Morgenpost Online: Herr "Graf", Sie müssen platzen vor Stolz.
Der Graf: Nein. Warum sollte ich?
Morgenpost Online: Sie haben einen neuen Chart-Rekord aufgestellt. Ihr Album „Große Freiheit“ steht zum 15. Mal an der Spitze. Länger stand noch nie ein deutsches Album auf Platz eins.
Der Graf: Gefreut habe ich mich schon, doch ja. Aber ich bin nicht der Typ, der Rekorde jagt.
Morgenpost Online: Ach kommen Sie! Sie haben Herbert Grönemeyer abgelöst. Herbert Grönemeyer! Sein „Ö“-Album hielt sich gerade einmal 14 Wochen oben.
Der Graf: Na ja, gut. Das ist schon Wahnsinn. Und wir sind auch superstolz. Zumal Grönemeyer einer der ganz Großen ist. Mit seiner Musik bin ich schließlich aufgewachsen. Das ist meine Jugend. „Männer“, „Alkohol“, „Flugzeuge im Bauch“. Ich kann jedes Lied mitsingen. So einen Rekord zu brechen, das ist schon was. Eine große Ehre.
Morgenpost Online: Dabei wäre es fast gar nicht dazu gekommen.
Der Graf: Stimmt. Meine Lehrer haben mir mit 18 Jahren gesagt: Mach beruflich etwas, bei dem du möglichst wenig mit Menschen zu tun hast…
Morgenpost Online: …weil Sie so schüchtern waren…
Der Graf: Extrem schüchtern. Ich konnte niemandem in die Augen schauen, habe kaum gesprochen. Es gab Tage, da kam ich von der Schule nach Hause und habe kein Wort mehr geredet für den Rest des Tages.
Morgenpost Online: Wenn Sie eine solche Scheu vor Menschen hatte, warum haben Sie dann angefangen Musik zu machen? Da spielt man doch zwangsläufig vor Menschen.
Der Graf: Weil ich unbedingt ein Instrument lernen wollte. Ich hatte bis dahin nur Dinge gemacht, bei denen ich nicht viel reden musste. Bilder gemalt, Tischtennis gespielt, später Basketball, Volleyball und Badminton. Solche Dinge eben. Mit zwölf Jahren habe ich dann mit dem Orgelspielen angefangen. Da merkte ich plötzlich: ‚Hey, die Leute hören dir zu, ohne dass du reden musst.’ Nach zwei Jahren hat mir das dann aber nicht mehr gereicht.
Morgenpost Online: Und dann?
Der Graf: Habe ich die Orgel verkauft und mir von dem Geld einen Synthesizer angeschafft und einen Drum-Computer. Es war mir einfach zu anstrengend, dauernd nach Noten zu spielen. Dazu gefiel mir die Vorstellung nicht, ständig nur etwas nachzuspielen, was ein anderer einmal so aufgeschrieben hat. Ich wollte etwas anderes machen, etwas Eigenes. Und von da an habe ich eigene Lieder komponiert.
Morgenpost Online: Erinnern Sie sich noch an das erste?
Der Graf: Nein. Das ist wirklich zu lange her.
Morgenpost Online: Wo schreiben Sie eigentlich Ihre Songs?
Der Graf: Überall. Deshalb schleppe ich auch immer meinen Computer mit mir herum. Und wenn mir etwas einfällt, schreibe ich es auf. Textphrasen, Namen für Lieder, Stichwörter nur. Häufig stehe ich mitten in der Nacht auf, weil ich mal wieder irgendeine Idee habe.
Morgenpost Online: Und wie werden dann aus Ideen Lieder?
Der Graf: Ich habe meine Zeit eingeteilt. In die Phasen der Auftritte, in der ich Ideen sammle. Und die Phasen, in der ich im Studio bin. Dort schreibe ich dann meine Songs. Ich gehe morgens hin und bleibe bis zum Abend.
Morgenpost Online: Das klingt jetzt nicht nach dem Leben eines Rockstars, eher ziemlich spießig.
Der Graf: Das bin ich in dieser Hinsicht auch. Meine Einstellung ist: Jeder andere hat auch einen Job. Dort geht er jeden Tag hin. Warum sollte das bei mir anders sein?
Morgenpost Online: Wie lange brauchen Sie für einen Song?
Der Graf: Nicht lange. Das geht ganz schnell. Zehn, 20 Minuten vielleicht. Häufig ist das dann ein Moment, an dem ich einfach spüre: Das muss jetzt raus. Meine Gedanken sind dann plötzlich ganz klar. In diesen Momenten schreibe ich alles nieder, was mir so durch den Kopf schwirrt. Meine Ängste. Meine Hoffnungen. Meine Träume. Alles, was mich belastet. Und wenn ich dann fertig bin, geht es mir auch viel besser. Das ist wie Medizin.
Morgenpost Online: Können Sie ein Beispiel nennen?
Der Graf: Bei „An deiner Seite“ war das so. Den Text habe ich für einen Freund von mir geschrieben, der im Sterben lag und mittlerweile auch verstorben ist. Das ist meine Art damit klarzukommen.
