Cannes-Gewinner 2010

Für Weerasethakul ist Kino immer Reinkarnation

Apichatpong Weerasethakul, Cannes-Sieger 2010, spricht mit Morgenpost Online über Thailand, Kino und Seelenwanderung.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Sie wegen der Kämpfe in Bangkok fast nicht nach Cannes gekommen wären?

Apichatpong Weerasethakul: Ja. Mein Pass befand sich in der britischen Botschaft, weil ich für meine weitere Europareise ein Visum brauchte. Die Botschaft liegt in der Roten Zone, wo die Proteste stattfinden. Letztlich stellte mir das Außenministerium einen neuen Pass aus.

Morgenpost Online: Sagen Sie etwas über Ihre Ästhetik.

Weerasethakul: Ich möchte in allen meinen Filmen etwas über meinen Glauben sagen. "Boonmee" spielt im Norden Thailands, wo ich aufwuchs und der Animismus stark verbreitet ist. Das heißt für einen solchen Film, dass die Geräusche der Natur, die Vögel, die Insekten, sehr präsent sein müssen, weil sie Teile der Charaktere sind.

Morgenpost Online: Glauben Sie selbst an Animismus?

Weerasethakul: Ich glaube nicht daran, obwohl ich nicht zu 100 Prozent ausschließen will, dass Seelenwanderung und Wiedergeburt als Tiere oder Pflanzen möglich sind. Auf jeden Fall bin ich mit animistischen Geschichten aufgewachsen, im Kino, im Fernsehen, in Comics. Ich denke oft darüber nach.

Morgenpost Online: Je nach kultureller Herkunft wird Ihr Film unterschiedlich gesehen.

Weerasethakul: Sicherlich. Ursprünglich sollte in "Boonmee" eine Erzählerstimme viele Erklärungen liefern, aber dann haben wir uns entschlossen, die Vorstellungskraft des Publikums zu respektieren. Jeder soll sich seine eigenen Gedanken machen können.

Morgenpost Online: Westliche Zuschauer sind verblüfft, wie oft Sie den Ton Ihres Films ändern.

Weerasethakul: "Boonmee" besteht aus sechs Teilen, und ein jeder ist völlig anders. Die Beleuchtung ist verschieden, der Ort, sogar der Schauspielstil. Ich möchte damit meine Liebe zu den vielen unterschiedlichen Arten des Kinos ausdrücken, mit denen ich aufwuchs und die nun am Aussterben sind.

Morgenpost Online: Sie beleben Kinovergangenheit.

Weerasethakul: Kino ist per Definition Reinkarnation. Hier erinnert sich nicht nur Onkel Boonmee an seine vergangenen Leben, auch ich erinnere mich. Boonmee stirbt an einem Nierenleiden, wie mein Vater. Und viele Bilder, Geräusche und Geistergeschichten sind Erinnerungen an meine Kindheit. Fast die Hälfte von Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" sind Erinnerungen an die Kindheit.

Morgenpost Online: Bald wird das Kino dank der Computer in der Lage sein, längst verblichene Stars in neuen Filmen zu beleben. Geht das in Ihre Richtung?

Weerasethakul: Es ist gar nicht so verschieden davon. Es geht um die Erhaltung und Wiederbelebung von Erinnerungen.

Morgenpost Online: Am Ende lösen sich von zwei Figuren Doppelgänger wie die Seele von Toten und verlassen den Raum. Was wollen Sie damit sagen?

Weerasethakul: Das war eine Idee, die mir erst während den Dreharbeiten kam. Weil es um die Verschmelzung verschiedener Zeitebenen geht, wollte ich die lineare Zeit meiner Geschichte noch einmal aufbrechen. Die Realität teilt sich auf: Die Figuren bleiben im Hotelzimmer zurück, sie gehen aber zugleich auch in eine Karaoke-Bar.