Literatur als Rachefeld

Für de Villepin ist Rivale Sarkozy ein "Höfling"

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Wolf Lepenies

Foto: AFP

Frankreichs früherer Premier Dominique de Villepin bezichtigt in seinem neuen Buch Präsidenten Nicolas Sarkozy eines "höfischen Geistes" .

Die französische Literatur ist ein weites Feld, auf dem auch politische Rechnungen beglichen werden. Jüngstes Beispiel: Der Essay „De l’Esprit de Cour“ des früheren Ministerpräsidenten Dominique de Villepin. Für ihn verkörpert sich das „Unheil“ der französischen Geschichte und Politik im höfischen Geist.

In der Gegenwart, so der Vorwurf, lebt diese „malédiction française“ in Nicolas Sarkozy fort, dem politischen Intimfeind von de Villepin. Dessen Attacke auf den amtierenden Staatspräsidenten ist umso wirkungsvoller, als ihr literarischer Rang nicht zu leugnen ist.

Sarkozy – laut de Villepin – umgeben von Höflingen

Wir erleben einen politischen Familienstreit. Der Premier de Villepin wollte 2007 als Nachfolger Jacques Chiracs auch Staatspräsident werden. Er scheiterte nicht zuletzt an den Intrigen und am Ehrgeiz seines Parteifreundes und Innenministers Nicolas Sarkozy. Seitdem streiten der ehemalige Ministerpräsident und der heutige Staatspräsident auch vor Gericht und bezichtigen sich wechselseitig der Verleumdung.

In diesem Duell hat de Villepin jetzt zu einer scharfen Waffe gegriffen: der Literatur. „De l’Esprit de Cour“ ähnelt einem Kriminalroman, in dem man schon zu Beginn der Lektüre weiß, von welchem Schurken das Schlusskapitel handeln wird: von Nicolas Sarkozy. Für de Villepin ist Sarkozy das abschreckende Beispiel eines „französischen Problems“. Er nennt es den „höfischen Geist“.

Zentrum der politischen Macht ist in Frankreich der Hof. Dies gilt für die Monarchie wie für die Republik. Und in der Republik gilt dies für die Rechte wie für die Linke. Im Elysée-Palast herrschte der Sozialist Mitterand ebenso als Monarch wie seine konservativen Vorgänger. Am Hof wird der Ton von Höflingen bestimmt, die sich als Elite missverstehen.

Frankreich – bis heute eine Monarchie?

Sie schmieren die Rädchen in der Maschinerie der Macht und schmeicheln dem Machthaber, beherrschen Code und Jargon, besetzen die Knotenpunkte der politischen und ökonomischen Netzwerke und nutzen Ritual und Etikette, um nach oben zu buckeln und nach unten zu treten.

„Der höfische Geist“, so de Villepin, „das ist die Anti-Republik, die anonyme Tyrannei des Jeder-für-sich gegenüber dem Wunsch zur Zusammenarbeit, der Egoismus anstelle des Gemeinwohls, das Privileg der Geburt an Stelle der wohlverdienten Belohnung für eine Leistung.“

Das Unglück Frankreichs liegt darin, dass es trotz der Revolution von 1789 nie zu einer wirklichen Republik wurde. Es ist bis heute, in wechselnden Formen und Farben, eine Monarchie geblieben.

De Villepin bewundert General de Gaulle

Im Mittelalter ist der Hof ein Ort der Ritterlichkeit und des opferbereiten Dienens für einen höheren Zweck. Seine Verfallsgeschichte zeichnet Dominique de Villepin, der sich selbst einen „Staatsdiener“ nennt, in Medaillons ähnelnden Skizzen nach, die ebenso präzise wie thesenmutig sind.

Besonders eindrucksvolle Passagen gelingen de Villepin an Wendepunkten der Geschichte, in denen der Versuch unternommen wird, die Herrschaft des Hofes zu beenden: in der Französischen Revolution, zum Karrierebeginn des jungen Bonaparte und in der Dritten Französischen Republik, die als Folge des verlorenen Krieges gegen Preußen 1871 entsteht.

Nicht jeden aber verführt der „höfische Geist“. Es gibt Ausnahmen. Ihnen gilt Dominique de Villepins Bewunderung. Alle überragt der General de Gaulle. Die Aura politischer Prädestination umgibt ihn – wie zuvor den Heiligen Ludwig, Jeanne d’Arc und den Sonnenkönig.