Morgenpost Online: Sie waren nicht immer Musiker. Sie hatten auch einmal ein anderes Leben.
Der Graf: Ich habe nach der Bundeswehr eine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker gemacht und auch in diesem Beruf gearbeitet. Ich wollte etwas Vernünftiges lernen, zur Sicherheit. Schließlich wusste ich ja nicht, ob das mit der Musik jemals klappen wird. Und vor zehn Jahren habe ich dann gesagt: ‚So, ab jetzt nur noch Musik’.
Morgenpost Online: Lange Zeit ziemlich erfolglos. Ihr Album „Große Freiheit“ ist bereits Ihr siebtes. Von den anderen hat man kaum etwas gehört. Haben Sie in den zehn Jahren niemals daran gedacht aufzugeben?
Der Graf: Es gab immer Momente, wo ich mich überdacht habe. Allerdings war in mir immer dieser Funke Hoffnung einmal Erfolg zu haben
Morgenpost Online: Vier Ihrer Alben haben es noch nicht mal in die Charts geschafft.
Der Graf: Und darüber bin ich auch froh.
Morgenpost Online: Wie bitte?
Der Graf: Dadurch hebe ich jetzt nicht ab, wo wir erfolgreich sind. Es war ein extrem langer Weg. Aber ich bin froh, dass es so lange gedauert hat. Man wird reifer. Wir haben früher in Clubs vor nur 50 Leuten gespielt. Mit Backstage-Bereichen ohne Heizung, ohne Fenster und aus den Duschen floss nur kaltes Wasser. Langsam haben wir uns dann Jahr für Jahr hochgespielt, in immer größere Hallen. In die man auch mal seine Eltern einladen kann, ohne dass man sich für den Ort schämen muss.
Morgenpost Online: Und nun spielen Sie vor Tausenden Menschen. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Der Graf: Vor jeder Tour gehe ich Joggen, zwei, drei Mal die Woche. Ich muss schließlich fit sein. Auftritte schlauchen ziemlich. Dazu herrscht bei unseren Konzerten absolutes Alkoholverbot. Und sechs Stunden davor esse ich auch nichts mehr.
Morgenpost Online: Also das klingt jetzt wirklich langweilig. Überhaupt nicht nach Rock & Roll.
Der Graf: So etwas gibt es eh’ nur im Kino. Aber zu unseren Auftritten kommen auch Kinder. Wenn wir da total besoffen auf der Bühne herumtorkeln würden - das ginge gar nicht. Da haben Musiker auch eine Vorbildfunktion.
Morgenpost Online: Sie haben einmal gesagt: „Wenn ich jetzt auf einer Bühne stehe, ist das ein innerer Sieg.“ Wie meinen Sie das?
Der Graf: Dass es genau richtig war, diesen Schritt zu gehen. Alles auf eine Karte zu setzten und Musiker werden. Auch wenn alle mir davon abgeraten haben.
Morgenpost Online: Und irgendwann ist dann Ihr Selbstvertrauen mit Ihnen durchgegangen.
Der Graf: Wie kommen Sie denn darauf?
Morgenpost Online: Sie nennen sich „Der Graf“. Klingt arrogant, ein wenig hochnäsig.
Der Graf: Das verstehen Sie komplett falsch. „Der Graf“ ist ein Pseudonym, eine Art Stoppschild. Ich erzähle nichts aus meinem Privatleben. Und das fängt auch schon beim Namen an. Wenn ich den verrate, lauten die nächsten Fragen gleich: Verheiratet? Wie viele Kinder? Irgendwelche Brüder? Das will ich nicht. Wenn ich als „Der Graf“ unterwegs bin, dann als Musiker, nicht als Privatperson. Aber mit Arroganz hat das nichts zu tun. Im Gegenteil. Ich denke, ich bin ein ganz umgänglicher Mensch. Jeder kann mich duzen.
Morgenpost Online: Das haben wir nun leider verpasst.
Der Graf: Dann lass uns das jetzt nachholen. Ich bin „Der Graf“.
Morgenpost Online: Und der steht immer perfekt geschniegelt mit Anzug auf der Bühne.
Der Graf: Ich bin halt eitel. Das gebe ich zu. Aber das mit dem Anzug hat eher ganz praktische Gründe. Ich bin früher in einem richtigen Gothik-Kostüm aufgetreten, mit Kutte und einer Hose mit Nieten darauf. Ein Einzelstück. Aber das war unpraktisch und auch nicht mehr wirklich zeitgemäß. Der Anzug dagegen schon und er passt zu meinem Pseudonym. Ich besitze zehn Hemden, zehn Krawatten, zehn Hosen, zwei paar Schuhe. Und alle zwei Jahre muss ich alles neu kaufen, weil es durchgerockt ist.
Morgenpost Online: Jetzt, wo wir uns duzen. Vielleicht doch den richtigen Namen?
Der Graf: (lacht) Nein, auch jetzt nicht. „Graf“, das muss langen.
Das „Stars for free“-Konzert des Radiosenders 104.6 RTL mit "Unheilig" am 4. September in der Kindl-Bühne Wuhlheide. Allerdings werden die Karten dafür nur verlost.




