölf Rentiere sind auch mit von der Partie, lassen sich jedoch gerade nicht blicken. Nur ihr Geruch hängt deutlich in der Luft.

20.34 Uhr: Noch immer tut sich nichts. Ein paar verwaiste Futtertröge, dazwischen ein paar Zweige Birkenrinde, von den Rentieren sind immer noch lediglich die Hufabdrücke im Streu zu erkennen. „Da hinten bei den großen Pilzen hat sich etwas bewegt“, sagt meine Tochter aufgeregt, nachdem sie kurz eine Geweihspitze im hinteren Teil des Geheges entdeckt hat. Gehege? Quatsch. Ausstellungsraum wäre die korrekte Bezeichnung für diesen eingezäunten Museumszoo. Schließlich sind diese Tiere die Hauptakteure der wohl irrwitzigsten Versuchsanordnung im Bereich zeitgenössischer Kunst der vergangenen Jahre.

„Soma“ hat der Künstler Carsten Höller die Versuchsanordnung getauft, benannt nach jenem sagenumwobenen Trank, der unsterblich machen soll. Schon die Hindus sollen ihn vor 5000 Jahren zu sich genommen haben, um sich den Göttern nah zu fühlen und ihr Bewusstsein zu erweitern. Der genaue Ursprung dieser Erkenntnis versprechenden Droge ist nicht eindeutig geklärt, in vielen Schriften taucht jedoch der Fliegenpilz als wichtigste Ingredienz auf. Da diese Pilzart in der Regel jedoch für den Menschen nur schwer genießbar ist, muss sie im Idealfall durch einen Organismus geschleust und dann als Bestandteil des Urins aufgenommen werden. In Höllers Gedanken-Experiment werden nun der Hälfte der Rentiere Fliegenpilze unter das Futter gemischt und den anderen nicht. Der berauschende Rentier-Urin wird dann auch den Zweitverwertern, der Vogel-, Mäuse- und Fliegengruppe, verabreicht, um zu beobachten, ob die sich auffälliger verhalten als ihre „cleanen“ Artgenossen. Zwitschern die Kanarienvögel in der rechten Voliere lauter als die links? Krabbeln die Mäuse im linken Holzkasten aufgeregter durch ihr Miniaturspielzeug als jene im rechten Käfig? Und liegen die Rentiere rechts so träge im Streu weil sie high sind?

21.05 Uhr: Bevor wir auf unsere gemütliche Aussichtsplattform mit dem Bett klettern, entdecken wir unser Abendessen auf der Zuschauertribüne. Bei Salami, Käse, Oliven und Rotwein schauen wir geduldig auf das noch reglose Panorama. Zuvor hatte uns Herr Knobloch, der freundliche Museumsnachtwächter, mit Taschenlampen und einem Funkgerät ausgestattet. Er ist die ganze Nacht erreichbar, wir können ihn rufen, wenn wir durchs Museum laufen oder das Licht dimmen wollen. So, genug geredet, jetzt aber schnell hinauf aufs „Soma“-Bett. Als wir zur Empore hinaufsteigen, stolzieren auch tatsächlich die ersten Rentiere hinter ihrem Verschlag hervor. Eines wühlt mit seinem Geweih in den Sägespänen, ein anderes läuft zu einem der runden Edelstahltröge, um Heu und Möhren zu fressen. Begeistert klettert Helen die Treppe wieder hinunter und läuft zur linken Gehegeseite. Sofort tritt ein gutmütiges Tier mit kurzen Stummelhörnern nah an das Geländer und knabbert an ihren Hausschuhen. Rentiere sollen die einzige Hirschart sein, die sich vom Menschen domestizieren lässt, haben wir vorher gelesen. Diese hier stammen aus der Uckermark, sind handzahm und haben sogar Namen. „Schnucki“ heißt der kleine Kräftige, „Werner“ ist der Rentier-Bock mit dem imposanten Geweih. Dass der jedoch trotzdem nicht das Leittier der gesamten Herde ist, liegt daran, dass er kastriert ist, hat uns Hausmeister Knobloch vorhin erklärt.

Kurz darauf melden sich auch die Kanarienvögel, Gattung Harzer Roller, und zwitschern munter los. Eine der beiden hinteren als Waagschalen angeordneten Volieren hat leichte Schlagseite. Ob das daran liegt, dass viele der Vögel auf der linken Seite gleichzeitig von der Stange abgehoben und in die Luft geflattert sind? Ist etwa das Soma schuld? „Vielleicht haben sie rechts einfach mehr Streu verwendet“, sagt mein Mann.

