Berlinale 2011

Berufsbezeichnung Playboy – Rolf Eden wird Kino

Aus Palästina ins rauschhafte Nachtleben der Bundesrepublik: ein Dokumentarfilm über den Berliner König des Boulevards.

Genügte es einfach, zu lieben, dann wären die Dinge zu simpel.“ Das schreibt Albert Camus in „Der Mythos von Sisyphos“, dem Handbuch aller Existentialisten, über den „Don-Juanismus“. Nur der Wiederholungstäter, der Liebhaber in Serie, erfährt die Leere im Zentrum des Seins. „Je mehr man liebt, um so mehr festigt sich das Absurde.“

Am Anfang des fantastischen Dokumentarfilms „The Big Eden“, der auf der Berlinale seine Premiere feiert, antwortet Rolf Eden auf die Frage, ob er manchmal an den Tod denke. „Man kann daran gar nicht denken“, sagt der Mann, für den sich die Berufsbezeichnung „Playboy“ eingebürgert hat, mit einem fast schon provozierenden Lächeln. „Da ist man weg wie eine Fliege oder eine Kakerlake. Nach dem Tod gibt es nichts mehr, und deshalb will ich bis dahin jede Sekunde schön leben.“

Wer das Büro von Rolf Edens Immobilienfirma betritt, über einer Karaoke-Bar in Berlin-Charlottenburg gelegen, der wähnt sich in einem Mausoleum aus Zeitungsartikeln. „Berlins berühmtester Playboy zeigt seinen Rentenbescheid“, heißt es auf einem gerahmten Ausriss. „Die Liebes-Schlacht der Eden-Männer“, steht auf einem anderen Blatt: „Wer erobert die süße Kristin (17): Papa Rolf (78) oder Sohn Max (18)?“ Und selbst die Titelseite, auf der die historische Zeile „Gorbi gestürzt“ zu lesen ist, hängt wegen einer anderen Nachricht hier: „Rolf Eden: Baby da, Freundin (29) weg“.

1933 floh er mit seiner Familie nach Palästina

Eden gehört zu jenen Prominenten, für die sich Feuilletonleser fremdschämen, wenn sie im Wartezimmer durch die Illustrierten der vorletzten Woche blättern. Und er hat nie Anstrengungen unternommen, sein Image kulturell zu veredeln. Der erfolgreiche Geschäftsmann, der von 1967 bis 2002 die West-Berliner Diskothek „Big Eden“ betrieb, fühlt sich zu Hause in der Welt der Lokalpresse und des Boulevards. Während Gunter Sachs immer der Kunstsammler bleiben wird, der mit Brigitte Bardot in Saint-Tropez Tisch und Bett teilte, stellt man sich Rolf Eden mit Harald Juhnke auf dem Ku’damm vor. Scheinbar fehlt ihm jene Eigenschaft, die man in der Dramentheorie Fallhöhe nennt.

Doch wer Tiefe nur da sucht, wo sie ausgestellt wird, muss sich selbst den Vorwurf der Oberflächlichkeit gefallen lassen. Tatsächlich erzählt das Leben des Rolf Shimon Eden, 1930 in Berlin geboren, mehr über Deutschland als viele jener Biografien, die mit dem Gütesiegel „kulturell wertvoll“ auf den Büchertischen liegen. Es ist bezeichnend, dass uns ein Dokumentarfilm daran erinnern muss, dass Rolf Eden 1933 mit seiner Familie nach Palästina floh und 1948 unter Jitzchak Rabin im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte, bevor er in seine Heimatstadt zurückkehrte und 1957 das „Old Eden“ gründete. Jener Gastronom, der Berlin nach dem Krieg fast im Alleingang wieder ein Nachtleben von Weltrang verschaffte, hatte die blutige Feindschaft der Deutschen und der Araber nur mit Glück überlebt.

„The Big Eden“ erzählt nicht nur viel über die Clubkultur der Nachkriegszeit, in der Roman Polanski und Mick Jagger ebenso auftauchen wie Tischtelefone und weibliche DJs mit nacktem Oberkörper. Es ist auch ein Film über einen Mann, der Augenblicke so sammelte wie andere Briefmarken. In den Schränken seiner Villa in Dahlem liegen Hunderte von Acht-Millimeter-Filmen, auf denen Eden seine Eroberungen aufnahm. Man sieht auf diesen Filmen, die heute experimentell wirken, barbusige Damen in Pariser Hotelzimmern, auf Partys im Senegal und auf Yachten im Mittelmeer. Immer sprechen sie den Namen, den Ort und das Jahr ins Mikrofon – und wirken so an ihrer eigenen Archivierung mit.