De Gaulle bewegt etwas, passt sich nicht an

De Gaulle ändert die Verhältnisse, statt sich ihnen anzupassen. Ihn leitet nicht persönlicher Ehrgeiz, sondern der innere Drang, seinem Land zu dienen. Er macht Schluss mit der Herrschaft der Parteien und dem „Parlamentarismus der Unfähigen“ und verleiht Frankreich mit dem Präsidialsystem der V. Republik eine bis dahin unerhörte politische Stabilität.

Auch de Gaulle wurde von der Veralltäglichung des Charismas nicht verschont. Sein Mythos aber blieb wirkungsvoll. Der Grund: De Gaulle war ein Herrscher, der keinen Hof nötig hatte. Er verachtete den höfischen Geist.

Zu den wenigen Politikern, die sich nach dem Vorbild des Generals dem höfischen Geist widersetzten, zählt de Villepin Jacques Chirac. Diese Behauptung ist kühn, ihre Botschaft ist klar: De Villepin, der in innerparteilichen Querelen auf der Seite Chiracs stand, ist ein wahrer Gaullist, der durch den höfischen Geist nicht verdorben wurde.

Vernichtendes Bild von Nicolas Sarkozy

Diesem schmeichelnden Selbstbild kontrastiert das vernichtende Porträt Nicolas Sarkozys. Es in Einzelheiten wiederzugeben, ist unnötig – de Villepin wiederholt Vorwürfe, die in jedem Magazin zu lesen sind. Und steigert sie.

Anders als seine Vorgänger im Präsidentenamt hat Nicolas Sarkozy, so spottet de Villepin, noch nicht einmal das Format, sich die Rolle des Monarchen anzumaßen. Sarkozy ist alles andere als ein Souverän, er ist nur ein Höfling, „le premier des courtisans“. Mit Nicolas Sarkozy erlebt die Verfallsgeschichte des Hofes ihren Tief-, erlebt der höfische Geist seinen Höhepunkt. Sarkozy, Originalton de Villepin, ist „ein französisches Problem“.

Doch damit nicht genug. „De l’Esprit de Cour“ handelt auch von den Merkzeichen, an denen sich erkennen lässt, ob ein Politiker in der Lage ist, in seinem Amt den Versuchungen des Hofes und des höfischen Geistes zu widerstehen.

De Villepin beschreibt seine Liebe zur Literatur

Dazu gehört die Liebe zur Literatur. Und niemand, so hat man nach der Lektüre dieses gescheiten und eitlen Buches den Eindruck, liebt die Literatur so sehr wie Dominique de Villepin – und wird von ihr so sehr wiedergeliebt. De Villepin beschreibt, wie er sein Arbeitszimmer als Ministerpräsident im Hôtel Matignon ausgestaltet hatte.

Zur Linken des Schreibtisches die Tür für die Mitarbeiter, zur Rechten die Tür, die zum Büro des Präsidenten führt. Davor zwei Bücherregale, „wo ich vor den Blicken anderer Texte verberge, die mich zum Teil seit meiner Jugend begleiten.

Romane, Memoiren und Biografien vereinen sich dort mit den zahlreichen Poesie-Sammelbänden, zu denen ich fast jeden Tag greife, um in der Magie der Worte das Refugium zu finden, das mich aufrechterhält.“

Seit 2001 bis heute hat Dominique de Villepin in fast jedem Jahr ein Buch geschrieben – und alleine im Jahre 2009 nicht weniger als drei. Mit einem Staatspräsidenten de Villepin, so die Botschaft, hätte im Elysée der Geist der Literatur geherrscht, nicht der Geist des Hofes.

De Villepins politischer Angriff auf Sarkozy

Und Nicolas Sarkozy? Sarkastisch beschreibt de Villepin, wie der „Hyperpräsident“ sich den Reichen andient, die Medien kontrolliert, dem Show-Biz schmeichelt – und Kunst und Literatur angeblich mit Verachtung straft.

Auch Nicolas Sarkozy hat Bücher geschrieben. De Villepin erwähnt sie mit keinem Wort. Als Autor hält de Villepin seinen Konkurrenten für nicht satisfaktionsfähig. Vorsichtshalber hat de Villepin Sarkozy aber nicht nur im Buch attackiert.

Er hat eine neue Partei gegründet, die „République Solidaire“. In den Umfragen liegt sie derzeit bei sieben Prozent der Wählerstimmen. Diese sieben Prozent dürften ausreichen, um 2012 eine zweite Amtszeit Nicolas Sarkozys zu verhindern.

Dominique de Villepin: De l’Esprit de Cour. La malédiction française. Paris 2010, Editions Perrin, 224 S., 18 Euro.