22.11 Uhr: So entspannt habe ich noch nie eine Ausstellung genossen. Gemütlich liegen wir auf den schwarzen Kissen und versinken in unseren Beobachtungen. Die Rentiere bewegen sich im Zeitlupentempo durch die Halle, direkt darüber sind wir – ebenfalls Teil des Kunstwerks, eines surrealen Bildes, das sich ununterbrochen, aufgrund der Bewegungen der Tiere, in Nuancen verändert. Unsere Tochter inspiziert die Plattform. Im Nachttisch entdeckt sie neben Wein und Limo auch eine Espresso-Maschine und neben dem Kopfkissen einen Schalter, mit dem sich das gesamte Bett drehen lässt. Wir drehen uns ein paar Mal um die eigene Achse, dann stoppen wir und beobachten Rentier Werner dabei, wie er mit dem Geweih gegen die Brüstung schlägt. Dann muss Werner Wasser lassen. Sein Urin versickert in den Sägespänen, tagsüber wird er von Tierpflegern in an Stangen befestigten Behältern aufgefangen. Die gefüllten Plastikflaschen mit dem Soma lagern wie die Fliegenpilze in Edelstahlkühlschränken, die leise vor sich hin summen.

23.08 Uhr: Nun schnell die Zähne geputzt und den Bademantel angezogen. Dafür müssen wir nicht auf die Museumstoilette, sondern können ein extra für die Ausstellung installiertes Mamorbad benutzen. Das gehört zum Luxus-Arrangement des „Interconti“ dazu, das die Nächte im Soma-Rausch normalerweise für 1000 Euro verkauft.

Nun sind wir bereit für einen kleinen Spaziergang durchs Museum. Helen ruft Herrn Knobloch mit dem Walkie-Talkie. Er lässt das Licht in den Ausstellungshallen löschen, muss aber aus Sicherheitsgründen mit uns kommen. Zuerst geht es in die Beuys-Ausstellung nebenan. Geheimnisvoll werden die wuchtigen Basaltblöcke des Künstlers von den grünen Neonleuchten der Museumsfenster angestrahlt. Draußen leuchtet der Schnee, drinnen wir mit unseren Taschenlampen. Durch den gebündelten Lichtstrahl entdecken wir ganz andere Details als bei einem herkömmlichen Museumsbesuch: die feine Struktur Beuysscher Filzrollen, die Unebenheit der Schiefertafeln, die Staubmäuse unter einigen Skulpturen. Im rechten Museumsflügel, in der Kleihues-Halle, staunen wir über zwei Werke von Andy Warhol. Seine „Diamond Dust Shoes“ und das Porträt von Joseph Beuys funkeln im Schein der Taschenlampe. Beide Arbeiten sind mit Glitzerfarbe gemalt, was bei normaler Neonbeleuchtung kaum erkennbar ist. Hausmeister Knobloch kennt diesen Effekt natürlich, freut sich aber immer noch darüber.

00.20 Uhr: Über Funk lassen wir nun das Licht löschen. Richtig dunkel wird es nicht, das liegt an der Notbeleuchtung am Eingang der benachbarten Rieckhallen. Leise laufen die Tiere durch das Gehege, es ist friedlich, nur zwischendurch knackt ein Gelenk.

04.20–7.30 Uhr: Gegen vier Uhr wache ich auf. Nun ist richtig was los in der Ausstellungshalle. Ein Duzend Rentiere galoppiert mit lautem Getöse direkt unter unserem Bett entlang. Mindestens zwei der Böcke kämpfen miteinander, das Klackern ihrer Geweihe wird begleitet von eigentümlichen Grunzgeräuschen. Ich setze meine Brille wieder auf und schaue lange auf diese surreale Szenerie. Meine Tochter schläft seelenruhig. Gleich wird es hell, dann geht es vom Museum direkt in die Schule, der gepackte Ranzen steht neben dem Bett. Das Frühstück müssen wir aus Zeitgründen ausfallen lassen, aber Kaffee brauchen wir jetzt auch noch nicht. Der Soma-Rausch wirkt noch nach.

Zur Installation „Soma“ des belgischen Künstlers Carsten Höller gehören 12 in der Haupthalle äsende Rentiere, 24 Kanarienvögel, acht Mäuse und zwei Fliegen. Außerdem befinden sich in dem Riesengehege zahlreiche Fliegenpilzskulpturen des Künstlers.

„Soma“ ist bis 6. Februar 2011 im Hamburger Bahnhof an der Invalidenstraße 50-51 in Mitte zu sehen. Katalog: 15 Euro. Eintritt: 8 Euro, erm. 4 Euro, Sammlungen und Soma: 12 Euro, erm. 6 Euro, Info-Tel.: (030) 39783412

Das „Hotelzimmer“ ist Teil der Soma-Ausstellung. Jeweils zwei Besucher können im Bett über dem Gehege eine Nacht verbringen, Kosten inklusive Frühstück: 1000 Euro.