Berlin-Konzert

Keimzeit trotzen dem Ostrock

Seit fast 30 Jahren ist die Band Keimzeit unterwegs. Einst rockten sie die Kulturhäuser der DDR, heute geben sie Konzerte, die mit dem Lauf der Zeit nichts zu tun haben. Und das ist gut so.

Gestandene Bands, die von der DDR noch übrig sind, beklagen, dass man sie dem „Ostrock“ zuschlägt, 20 Jahre nach der Einheitsfeier. Einerseits zu Recht: Sind Wolfgang Petry, Fettes Brot und Kraftwerk Westrock? Andererseits: Es gibt CDs und Festivals unter dem Motto „Ostrock“ und auch Musiker mit tiefen Wurzeln in der DDR, zum Beispiel Rammstein, die der Fluch nicht trifft.

Dazwischen musiziert die Gruppe Keimzeit. Eine Band aus Lütte, einem winzigen Ort im Westen Brandenburgs, die seit fast 30 Jahren unterwegs ist. Früher lärmten Keimzeit bis zum Koma in den Kreiskulturhäusern.

Jetzt geben sie gesittete Konzerte, oft in ehemaligen Industriegebäuden wie dem Kesselhaus. Mit „Farben“, einem Reggae, fängt es an, und Norbert Leisegang spielt eine Miniaturgitarre, tanzt um seine Musiker wie eine Marionette und scheint mit dem Lauf der Zeiten nichts zu tun haben. Er ist 50. Seine Brauen werden dichter, aber das lässt ihn nur närrischer und jünger wirken.

Leisegang verwelkt nicht mit dem Ostrock. Er singt „Dieses Mal“, „Gott Will“ und „Seltsamer Vogel“, während Keimzeit ihn mit Latinpop begleitet wie eine kubanische Kapelle. Die Besucher freuen sich, dass man den Jahren und den Dingen trotzen kann. Sie stimmen lauthals ein in „Irrenhaus“, und Norbert Leisegang richtet das Mikrofon ins Auditorium und strahlt: „Irre ins Irrenhaus/ Die Schlauen ins Parlament/ Selber schuld/ Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt.“ Ein Lied von 1990.

Bereits in den Achtzigerjahren traten Keimzeit neben den gewöhnlichen Kulturen auf. Sie spielten ranzigen Bluesrock für ein Publikum, dass aussah wie ihre Musik klang. Es war schwer, ihnen das amtlich zu verbieten. In den Neunzigern nahmen sie Platten auf, verblümte Poesie in freundlicher Musik. Noch heute freuen sich die Zuhörer am heftigsten, wenn Keimzeit sich zu „Kling Klang“ durchringen.

Zwar wurde sogar die Familienband der Brüder Norbert, Roland und Hartmut Leisegang von kleineren Umbesetzungen und aktuellen musikalischen Ideen erschüttert. Aber ein Konzert von Keimzeit dauert immer noch drei Stunden, es gibt doppelt soviel Popmusik fürs Geld.

Die letzten Alben trugen Titel wie „Stabile Währung Liebe“ oder „Land in Sicht“, und Norbert Leisegang singt inbrünstig von Leuchttürmen, die man im Zeitalter des GPS nicht länger braucht. Als Sänger steht er staunend vor der Zeit und seinem Land, schüttelt den Kopf und lacht. Und wenn die Leute das für Ostrock halten, kümmert es ihn eigentlich auch nicht.