Heute wirkt keine der Verflossenen, die „The Big Eden“ noch einmal in den Zeugenstand ruft, verbittert. Allenfalls eine leichte Melancholie klingt an, wenn die Frauen – und auch Rolf Edens Söhne, die zwischen 13 und 51 Jahren alt sind – über das bindungsunfähige Großfamilienoberhaupt sprechen. „Er ist in der Pubertät stehen geblieben“, urteilt Brigitte, die aktuelle und etwa ein halbes Jahrhundert jüngere Lebensgefährtin, die ihren Vornamen französisch ausspricht und auch ein wenig so aussieht.

Hedonismus als Verdrängungsversuch

„Ist Don Juan traurig?“, fragt Camus in seinem „Mythos von Sisyphos“ – und antwortet nüchtern: „Das ist nicht wahrscheinlich.“ Die Versuchung liegt zwar nahe, Rolf Edens Hedonismus als groß angelegten Verdrängungsversuch zu analysieren, nach einem Trauma zu forschen, das ihn von einer Frau zur nächsten treibt und selbst mit 81 Jahren nicht zur Ruhe kommen lässt. Doch Eden lässt solche Deutungen mit einer Lässigkeit an sich abprallen, die jeden Hobbypsychologen zur Verzweiflung bringt.

In Dörflers Film unterhält sich Eden in Israel mit einem alten Kriegskameraden, dem Schriftsteller Yoram Ka?niuk. „Du bist der Einzige, den ich kenne, der sich nicht als Opfer fühlt“, sagt der. Eden zieht nur die Augenbrauen hoch: „Überhaupt nicht! Ich war der Gewinner.“ Falls dieser Mann eine Überlebensstrategie hat, dann besteht sie darin, sich von niemand auf die Couch legen zu lassen – außer von hübschen, jungen und meistens blonden Frauen.

"Es ist alles sehr gut gelaufen"

Auch wenn Eden in einer weißen Lederjacke hinter dem Schreibtisch sitzt und sein Leben im Zeitraffer nacherzählt, bietet er dem Besucher keine Anhaltspunkte für Brüche oder Krisen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals Streit hatte mit den Damen“, sagt er, umringt von im Halbkreis aufgestellten Fotos. „Es ist alles sehr, sehr gut gelaufen.“ Die Immobiliengeschäfte? „Ich komme vor allem ins Büro, um mir die Bankauszüge anzuschauen!“ Gab es denn nie einen unglücklichen Augenblick? „Ich kann mich nicht wirklich erinnern.“ Der Tod der Eltern? „Ach was, das war ganz normal. Auch wenn meine Mutter bei einem Autounfall starb. Das gehört zum Leben, kann passieren.“

Die Deutschen haben sich daran gewöhnt, von jüdischen Zeitzeugen an die eigenen Taten erinnert zu werden. Dass Juden sich weigern, bei der Vergangenheitsbewältigung mitzuspielen, wird mit Missachtung bestraft – obwohl die Vergnügungskultur der Nachkriegsrepublik durch Figuren wie Hans Rosenthal, Artur Brauner und Rolf Eden geprägt wurde. Paul Spiegel, der verstorbene Zentralratspräsident, betrieb in Düsseldorf eine Künstleragentur und vertrat Otto Waalkes und Boney M.

"Wichtig ist, dass man Komplimente macht"

Schon als er nach Deutschland zurückkam, so Eden in der Dokumentation, habe er über den Holocaust gar nicht mehr nachgedacht: Schließlich sei keiner seiner Freunde und Verwandten ermordet worden. „Aber die Deutschen haben das heute noch nicht verdaut, und das mit Recht. Sechs Millionen Menschen umzubringen, das ist keine Kleinigkeit.“ Wieder lächelt er mit vollendeter Freundlichkeit in die Kamera, man sieht nur ein kurzes Blinzeln in seinen Augen.

Vielleicht macht diese fast schon unverschämte Freundlichkeit das Mysterium des Rolf Eden aus. Immer wieder schwärmt er vom amerikanischen Bestseller „How to Win Friends and Influence People“, der 1937 erschien. Wie macht man Freunde, wie beeinflusst man Leute? „Wichtig ist, dass man ihnen Komplimente macht. Und dass man jeden immer wichtiger macht, als er wirklich ist.“ Das ist nicht nur die Lebensweisheit eines professionellen Verführers, der fürs Versenden von Blumensträußen an seine Liebschaften einst eine Sekretärin beschäftigte – es ist auch eine äußerst großzügige Moral, die den deutschen Zwang zur meistens unfreundlichen Ehrlichkeit ins Leere laufen lässt.

„Man entrüste sich, soviel man will über die Reden Don Juans und über diese ewig gleiche Phrase, deren er sich bei allen Frauen bedient“, heißt es bei Camus. „An den tieferen Sinn der Dinge nicht glauben – das ist die Eigentümlichkeit des absurden Menschen.“ Und so verneige man sich, wenn Rolf Eden seinen Rolls-Royce wieder in der Bushaltestelle vor der „Paris Bar“ parkt.