Buddenbrooks

„Sie wachsen wirklich zu einer Familie"

Regisseur Heinrich Breloer beschäftigt sich nach den "Manns" wieder mit Thomas Mann. In Lübeck dreht er seinen ersten Kinofilm nach den "Buddenbrooks". Mit Star-Aufgebot: Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, August Diehl und Jessica Schwarz. Jetzt sind sie in Lübeck aufgetreten.

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In einem Gespräch, damals noch zu seinen „Manns“, zeigte mir Heinrich Breloer verstohlen ein Foto für sein nächstes Projekt, „Speer und Er“, das damals noch in der Vorphase stand: sein Hitler-Darsteller in fertiger Maske. Beängstigend echt. „Erkennen Sie ihn?“ Ich musste verneinen. So ging Breloer vielleicht auch bei seinen Produzenten vor. Hätte er damals allzu früh Tobias Moretti genannt, hätte man womöglich gelacht: das „Kommissar Rex“-Herrchen als Inbegriff des Bösen? Die Besetzung hat, wie man erleben durfte, ihre Wirkung nicht verfehlt.

Bei „Buddenbrooks“, seinem ersten reinen Kino- und Spielfilmdebüt, ging Breloer den umgekehrten Weg. Als erstes wurde die Besetzung bekannt gegeben, eine hoch-, eine höchstkarätige, dann erst gab es ein erstes Maskenbild. Und die Stars wirkten in ihren Kostümen, gelinde gesagt, noch etwas steif.

Armin Mueller-Stahl sagte Tom Cruise ab

Iris Berben als Konsulin, Jessica Schwarz als Tony? August Diehl guckt wie ein Fremdkörper aus seinem Spätbiedermeier-Frack. Und doch schwärmt Breloer von seiner „wunderbaren Schauspielerriege, die wirklich zu einer Familie zusammenwächst.“ Am Montagabend hat er sie vorgestellt, im Rathaus von Lübeck, Manns Geburtsort, wo seit drei Wochen die Dreharbeiten laufen. Um das mediale Interesse zu befriedigen – und danach in Ruhe weiter drehen zu können.

Das Pfund: Armin Mueller-Stahl, „sein“ Thomas Mann, diesmal als dessen literarische Figur, den alten Konsul. Der 76-Jährige hat bereits angekündigt, dass er sich demnächst vom Film zurückziehen werde. Noch drei Werke, dann sei Schluss. Und die Begründung lieferte er gleich mit: Ihm würden nur noch Rollen angeboten, in denen er sterbe. Das sei schon wie eine Generalprobe.

So auch im Stauffenberg-Film „Valkyrie“, in dem er für die Rolle des Generaloberst Ludwig Beck vorgesehen war. An diesem Film hätte er gern mitgewirkt, schmunzelt er, er wäre auch faszinierend gestorben – „er schießt sich tot, aber dreimal daneben.“ In „Buddenbrooks“ bekäme er dagegen „bloß einen ordinären Schlaganfall“. Aber bei Heinrich Breloer konnte er einfach nicht Nein sagen – und sagte Tom Cruise ab.

1978 dauerte das Ganze elf Stunden

Mueller-Stahl sei der Konsul, postuliert Breloer mit derselben Überzeugung, demselben Glanz in den Augen wie seinerzeit bei Moretti. „Er braucht sich gar nicht zu kostümieren.“ Mueller-Stahl wendet ein, ursprünglich habe er ja eine Perücke tragen sollen, sich dann aber dagegen entschieden. Es gebe neben der Maske ja auch noch eine Technik: „die Technik des Spielens.“

Auch wenn es schon drei deutsche Buddenbrooks-Verfilmungen gibt – eine erste von 1924 und die letzte, ein ARD-Elfstünder von 1978 – orientieren sich die Darsteller, wie Breloer, der dadurch erst an den Roman herangeführt wurde, an der Verfilmung von 1959, mit Lilo Pulver, Hansjörg Felmy und Hanns Lothar. Vor allem Diehl weiß, wie hoch die Latte durch Hanns Lothar hängt: „Aber seit wir zu drehen angefangen haben, denke ich kaum noch darüber nach und spiele den Christian einfach so, wie es meinem Verständnis von der Rolle entspricht.“

Jessica Schwarz dagegen hat sich bewusst nichts angesehen: „Ich wollte mir nicht den Schuh von Lilo Pulver anziehen, sondern meine eigene Tony finden. Vielleicht werde ich nach den Dreharbeiten mal in den alten Film reingucken.“ Am pragmatischsten sieht es Mark Waschke.

Hansjörg Felmy war kein echter Konsul

Er ist, als reiner Theatermime, der große Unbekannte in der All-Star-Besetzung, hat aber gerade deshalb am wenigsten Probleme mit immer neuen Verfilmungen, zumal Breloer mit seiner ja eine Allegorie auf die Globalisierung entwerfenwill: „Beim Theater ist das ganz normal, das man immer wieder dasselbe Stück in etlichen Variationen und Interpretationen spielt.“ Waschke spüre auch keinen Erwartungsdruck unter all den Promis: „Ich erlebe das als wunderbares Ensemble.“ Jessica, August und er, sie seien „wie Geschwister“.

Tagsüber drehen sie an Originalschauplätzen in Lübeck – und werden dabei bestaunt wie die „Valkyrie“-Dreharbeiten auf den Straßen in Berlin. Jessica Schwarz empfindet das vor so viel Publikum „fast schon wie Open-Air-Theater“; die Begeisterung ist so groß, dass schon drei historische Lampen „abhanden“ gekommen sind. Abends aber ziehen die „Geschwister“ durch Lübecks Kneipen, wo sie sich schon mal frech als „Buddenbrooks“ vorstellen.

Vielleicht müssten sich die drei aber auch gar nicht so viele Gedanken machen. Auch anno ’59 war die Star-Besetzung, die nur zu kleinen Teilen in Lübeck drehtenSie bräuchten sich auch gar nicht so viele Gedanken zu machen. Denn auch damals, 1959, war die Star-Besetzung keineswegs des Erfolges gewiss. „Der Pulver habe ich’s schon zugetraut“, erinnerte sich später der Produzent Hans Abich, „aber der Felmy war nun wirklich von seiner ganzen Statur her kein Konsul.“

Breloer indes – auch wenn er seine Qualität als Spielfilmregisseur erst noch beweisen muss –, hat schon immer ein gutes Händchen für das Casting bewiesen – und dabei gegen den Strich besetzt. Manfred Zapatka als Helmut Schmidt? Sebastian Koch als Andreas Baader, gar als Klaus Mann? Das hat sich nicht aufgedrängt – und doch gegriffen.

So ein Korsett ist schon hilfreich

Armin Mueller-Stahl entsprach vom Typus her so gar nicht Thomas Mann – und ist jetzt aus der Rolle gar nicht mehr herauszudenken. Es geht eben nicht nur um oberflächliche Ähnlichkeiten. Ein Tom Cruise lässt sich auch nicht daran messen, dass er 20 Zentimeter zu klein ist für einen Stauffenberg. Es geht darum, die Figur, das Charisma auszufüllen.

Vielleicht muss man es ja auch halten wie Jessica Schwarz. Das Korsett helfe, in die Rolle zu finden. Man spüre sofort eine andere Haltung. „Das macht schon viel mit einem.“ Sie habe anfangs eine Blockade gespürt, die mit jedem Drehtag mehr abfalle. Und vielleicht haben die Kostüme bei der ersten Anprobe ja einfach noch nicht optimal gesessen.